Brügge sehen… und sterben?

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Bewertung
****
Originaltitel
In Bruges
Kategorie
Neo Noir
Land
UK/USA
Erscheinungsjahr
2008
Darsteller

Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Jérémie Renier

Regie
Martin McDonagh
Farbe
Farbe
Laufzeit
107 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© Universum Film GmbH

Brügge in Belgien: Die in London ansässigen, irischstämmigen Auftragskiller Raymond (Colin Farrell) und Ken Daley (Bredan Gleeson) sind soeben im vorweihnachtlichen Brügge, Hauptstadt des belgischen Westflanderns angekommen. Deren historische Gebäude und das noch vom Mittelalter geprägte Stadtbild beeindrucken Ken auf der Stelle, während Ray ihre Situation im Winterwetter der malerischen Provinzstadt von vornherein als eine Strafe empfindet. Die beiden wurden von ihrem Boss Harry Waters (Ralph Fiennes) dazu verdonnert in Brügge unterzutauchen, nachdem Ray bei seinem ersten Auftrag nicht nur das Mordopfer, einen katholischen Priester (Ciarán Hinds), sondern versehentlich auch einen zum Zweck der Beichte in der Kirche weilenden Schuljungen (Theo Stevenson) erschossen hatte… Als sie jetzt bei der schwangeren Marie (Thekla Reuten) im Hotel De Rozenkransje – Brugge einchecken, stellt Ray zu seinem Entsetzen fest, dass Harry für zwei Wochen im Voraus gebucht hat und obendrein nur ein Doppelzimmer. Marie teilt ihnen mit, dass sie aufgrund der vielen Touristen in Brügge zur Adventszeit kein zweites Zimmer anbieten kann und die beiden Iren checken ein. Ken, der Ältere, ist der Ansicht, dass sie unbedingt Harrys weitere Instruktionen abwarten müssen, demgegenüber Ray maximal zwei Tage in dem Nest ausharren will. Auch bei einer ersten Bootsfahrt über Brügges Kanäle ist es allein Ken Daley, der dem Charme und der Patina jener mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten weiterhin verfallen ist…

 

“Ray’s fate in the story is (…) a noir characteristic with a slight variation (…): Ray isn’t willing simply to give in and accept the code of ethics as defined by his boss”, schreibt Marianne in ihrem Blog Make Mine Film Noir und trifft nach meinem Dafürhalten einen zentralen Aspekt des wundersamen Debütfilms seines Autors und Regisseurs Martin McDonagh. Wundersam ist das Werk schon deshalb, weil es weder eine Komödie noch ein Gangsterfilm und dennoch beides in einer Art ist, die womöglich nur den Iren ins Stammbuch geschrieben ist, indem McDonagh eine für seine zentralen Akteure dramatische und teils tragische Situation mit einem Humor würzt, wie er schwärzer kaum vorstellbar ist. Einzig zwischen allen Stühlen findet Brügge sehen… und sterben? seinen Platz. Anstatt damit auf dem Boden zu landen, gewinnt man als Zuschauer im Nu den Eindruck, dass es für diese Geschichte genau der richtige Ort ist. Sein Schöpfer Martin McDonagh begann im Alter von 26 Jahren als Dramatiker und brachte im Jahr 1996 seine ersten Theaterstücke auf die Bühne, denen bald weitere folgten. Es ist die Erfahrung als Autor, die sich in seinem Debüt als Regisseur eines abendfüllenden Spielfilms so positiv niederschlägt. Sein in der pittoresken Kulisse des belgischen Touristenorts Brügge angesiedeltes Kriminaldrama ist feines Erzählkino, das vor allem über die komplexen Beziehungen aller Rollencharaktere Spannung erzeugt und die Neugierde seiner Zuschauer wieder und wieder anstachelt. Dabei sind nicht allein der Erzähler aus dem Off, das Stilmittel der Rückblende oder die Stadt bei Nacht Elemente eines Film-Noir-Kosmos. Denn so vieles ist eben nicht, was und wie es eingangs zu sein scheint. Vor allem entwickelt sich die Handlung in Richtungen jenseits des (typischen) Erwartungshorizonts und wartet mit Überraschungen auf, die im Kontext ebenso aberwitzig wie stets logisch und folgerichtig scheinen.

 

“So, what do you do, Raymond?” – “I... shoot people for money." Der Humor gerät wie die Filmhandlung immerfort absurd, sobald die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sich zu Wort meldet oder sie schlicht Tatsachen schafft. Neben jener Riege irischer und englischer Schauspieler im Zentrum überzeugen auch all die Nebendarsteller aus Belgien, Frankreich, Holland und Slowenien. Besonders Clémence Poésy, die als in Brügge gebürtige Drogendealerin Chloë Villette für Ray zur romantischen Liaison wird, und Thekla Reuten als Marie, die als Mitinhaberin des Hotels, darin Ken und Ray absteigen, Geistesgegenwart und Herz beweist, bewähren sich als jeweils perfekte Besetzung. Neben einer stimmungsvollen Musikbegleitung des US-Amerikaners Carter Burwell, seit deren Erstling Blood Simple - Eine mörderische Nacht (USA 1984) Hauskomponist für Joel und Ethan Coen, setzen Songs von The Dubliners, Townes Van Zandt und The Pretenders sparsam die richtigen Akzente. Brügge sehen… und sterben?, der hin und wieder auch Zeitgeist wiederspiegelt, schrammt am Meistwerk nur knapp vorbei und sei Freunden rabenschwarzer Filme mit einem deftigen Schuss irischen Humors ganz unbedingt empfohlen.

 

Via Universum Film GmbH, München, gibt es eine jeweils bild- und tontechnisch exzellente BD und auch DVD (2009) mit dem Film ungekürzt im Originalformat, dazu die original englische Tonspur und die (auf keinen Fall empfehlenswerte, den Film verfälschende) deutsche Kinosynchronisation, dazu optional deutsche oder auch englische Untertitel. Als Extras gibt es den original Kinotrailer, diverse Interviews, geschnittene Szenen sowie viele weitere Features zur Entstehung des Werks.

 


Neo Noir | 2008 | UK | Martin McDonagh | Brendan Gleeson | Ciarán Hinds | Colin Farrell | Ralph Fiennes

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