Steckbrief 7-73

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Bewertung
*****
Originaltitel
He Ran All The Way
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1951
Darsteller

John Garfield, Shelley Winters, Wallace Ford, Selena Royle, Gladys George

Regie
John Berry
Farbe
s/w
Laufzeit
75 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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Los Angeles, Kalifornien: Der Kleinkriminelle Nick Robey (John Garfield) lebt stets bei seiner Mutter (Gladys George) und macht keine Anstalten, sich um einen Job oder seine Zukunft zu kümmern. Als er nach einer Nacht voller Alpträume um einiges zu spät seinen einzigen Freund Al Molin (Norman Lloyd) trifft, versucht er, den für diesen Tag geplanten Überfall auf die Lohngelder der Eisenbahngesellschaft Union Pacific zu verschieben. Doch Al will davon nichts wissen – nichts von Nicks Aberglauben wegen dessen Alpträumen und nichts von einem neuen Termin: “Get the dandruff out of your blood!”  So rauben die beiden an diesem heißen Sommertag die Aktentasche des Geldkuriers (A. Cameron Grant), den Nick in einem Hangar niederschlägt. Eher zufällig wird ein wachhabender Polizist auf sie aufmerksam. Bei einer Verfolgung auf dem Werksgelände wird Al erschossen und Nick seinerseits schießt auf den Wachmann und verletzt ihn lebensgefährlich. In dem Tumult kann er fliehen und nutzt ein öffentliches Schwimmbad, um in der Menge sich selbst und das erbeutete Geld zu verstecken. Als Polizisten in der Schwimmhalle auftauchen und mit dem Bademeister sprechen, wird Nick Robey, ein ohnehin unruhiger Mensch, immer nervöser. Da stößt Peggy Dobbs (Shelley Winters), die ihre Schwimmübungen macht, versehentlich mit ihm zusammen und Robey nutzt die Gelegenheit, sich mit ihrer Hilfe zu tarnen. Nach Schließung des Schwimmbads sucht er sie draußen vor den Toren und bietet ihr an, sie mit dem Taxi nach Haus zu begleiten. Die junge Angestellte einer Bäckerei, die sich von Robey angezogen fühlt, willigt ein…

Der deutsche Titel ist ein Sakrileg, denn er hat mit dem Film absolut nichts zu tun. Ein „Steckbrief“ existiert gar nicht; auch spielt die Polizei kaum eine Rolle. Es bleibt ein Rätsel, wie man den im Original trefflich benannten Film im Februar 1952 mit einem so sinnlos irreführenden Titel ins deutsche Kino bringen konnte. Alles andere an dem letzten Film des Schauspielers John Garfield ist schlicht meisterhaft, vor allem auch die darstellerischen Leistungen Garfields und Shelley Winters’. Die beiden entwickeln im Zentrum dieses Dramas um einen Polizistenmörder auf der Flucht, der sich bei einer Familie versteckt hält und deren Mitglieder als Geiseln hält, eine unglaublich vielschichtige Chemie. Das Schauspiel der beiden, deren Rollencharaktere komplex angelegt sind und im Lauf der Filmhandlung einige Höhen und Tiefen zu durchzustehen haben, wirkt in seiner subtilen Form der Zeit voraus. Überhaupt zeigt He Ran All The Way (Originaltitel) mit seinen wunderbaren Außenaufnahmen von Los Angeles und der meisterhaften Kameraführung und Ausleuchtung der Szenerie durch James Wong Howe (der mit John Garfield schon bei Zum Verbrecher verurteilt (USA 1939) zusammen gearbeitet hatte) eine Filmsprache, die zu der Zeit bestenfalls von Nicholas Ray und Jules Dassin angestrebt und erreicht wurde und damit wider den Trend. So beschreibt Eddie Muller in seinem Buch Dark City: The Lost World Of Film Noir (EA 1998) den Film sogar als "overlooked noir classic that features Garfield's best performance." In seiner bewussten Milieuzeichnung erinnert He Ran All The Way zudem an die ausdrucksstarken Sozialdramen der Dreißiger, etwa an Fritz Langs Gehetzt / Du lebst nur einmal (USA 1937) oder auch William Wylers Sackgasse (USA 1937).
 
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Niemand als William Wyler brachte vier Jahre später einen Film Noir mit ähnlichem Plot unter dem Titel An einem Tag wie jeder andere (1955), doch war dieser (vorletzte Film Humphrey Bogarts) letztlich konventioneller als sein Vorgänger. Genau genommen nimmt John Berry mit He Ran All The Way ein Kinoerleben vorweg, wie es in den USA erst ab den Spätfünfzigern bzw. den Frühsechzigern wieder möglich sein sollte – mit Filmen wie Robert Wise’s Wenig Chancen für morgen (USA 1959) oder Allen Barons Explosion des Schweigens (USA 1961). Berrys Film hat nichts mit dem Glamour und dem naiven Konservatismus im Hollywood der Fünfziger zu tun, wo das politische Klima und die technische Entwicklung für eine Flut seichter Unterhaltung und inhaltlich einen klaren Rückschritt sorgte. Neben Nicholas Rays Im Schatten der Nacht (USA 1948) oder Jules Dassins Die Ratte von Soho (USA 1950) zeigt John Berrys Steckbrief 7-73, was hätte möglich sein können. Doch Dalton Trumbo und Hugo Butler firmierten als vom House Commitee On Unamerican Acticties (HUAC) verfolgte Autoren des Drehbuchs hier bereits unterm Pseudonym Guy Endore. Sowohl John Garfield (der im Mai 1952 mit 39 Jahren an einem lebenslangen Herzleiden starb) als auch Regisseur John Berry wurden mit Berufsverbot belegt – die McCarthy-Ära hatte begonnen und ihre gnadenlose Zensur machte in den USA (nicht nur) dem Film Noir den Garaus.

Exzellente DVD (2009) der Optimum Releasing Ltd. / Studiocanal (UK), die den Film in einer bildtechnisch topp restaurierten Fassung mit sehr gut verstehbarem Originalton, ungekürzt und im Originalformat präsentiert. Für den Film-Noir-Freund defintiv ein Muss und auch sonst jedem Cineasten wärmstens zu empfehlen!
 

Film Noir | 1951 | USA | John Berry | Dalton Trumbo | James Wong Howe | John Garfield | Wallace Ford | Gladys George | Shelley Winters

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