Straße der Versuchung

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Bewertung
*****
Originaltitel
Scarlet Street
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1945
Darsteller

Edward G. Robinson, Joan Bennett, Dan Duryea, Margaret Lindsay, Rosalind Ivan

Regie
Fritz Lang
Farbe
s/w
Laufzeit
98 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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© Universal-International Pictures Inc.
 
New York, 1934: Als Buchhalter arbeitet Christopher Cross (Edward G. Robinson) seit nunmehr 25 Jahren für den Textilhändler J.J. Hogarth & Company. Auf der feuchtfröhlichen Feier anlässlich dieses Jubiläums überreicht J.J. (Russell Hicks) dem treuen Mitarbeiter eine Taschenuhr mit Gravur und hält selbst eine Rede auf ihn. Kollegen und Gäste beobachten durchs Fenster, wie Hogarth, ein Mann um die sechzig, in ein Auto steigt, darin eine junge Frau (Kerry Vaughn), offenbar ein Callgirl, ihn schon erwartet. “I wonder what it's like to be loved by a young girl”, sinniert der erstaunte Chris Cross, wie man ihn gern auch nennt, gegenüber seinem Kollegen Charles Pringle (Samuel S. Hinds). Als die beiden das Fest verlassen, regnet es in Strömen und Cross bietet Charlie an, ihn bis zur Bushaltestelle zu begleiten. Leider verpassen sie den Bus und nach einigem Hin und Her beschließt Cross, seinen Heimweg zu Fuß anzutreten. In einer einsamen Seitenstraße beobachtet er, wie ein Mann (Dan Duryea) eine Frau (Joan Bennett) derart verprügelt, dass sie zu Boden geht. Cross schreitet ein und schlägt den um ein Vielfaches jüngeren Mann mit seinem Regenschirm nieder. Als er an der Straßenecke einen Polizisten herbei ruft, hat die geschlagene Kitty ihrem Freund Johnny Prince, der selbst ihr Schläger war, bereits zur Flucht verholfen. Den Polizisten schickt sie in die falsche Richtung; Cross überredet sie dazu, sie nach Hause zu geleiten, noch bevor der Gesetzeshüter zu ihnen zurückkehren könnte. Vor ihrem Apartmentblock angekommen, schlägt der von der charmanten Kitty verzauberte Buchhalter und Hobbymaler vor, in einer im Souterrain gelegenen Bar einen Kaffee zu trinken, und Kitty willigt ein…

Filmwissenschaftler und Biografen Fritz Langs sortieren einige seiner Filme gern zu Paaren, die nach ihrer Meinung zueinander gehören. Tatsächlich hat Lang gern in direkter Folge mit dem gleichen Ensemble von Darstellern und Leuten hinter der Kamera eine artverwandte Geschichte verfilmt. Blinde Wut (1936) und Gehetzt / Du lebst nur einmal (1937) verbindet außer Sylvia Sidney vor allem der Blick auf die Justiz in den USA der Dreißiger. Heißes Eisen (1953) und Lebensgier (1954) zehren stark von der Chemie, die Glenn Ford und Gloria Grahame entwickelten. Besonders auffällig ist aber die Verbindung zwischen seinen zentralen Film-Noir-Werken der Vierziger, nämlich Gefährliche Begegnung / Der Erpresser (1944) und Straße der Versuchung (1945). Hier finden sich Edward G. Robinson, Joan Bennett und Dan Duryea zweifach als Trio in den Hauptrollen - zumal in solchen, die denen des jeweils anderen Films fast gleichen. Einmal mehr steht in Straße der Versuchung Milton R. Krasner hinter der Kamera, einmal mehr geht es u.a. um Malerei und einen Maler, zudem liegt auch die Straße der Versuchung in New York und dürfte in den gleichen Studiobauten gedreht worden sein. All das könnte zur Annahme leiten, dass Lang nur eine Version von Gefährliche Begegnung / Der Erpresser lieferte, schwächer womöglich – aber genau das Gegenteil ist der Fall.
 
 

