J.J. Hunsecker: "My right hand hasn't seen my left hand in thirty years." (aus Dein Schicksal in meiner Hand von Alexander Mackendrick, USA 1957)

Maureen O'Sullivan, Ray Milland in Spiel mit dem Tode (The Big Clock), USA 1948
Die andere Dimension der Zeit spielt - wie diejenige des Raumes und hier unter Film Noir Stadt subsumiert - im klassischen Film Noir eine tragende Rolle. Kaum einer erzählt seine Geschichte im Rahmen der konventionellen, zeitlichen Abfolge von Ereignissen einer Handlung, also von A zu B zu C. Der Verfremdung des Kunstraums auf der Kinoleinwand durch bildästhetische Stilmittel wie Unter- und Oberperspektiven oder Licht- und Schattenspiele entspricht das Zersprengen der zeitlichen Kontinuität.
Für manchen Kritiker besteht die endgültige Befreiung von der Konvention des Erzählens in Stanley Kubricks trickreicher Montagetechnik in Die Rechnung ging nicht auf (USA 1956). Doch bis dahin hatten viele Autoren und Regisseure vorgearbeitet. Was als Rückblende lapidar klingt, ist im Kontext eines Werks minutiöse Exaktheit zu Gunsten einer Erzählperspektive, die den Zuschauer aus der Sicherheit seiner Raum- und Zeitortung schleudern soll. In Die rote Lola (UK 1950) betrügt Alfred Hitchcock sein Publikum mit einer Rückblende, die sich als Lüge erweist. Im gleichen Jahr verunsichert Akira Kurosawa im historischen Drama Rashomon (JPN 1950) das Publikum mit einem Ereignis, das sich aus der Sicht mehrerer Augenzeugen jeweils anders darstellt. In Rudolf Matés Film Noir Opfer der Unterwelt (USA 1950) sucht der Ermordete seinen Mörder selbst. Schon die Prämisse dessen führt unsere an die Chronologie von Ereignissen gefesselte Logik ad absurdum.
Meist ist es die berühmte Stimme aus dem Off, ein Erzähler, der im Film Noir durch die Handlung leitet. Die Sicherheit der Fäden, die er spinnt, ist aber eine trügerische. Denn es ist das Gegenteil, worauf er hinaus will. Das Kontinuum der Zeit, solch Gewissheit dank Ziffern- und Kalenderblatt, gerät vor unseren Augen ins Wanken. Bereits in Frühwerken, die den Film Noir als Stil und Gattung definierten, etwa in Billy Wilders Frau ohne Gewissen (1944) und Edward Dmytryks Mord, mein Liebling (1944) geht die Verstrickung der Protagonisten in abgründige Geschehnisse mit einem Verlust an zeitlicher Orientierung einher. Letzteres erlebt der Zuschauer, den Schnitt- und Blendtechniken eines Regisseurs ausgesetzt, im Kinosessel selbst.
Ein unachtsamer Schritt aus der Sicherheit der Ordnungsverhältnisse von Raum und Zeit, so die Botschaft, und die Alltagswelt verwandelt sich in eine völlig andere, in die des Film Noirs. Bereits 1948 vollzog der Regisseur Jules Dassin in Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt mit nur zwei von Produzent Mark Hellinger gesprochenen Sätzen den Hinweis auf die Gleichzeitigkeit von Realitätsebenen im Kosmos der Metropole: "There are eight million stories in the naked city. This has been one of them.“