Dame im Auto mit Brille und Gewehr, Die

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Bewertung
***
Originaltitel
The Lady In The Car With Glasses And A Gun
Kategorie
Neo Noir
Land
FRA/USA
Erscheinungsjahr
1970
Darsteller

Samantha Eggar, Oliver Reed, Stéphane Audran, John McEnery, Billie Dixon

Regie
Anatole Litvak
Farbe
Farbe
Laufzeit
105 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Paris, Frankreich: Die Sekretärin Danielle Lang (Samantha Eggar), von Kollegen und Freunden “Dany“ genannt, arbeitet in der Werbeagentur Michael Caldwells (Oliver Reed). Es ist Freitagnachmittag und Dany plant über das Wochenende ans Meer zu fahren, als ihr Chef sie zu sich ins Büro zitiert und ihr eröffnet, dass er am morgigen Vormittag nach Genf reisen muss. Ein Marketingbericht sei mit handschriftlichen Korrekturen versehen worden, und er brauche ihn morgen früh in vierfacher Ausfertigung. Für einen Bonus bittet er Dany, ihn bei sich zuhause bis zum Morgen abzutippen. Caldwell ist mit Danys ehemaliger Freundin Anita (Stéphane Audran) verheiratet; die beiden teilten sich seinerzeit sogar ein Apartment. Inzwischen haben Michael und Anita eine fast dreijährige Tochter namens Michelle. Sie leben auf großem Fuß, und Dany hat von Anita seit langem nichts gehört. Heute nimmt Michael seine Sekretärin im Auto mit. In Danys Wohnung telefoniert Caldwell kurz mit Anita, indessen Dany, die bei den Caldwells arbeiten und übernachten wird, kurz ihren Koffer packt. Als sie in der Villa ihres Chefs ankommen, lernt Dany Michelle kennen, bevor Caldwell ihr das Arbeitszimmer zeigt. Anita persönlich serviert ihr ein Abendessen, da man den Hausangestellten freigegeben habe, doch die Begrüßung der beiden fällt kühl und reserviert aus. Als Dany spät in der Nacht schlafen geht, träumt die davon, wie einst bei der Heimkehr gleich zwei Männer die promiskuitive Anita verließen, die sich über die eher schüchterne Dany lustig machte…

 

“The film, which is based on the novel by Sébastien Jasprisot (…), has a certain appeal as the story is offbeat enough to keep you intrigued“, schreibt Richard Winters für Scopophilia über diesen Thriller, der die 40-jährige Filmkarriere seines russischstämmigen Regisseurs Anatole Litvak (Blues In The Night, USA 1941) zum Abschluss brachte. Nun muss man wissen, dass jenes literarische Werk Sébastien Japrisots, des Autors der gleichnamigen Romanvorlage (EA 1966) für diesen Neo Noir, grundsätzlich ungewöhnlich und bizarr genannt werden muss, also “offbeat“, was für die Freunde seiner Kriminalromane, die weit mehr sind als nur das, deren Qualität ausmacht. Sébastien Japrisot (Mord im Fahrpreis inbegriffen, FRA 1965) selbst hat mit dem Regisseur Anatole Litvak das Drehbuch verfasst. Die beiden haben den Geist und die luzide Qualität des preisgekrönten Romans in adäquater Form auf die Leinwand gebracht. Seit den frühen 60er Jahren war Japrisot unter seinem richtigen Namen Jean-Baptiste Rossi bereits als Drehbuchautor und sogar als Regisseur von Kurzfilmen tätig. Auch in den folgenden Jahrzehnten arbeitete er für Filmproduktionen. Die Dame im Auto mit Brille und Gewehr lief auch in der Bundesrepublik Deutschland im Kino und ist in mehrfacher Hinsicht Kind seiner Zeit. Der Pop-Appeal der 60er Jahre, die Lust an Design und Stil gepaart mit der für die Ära typischen Freizügigkeit und ihrer Darstellung im Film sind je Ausgangspunkt für eine schon im Buch so verwirrende Handlungsentwicklung. Atmosphärisch ist der Film ein Paradebeispiel für ein Filmschaffen abseits kommerziellen Kalküls, das nur in den späten 60er und in der ersten Hälfte der 70er Jahre dergestalt möglich war. Inhaltlich ist das Werk leider nicht so zupackend, wie es das Buch vorgibt, und dafür gibt es mehrere Gründe.

 

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Das Schauspiel aller Beteiligten ist solide, in Anbetracht der teils großen Namen jedoch an keiner Stelle bemerkenswert. Samantha Eggar agiert zu selbstbewusst und bringt Danys Unsicherheit, bedingt durch ihre seit Geburt starke Kurzsichtigkeit und ihr Leben als Single, nie wirklich zum Tragen. Die musikalische Untermalung durch Michel Legrand (Die Außenseiterbande, FRA 1964)) ist keineswegs schlecht; die beiden von Petula Clark vorgetragenen Lieder sind jedoch eine allzu seichte Variante radiotauglicher Mainstream-Unterhaltung. Anatole Litvak hält seinen Film nicht konsequent auf dem Grat von Pop-Kultur und Avantgarde, er gerät ins Schlingern, woran auch die Mischung der Sprachen Englisch und Französisch in der Originalversion einen Anteil hat. Die Dame im Auto mit Brille und Gewehr trägt alle Insignien einer französischen Produktion, die Romanvorlage lässt per se kaum etwas anderes zu, so dass das konsequente Englisch der im Film offenbar des Französischen nicht mächtigen, zentralen Charaktere Dany und Michael Caldwell (auch nach vielen Jahren im Land) widersinnig wirkt. Anatole Litvaks Schwanengesang hätte ein besserer Film werden können, und es bleibt bedauerlich, dass er es nicht ist. Dass er trotz mehrerer Neuverfilmungen fürs Fernsehen und fürs Kino – zuletzt durch Johann Sfar als The Lady In The Car With Glasses And A Gun (FRA/BEL 2015) – dem Vergessen anheimfiel, ist zumindest für Liebhaber der Epoche und abseitiger Kinofilme bedauerlich.

 

Bis heute (2021) gibt es weltweit weder eine BD- noch eine DVD-Edition dieses Werks, das meines Wissens auch in Streamingportalen nicht in einer adäquat restaurierten Fassung greifbar ist und lediglich hin und wieder als Bootleg von schlechter Bild- und Tonqualität zum Kauf angeboten wird.

 


Neo Noir | 1970 | France | Anatole Litvak | Sebastién Japrisot | Claude Renoir | Bernard Fresson | Marcel Bozzuffi | Stéphane Audran

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