aura, El

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Film Noir und Neo Noir von 1922 bis heute


Bewertung
*****
Originaltitel
aura, El
Kategorie
Neo Noir
Land
ARG/ESP/FRA
Erscheinungsjahr
2005
Darsteller

Ricardo Darín, Dolores Fonzi, Pablo Cedrón, Nahuel Pérez Biscayart, Alejandro Awada

Regie
Fabián Bielinsky
Farbe
Farbe
Laufzeit
134 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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Buenos Aires, Argentinien: Im Foyer einer Bank liegt nachts ein Mann (Ricardo Darín) vor dem Geldautomaten zwischen lauter weggeworfenen Quittungsbelegen. Er wacht auf, erhebt sich und verlässt das Gebäude. Der Mann arbeitet als Tierpräparator in seinem Studio. In aller Ruhe richtet er einen Fuchs her. Eine Frau versucht hereinzukommen, aber die Tür ist verschlossen und der Mann arbeitet weiter. Er liefert zwei Füchse an das Museum für Naturkunde, wo soeben eine größere Ausstellung vorbereitet wird, doch viele der Modelle sind beschädigt. Hier trifft er seinen Kollegen Sontag (Alejandro Awada), der sehr geschäftstüchtig und erfolgreich ist. Die beiden sehen sich einige der beschädigten Modelle an. Sontag fragt den Präparator, ob er noch unter epileptischen Anfällen leide und jener bejaht. Schließlich verfügen sie sich in den Kassenraum, um ihr Geld zu empfangen. Zwei Beamte eines Sicherheitsdienstes holen soeben mit zwei Taschen das Bargeld der Einnahmen ab. Der Tierpräparator rechnet seinem Kollegen Sontag vor, was hier bei einem Überfall zu holen wäre und erklärt ihm, wie man es genau anstelle müsse. Er hat die Gabe eines fotografischen Gedächtnisses – nichts entgeht ihm, nichts kann er jemals vergessen. Sontag lädt ihn übers Wochenende zu einem Jagdausflug ein und die beiden fliegen nach Süden in die Wälder Patagoniens. Dort angekommen, teilt ihnen der Hotelier (Guido D’Albo) zu seinem Bedauern mit, dass aufgrund besonderer Umstände, es ist das letzte Casino-Wochenende der Saison, alle Hotels der Gegend belegt sind. So versuchen sie ihr Glück bei dem Jäger Carlos Dietrich (Manuel Rodal), der einige Hütten zu vermieten hat. Auf dessen tief in den Wäldern gelegener Farm treffen sie aber nur seine Frau Diana (Dolores Fonzi), ihren Bruder Julio (Nahuel Pérez Biscayart) und Dietrichs Hund…
 
Die Dunkelheit des Alltags wartet im Film Noir in unmittelbarer Nachbarschaft der mit Regeln und Formalien gespickten Bürgerwelt, die aus Perspektive des Film-Noir-Protagonisten kaum noch real scheint. Langsam, finster, bedrohlich! All das ist El aura von der ersten Minute an. Und er ist es aufgrund der Psychologie seiner Hauptfigur, des Tierpräparators, der die Gesetze der bürgerlichen Sphäre geringschätzt. Idioten seien sie, Verbrecher und Polizisten gleichermaßen, gibt er dem Kollegen Sontag schon im Kassenraum des Museums zu verstehen. Einzig deshalb würden Überfälle, die real passieren, auch schiefgehen, allesamt schlecht geplant und noch schlechter ausgeführt. Der Mann mit der Gabe des fotografischen Gedächtnisses bewegt sich wie eine biblische Figur durch dieses Drama – wie unter einem Fluch, der ihn nie etwas vergessen lässt, und zugleich im Vertrauen darauf, dass genau das ihn keinen Fehler wird machen lassen. So erscheint, was wie unbeabsichtigt seinen Lauf nimmt, - ein Unfall nämlich, ein Unglücksfall - von Mächten knapp unterhalb der Schwelle seines Bewusstseins präzise vorbereitet. Etwas in ihm selbst lässt ihn tun, was er immer hatte tun wollen und sich so lange versagte, nun da sich eine Gelegenheit bietet. Dabei täuscht auch den Zuschauer das Zusammenspiel von Auffassungsgabe und Epilepsie, die ihren Tribut fordert. Nur langsam scheint der Mann voran zu schreiten, nur langsam sich von seinen Anfällen wieder zu erholen. Im entscheidenden Augenblick ist er schneller als jeder Andere.
 