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Die Charaktere in Straße der Versuchung sind triebhaft, bigott, habgierig und allesamt lieblos und ungeliebt, damit zum Teil auch tragisch. Dieser Film Noir ist bis ins Finale so schonungslos wie Edgar J. Ulmers Umleitung (1945) und ansatzweise so zynisch wie Billy Wilders Frau ohne Gewissen (1944). Auch in Langs Film kennt das Amerika der Gegenwart fürs Glück stets nur ein und dieselbe Metapher: Reichtum! Dafür versuchen (bis auf Christopher Cross) alle wirklich alles - insbesondere jedwede Form von Arbeit zu vermeiden. Am 4. Januar 1946 indizierte das New York State Censor Board Fritz Langs Straße der Versuchung aufgrund der Vollmacht, die Aufführung von Filmen zu verbieten, die “obscene, indecent, immoral, inhuman, sacrilegious“ seien oder “would tend to corrupt morals or incite to crime“. Heute gilt Straße der Versuchung als Langs wohl bester Film aus der Zeit vor der McCarthy-Ära und dem rigiden Konservatismus in den USA der Fünfziger. Spätere Hollywoodfilme von ihm litten zumeist an ihrem jeweils fadenscheinigen Happy End, das z.B. bei Gardenia – eine Frau will vergessen (1953) oder Die Bestie (1956) geradezu absurd anmutet und deren Genuss stark beeinträchtigt. Straße der Versuchung erscheint bis heute als ganz aus einem Guss - ein Film Noir par excellence und einer der zeitlosen Meilensteine dieser Stilrichtung. Unbedingt ansehen!

Auf DVD liegt der Film (als einer der Public Domain) unterm Originaltitel Scarlet Street weltweit in mehreren, bildtechnisch teils katastrophalen Fassungen vor. Empfehlenswert ist die englische DVD von Odeon Entertainment (2008), die bildtechnisch exzellent restauriert ist, ungekürzt und im Originalformat, ohne Untertitel und mit (sehr gut verständlichem) englischem Ton, sowie inkl. eines vierseitigen Booklets mit einem Essay von Alan Byron.
 

Film Noir | 1945 | USA | Fritz Lang | Milton R. Krasner | Dan Duryea | Edward G. Robinson | Fritz Leiber | Lou Lubin | Will Wright | Joan Bennett

Submitted by Gast (nicht überprüft) on 28. März 2013 - 8:34

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Ich habe mir vor einer Woche die englische DVD von 'Eureka' zugelegt (Laufzeit 103 Minuten). Auf dem Cover steht zwar "fully restored and digitally remastered', doch das Bild ist teilweise ein wenig unscharf, der Ton immerhin ganz okay.

Das 'Lexikon des Internationalen Films' (Rowohlt Verlag) meint: "...optische Brillanz und darstellerische Präzision machen auch diesen schwächeren, sehr düsteren Kriminalfilm Langs interessant...".

Die guten schauspielerischen Leistungen kann ich nachvollziehen, die "große Düsternis" nicht. Im Gegenteil: Insbesondere der herrlich naive Robinson, seine Gattin und auch Duryea spielen zuweilen hart an der Grenze zur Parodie und manchmal (un)freiwillig komisch.

Die Figur des knauserigen und keifenden Hausdrachen, der ständig dem verstorbenen ersten Ehemann nachtrauert und streng die Ersparnisse hütet sowie die (Jagd-)Szenen mit den Kunstsammlern und Kolumnisten in der Galerie sind von Lang wohl auch bewusst so angelegt und überzeichnet. In diesen Passagen hat 'Scarlet Street' für mich etwas von einer schwarzen Komödie und eine für den Regisseur untypische Lockerheit.

Wirklich düster und fatalistisch ist für mich im Vergleich dagegen Langs beklemmendes Anti-Nazi-Drama 'Hangmen Also Die!', zwei Jahre vorher inszeniert und für mich bis heute sein eindrucksvollstes Werk aus den Vierziger Jahren - neben vielen sehr guten.

Submitted by Gast (nicht überprüft) on 22. August 2013 - 11:58

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Beim erneuten Anschauen vergangene Nacht sind mir einmal mehr die das Genre stellenweise fast schon parodierenden Elemente, das zum Teil grotesk übersteigerte Rollenspiel von Robinson und seiner biestigen Ehefrau aufgefallen.

Die Behauptung, 'Scarlet Street' wäre bis ins Finale hinein so schonungslos wie der im gleichen Jahr entstandene 'Detour' ('Umleitung', USA 1945) von Edgar J. Ulmer, halte ich für unhaltbar. Wiederholt wird die im Prinzip durchaus tragische Geschichte durch ironische Zwischentöne aufgelockert.

Offensichtlich haben hier in der Vergangenheit zahlreiche Kritiker einen anderen Film gesehen. Zu den wenigen, denen die feinen Zwischentöne in Langs Streifen nicht entgangen sind, zählen die deutschen Autoren Heinzlmeier, Menningen und Schulz. In ihrem Buch 'Kino der Nacht' (1985) zitieren sie in ihrer Analyse zu 'Scarlet Street' den Schriftsteller, Drehbuchautor und Biographen Gavin Lambert: "Die ranzige Liaison von Lazy Legs und ihrem Johnny und die Parallele von Cross und seiner hässlichen boshaften Frau werden mit einer unbarmherzigen Ironie beobachtet..."

Barolojoe

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