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Film Noir Welt

 

 
Harry Lime: "Nobody thinks in terms of human beings. Governments don't. Why should we?" (aus Der dritte Mann von Carol Reed, UK 1949)
 
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Carol Reeds Der dritte Mann, UK 1949  
Edgar J. Ulmers Umleitung, USA 1945
Roy William Neills Schwarzer Engel / Vergessene Stunde, USA 1946

        

Der Film Noir zeigt eine Welt, darin dessen Bewohner nie zuhause sind. Sie sind, obwohl sie dort wohnen, in ihr zugleich fremd. Der Film Noir zeigt eine Welt, deren Menschen also im eigenen Leben oftmals wie Fremde herum irren. Zugleich erscheint ihre Welt der des Zuschauers zum Verwechseln ähnlich oder ihm zumindest vertraut. Das macht den Film Noir so zeitlos attraktiv.Sein Schauplatz ist oft die Großstadt. Ein typischer Film Noir der späten 40er Jahre zeigt im Vorspann die Straßen einer Metropole bei Tag oder bei Nacht. In der Film Noir Stadt gibt es Schluchten voll Schatten, ein Gewimmel von Menschen, eine Flut ununterscheidbarer Signale und Bedeutungen. Die Stadt ist ein Kosmos, dem das Fremdsein Grundstein ihrer Architektur ist.
 
Im Film Noir ist jede Krise aufgrund der Entfremdung ihrer Protagonisten eine individuelle und psychologische. Aus ihr erwachsen schicksalhaft die Verbrechen, Missgeschicke und Unglücksfälle, die der Autor seinen Charakteren zuschreibt. Solche Charaktere eines Film Noirs sind oft vielschichtig und fast immer gebrochen, mitunter hoffnungslos zynisch.
 
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Maxwell Shanes Fear In The Night, 1947
Anatole Litvaks Die lange Nacht, 1947       
Rudolf Mates Opfer der Unterwelt, 1950
 
                                        
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Irving Pichels Quicksand, 1950
Anthony Manns Flucht ohne Ausweg, 1948
  Fritz Langs Gefährliche Begegnung, 1944

 

 
In manchem Film Noir spiegelt die individuelle Krise eines Protagonisten die der Gesellschaft. Themen wie Armut, Rassismus, Sozialdarwinismus und ein oft gnadenloser Materialismus lassen Sozialkritik durchscheinen. Eindrücklich zeigt sich das in Edward Dmytryks Im Kreuzfeuer (1947), Jules Dassins Zelle R 17 (1947) und Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt (1948),in Abraham Polonskys Die Macht des Bösen (1948) und in John Hustons Asphalt-Dschungel / Raubmord (1950).
 
Der Film Noir wird oft als Kriminalfilm seiner Zeit missdeutet. Ein Film Noir muss keine Verbrechen beinhalten, keinen Mord und keinen Totschlag. Solche Elemente dienen im Film Noir vor allem als extremer Ausdruck der Krise. Besonders deutlich wird das in Edgar G. Ulmers Umleitung (1945) und Roy William Neills Schwarzer Engel / Vergessene Stunde (1946). Diese Filme stellen die Frage nach der Verantwortung für die Taten der Protagonisten aufgrund einer Krise. In ihnen ist die individuelle Krise kein Moment. Sie ist ein Dauerzustand. Krise und Leben sind eins.
 
Hier zeigt sich dem Zuschauer ein Wesenselement des Film Noirs – die Ambivalenz. Jedes Geschehen hat mindestens zwei Seiten. Jeder Mensch trägt einen Januskopf. Früher oder später ist nichts, wie es zu sein scheint. Die Ambivalenz allen Lebens ist zugleich Ursache für Entfremdung und Verunsicherung. Sie ist Wurzelgrund und Humus des Film Noirs. So formuliert der für seine Familie liebenswerte Onkel Charlie (Joseph Cotten) in Alfred Hitchcocks Im Schatten des Zweifels (1943): ”You go through your ordinary little day, and at night you sleep your untroubled ordinary little sleep, filled with peaceful stupid dreams. And I brought you nightmares.”
 
Darin liegt für den Film Noir fast ein Programm. Der Antagonist im Film Noir ist nie einfach böse. Er oder sie spiegelt einen möglichen Endpunkt der Krise – das Verderben. Erscheint er selbst als Krise, die er symbolisiert, zeigt sich im Verlauf der Handlung, dass solche ihren Ursprung im Protagonisten selbst hat. Filme wie Max Ophüls' Gefangen (1949), Jules Dassins Die Ratte von Soho (UK 1950) oder Alexander Mackendricks Dein Schicksal in meiner Hand (1957) kommen ohne Mord und ohne Totschlag als Auslöser und Treiber einer Krise aus. Dennoch sind sie durch und durch Film Noir - randvoll von brodelnder, abgründiger Ambivalenz.