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zur Film Noir Foundation

 

Film Noir Stadt

 

 

Mae Doyle D'Amato: "Home is where you come when you run out of places." (aus Vor dem neuen Tag von Fritz Lang, USA 1952)
 
Die meisten Film Noirs spielen inmitten der unüberschaubaren Architektur einer Großstadt. Ihre Lichter und Linien brechen sich so vielfältig, wie sich die Lebenslichter und Lebenslinien der Charaktere im Film Noir ineinander verstricken.
 
Nur selten sind es die Boulevards und noblen Wohnviertel, die den Rahmen des Geschehens bilden, wie etwa noch in Billy Wilders Frau ohne Gewissen (1944) oder Otto Premingers Laura (1944). Sind deren Orte auch eigentümlich heimatlos, so sind es später schmutzige Hinterhöfe und drittklassige Hotelzimmer, herunter gekommene Bars, verrauchte Büroräume oder auch Hafengegenden und Industriegelände, die die Kulisse eines Film Noirs abgeben. Filme wie Jules Dassins Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt (1948), Anthony Manns Side Street (1950), Laszlo Benedeks Rauschgiftbrigade (1949) oder Elia Kazans Unter Geheimbefehl (1950) stellen mit der Wahl ihrer Drehorte die Kehrseiten des Wohlstands-Amerikas zur Schau. Sie bilden, nach Paul Werner, schon in ihrer Bildästhetik die „Antithese zum American Dream“.
 
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Die Topograhie solcher Gegenwelt gestattet Einblick ins Räderwerk einer Gesellschaft, der die Fassade jener zufrieden-glücklichen Bürgersphäre wie ein Werbeclip vorangestellt ist. Sie wird schon in Billy Wilders Frau ohne Gewissen (1944) vom Materialismus der Habenichtse mit einem dauerhaften Zynismus grundiert. Die Tristesse der Film-Noir-Stadt ab 1945 spiegelt die Gemütslage der Protagonisten, die ihr nicht zu entfliehen vermögen. Zugleich dulden ihre Orte kein Verweilen. Ihrem Zerfall entsteigt eine zerstörerische Kraft, die die Protagonisten und das Geschehen im Film Noir voran treibt. Direkt im Anschluss an Laura zeigte Preminger in Mord in der Hochzeitsnacht (1945), wie der mittellose und orientierungslose Eric Stanton (Dana Andrews) im Dschungel der Gesellschaft nach oben zu kommen sucht. Beispielhaft sind auch Edgar G. Ulmers Umleitung (1945), Anthony Manns Side Street (1950) und Joseph H. Lewis’ Gefährliche Leidenschaft (1950), die alle eine ausweglose Flucht zum Leitmotiv wählten.
 
Die meisten Hollywoodfilme der Vierziger wurden in Studiosets gedreht. Erst Jules Dassins Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt  (1948) leitete einen Paradigmenwechsel ein - nämlich vor Ort in der Stadt zu drehen. Henry Hathaways Kennwort 777 (1948) zeigt beeindruckende Aufnahmen des Chicagos der Spätvierziger. In Abraham Polonskys Die Macht des Bösen (1948) sehen wir das New York der Wall Street und das der Hinterhöfe und Feuerleitern. In Alfred L. Werkers Schritte in der Nacht (1948) führt uns Roy Morgan (Richard Basehart) auf der Flucht bis in die Kanalisation von Los Angeles – tief unterhalb des Alltags seiner Bürger. In Akira Kurosawas Ein streunender Hund / Ein herrenloser Hund (JPN 1949) macht der Regisseur von der Metropole Tokio vollen Gebrauch und lässt Toshiro Mifune streckenweise ohne Musik und ohne Dialog durch Labyrinthe aus Innenhöfen, Gassen und Arkaden streichen. "The noir city - the great foul place - rumbles with danger and enticement", resümiert Foster Hirsch in seinem Buch The Dark Side Of The Screen: Film Noir (1981).
 
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New York: Abraham Polonskys Force Of Evil, 1948
  J. Dassins Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt, 1948
Allen Barons Explosion des Schweigens, 1961
 
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 Der Lebensraum Großstadt in den Bildern des Vorspanns und in den Titeln von Film Noirs zwischen 1941 und 1957.
 
Ein europäischer Meisterregisseur, der die Topografie der Städte, in denen er drehte, zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt seiner Filmstoffe machte, war Carol Reed. In drei seiner Werke, die dem Film Noir zuzurechnen sind – Ausgestoßen (UK 1947), Der dritte Mann (UK 1949) und Gefährlicher Urlaub (UK 1953) – spielt die labyrinthische Licht- und Schatten-Architektur der verwinkelten und verzweigten Großstadt eine zentrale Rolle. Ob Belfast, Wien oder Berlin – die Stadt ist sowohl Schutzraum als auch Richtplatz des Schicksals der Reedschen Protagonisten, und entfremdet sich zunehmend von der Alltagswahrnehmung der Zuschauer auf ihren Kinosesseln.
 
Der späte Film Noir und der Post Noir brachten teils meisterhafte Städteportraits, die manchem Werk seinen besonderen Charakter verliehen. Das gilt sowohl für das Los Angeles in Robert Aldrichs Rattennest (1955) als auch für New York in Alexander Mackendricks Dein Schicksal in meiner Hand (1957) und in Allen Barons Explosion des Schweigens (1961).