Ricardo Darín spielt den latent autistischen Charakter des Präparators meisterhaft. Regisseur Fabián Bielinsky, der im Jahr nach Aufführung seines Film Noirs mit 47 Jahren einem Herzinfarkt erlag, erweist sich als ein unglaubliches, nun für immer verlorenes Talent. In 134 Minuten, darin die Handlung mit der Ruhe und in der zupackenden Art erzählt wird, die auch für die seelenverwandten In The Electric Mist (FRA/USA 2009) von Bertrand Tavernier oder Lantana (AUS/GER 2001) von Ray Lawrence charakteristisch war, ist keine Einstellung verschenkt. Kameramanns Checco Vareses Umgang mit Licht und Schatten, die Illumination der Farm als nächtliche Insel, die Natur- und die Tieraufnahmen als Blaupause fürs im letzten Viertel mächtig dramatische Geschehen – all das ist grandios inszeniert. Die Geschichte erscheint in der zweiten Hälfte von Raoul Walshs Entscheidung in der Sierra (USA 1941) inspiriert: Mehrere Männer, in der Einöde von einem unbekannten Drahtzieher herbei gerufen, und eine Frau warten, dass es los geht, doch im Nu nehmen ihre Rivalitäten ihre Differenzen, ihre Falschheit das spätere Drama nach dem Raub vorweg. In Robert Siodmaks Rächer der Unterwelt / Die Killer (1946) und Gewagtes Alibi (1948) ging es je um den Überfall auf einen Geldtransport und um das doppelte Spiel aller daran Beteiligten. Film Noir: Wer ist wirklich, der er behauptet zu sein? Wer weiß mehr, als die Anderen nur ahnen? Der Filmkritiker A.O. Scott schrieb in der New York Times: "Mr. Bielinsky made use of a familiar film noir vocabulary, but not for the usual young-filmmaker-in-a-hurry purpose of showing off his facility with genre tricks. Rather, his movies restore some of the clammy, anxious atmosphere that made the old noirs so powerful to begin with." Doch Fabián Bielinskys Meisterwerk von einem Vermächtnis lief in Deutschland nie im Kino. Eine BD oder DVD gibt es hier auch nicht. Unbegreiflich, denn der Film ist ein Muss!
 
Man findet online von El aura argentinische, US-amerikanische, französische und andere DVD-Editionen, bildtechnisch in Toppqualität, die stets die original spanische Tonspur mit zumeist auch englischen Untertiteln bieten, ungekürzt und im Originalformat 2:35:1 Widescreen. Einer der eigenwilligsten Filme des neuen Jahrtausends!
 

Neo Noir | 2005 | International | Fabián Bielinsky | Ricardo Darin

Submitted by Gast (nicht überprüft) on 6. November 2015 - 22:24

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Zum letzten Abschnitt bezüglich der Verfügbarkeit möchte ich anfügen, dass es mit VÖ-Datum 3.4.2007 auch eine schweizerische DVD gibt. Die DVD hat spanischen O-Ton und deutsche Untertitel und ist bei dem Label XenixFilm mit der EAN 7611372250455 erschienen. Zum Zeitpunkt dieses Eintrags (6.11.2015) ist die DVD immer noch erhältlich. Die Version ist auch bei OfDb eingetragen.

Der Film gehört eigentlich in jede Sammlung eines Noir/Neo-Noir-Liebhabers.

Submitted by Robert Poyer -… (nicht überprüft) on 19. März 2017 - 12:32

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Mit Ihren Beschreibungen fast immer einverstanden, muss ich diesmal bei obigem Film sagen, dass ich nicht verstehe, wieso sie diesen so
hochloben.Für mich ist der Film ein ganz mieser "Randolph Scott" Verschnitt. Für mich unverständlich, dass sich ein Ricardo Darin für solch
einen Mist hergegeben hat, primitiv die Handlung. Für den Zuschauer unverständlich das meiste, so dass man bei Wikipedia nachlesen muss.
Ich würde jedermann vom Kauf (oder auch vom Konsum) dieses Machwerkes abraten. Darin spielt wie immer erstklassig, ich habe alle seine
FIlme, begonnen vom Chinesen bis Wild Tales, Der Sohn der Braut, usw. Er ist ein Superstar. Überdenken Sie mal Ihr Loblied, auch das ist
für mich unverständlich - tut mir leid.

Wir haben schon seit Jahren Kontakt, Herr Poyer, aber überraschend und wenig nachvollziehbar erscheint mir im Gegenzug ihre harsche Reaktion auf Fabien Bielinskys "El aura". Inwieweit der Charakter mit den für Randolph Scott typischen Rollen in Western, wo jener besonders bei Budd Boetticher zwischen 1956 und 1960 zwar den einsamen Wolf aber einen solchen von brav konservativer Gesinnung gibt, viel gemeinsam haben soll, bleibt mir ein Rätsel. Der Tierpräparator ist eine gänzlich andere, sich selbst rätselhafte und vollends anarchistische Figur. Als Eddie Muller im Januar 2017 auf dem Festival "Noir City" in San Francisco den Film zeigte, gab er zu verstehen, dass er sich um seinen bevorzugten Neo Noir der 2000er handelt. Das ist nicht ganz meine eigene Wertung, aber in den Top 10 der letzten 15 Jahre würde er als Neo Noir bei mir sicher einen Platz finden.

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