Dial 1119

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Bewertung
****
Originaltitel
Dial 1119
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1950
Darsteller

Marshall Thompson, Virginia Field, Andrea King, Sam Levene, Leon Ames

Regie
Gerald Mayer
Farbe
s/w
Laufzeit
75 min
Bildformat
Vollbild

 


 

 Dial 1119-Poster-web1.jpg  Dial 1119-Poster-web2.jpg Dial 1119-Poster-web3.jpg

© Warner Bros.

Mit dem Überlandbus ist Gunther Wyckoff (Marshall Thompson) auf Weg nach Terminal City. Ein Sandwich, das ihm die freundliche, doch einzig Spanisch sprechende Frau (Argentina Brunetti) auf dem Sitz zu seiner Seite anbietet, lehnt der verschlossene junge Mann wortlos ab. Er hat nur Augen für ein oberhalb des Busfahrers (John Damler) in die Sonnenblende eingeklemmtes Halfter samt Pistole. Als der Fahrer eine Pause einlegt, ist Wyckoff der einzige, der das Fahrzeug nicht verlässt. Und als sie die Fahrt fortsetzen, bemerkt die erschrockene Frau, dass die Waffe aus dem Halfter entwendet wurde, was sie beim Verlassen des Busses in Terminal City dem Fahrer unauffällig zeigt. Jener ist mit Gunther Wyckoff als letztem Passagier nun allein im Bus und verlangt die Pistole zurück. Doch der Abgesprochene schießt ihn kurzerhand nieder und geht in Ruhe seiner Wege… Wyckoff sucht das in der Dunkelheit des Abends bereits verlassene Criminal Courts Building auf und geht zum Büro von Dr. John D. Faron (Sam Levene), seines Zeichens ein Polizeipsychiater. Aber jener ist schon nicht mehr dort und die Tür verschlossen. Auf der Straße ist Gunther Wyckoff unentschlossen, dann geht er zu Farons Wohnung in einem Apartmentblock in der 2nd Street, aber auch hier bleibt er erfolglos. Er betritt die Oasis Bar, darin Eigentümer Chuckles (William Conrad) nicht müde wird, gegenüber dem bereits mächtig alkoholisierten Callgirl Freddy (Virginia Field) zu betonen, wie sehr er seiner Bar und ihrer abgehalfterten Gäste überdrüssig ist…

 

“There are a few things about Dial 1119 that make it particularly unique”, beginnt Jonathan Lewis seine Besprechung dieses heute kaum noch bekannten Film Noirs für Mystery*File und trifft den Nagel auf den Kopf. Einzigartig sind solche Aspekte zumindest für die Zeit seiner Entstehung. Und entsprechend beginnt Lewis mit der völligen Abwesenheit von Musik - außer im Vor und Abspann des Films. Der Kunstgriff generiert in der auf eine Geiselnahme fokussierten Haupthandlung eine zunehmende Spannung und lässt die einzelnen Charaktere sowie Raumgeräusche - das Gebläse einer Klimaanlage spielt eine bedeutende Rolle - viel klarer hervortreten. Genaugenommen verdeutlicht das Fehlen der Musik sogar, wie sehr sie in anderen Filmen der Zeit die Details einer Situation überschattet oder gar unsichtbar werden lässt. Zum zweiten ist der Film überraschend brutal für seine Zeit. Besonders zwei Szenen fallen ins Auge, in denen Schüsse blutige Einschusslöcher hinterlassen und nicht fleckenfreie Hemden und Jackets, wie in vielen Produktionen des klassischen Hollywoods. Zum dritten erinnert die Art, wie sich Öffentlichkeit und Medien, namentlich Zeitung und Fernsehen, mit hemmungslos zur Schau gestellter Gier nach Sensationen und nach “Blut“ auf den Fall des Psychopathen Wyckoff stürzen, an Billy Wilders Reporter des Satans (USA 1951), nur dass dieser Film ebenso wie Edward Dmytryks The Sniper (USA 1952) erst deutlich nach Mayers Dial 1119 entstand. Mit The Sniper teilt sich das Werk quasi die Hauptrolle, nämlich die Darstellung eines zutiefst verstörten jungen Mannes, der auf den ersten Blick unauffällig scheint, aber de facto stets und ständig in einen Abgrund seines Innersten blickt.

 

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© Warner Bros.

Natürlich gibt es in Dial 1119, dessen nichtssagender Titel in keiner Weise auf die Handlung einstimmt und der seiner Zeit voraus ist, auch einige signifikante Einflüsse. Archie Mayos Der versteinerte Wald (USA 1936) ist mit seiner Geiselnahme in einem den Film Noir früh vorwegnehmenden Szenario eine offensichtliche Referenz. In den 40er Jahren folgten Filme wie The Dark Past (USA 1948), darin der Geiselnehmer ebenfalls pathologisch ist, oder auch Gangster in Key Largo / Hafen des Lasters (USA 1948), der auch um das Schicksal eines Kriegsheimkehrers bemüht ist, in seiner Entwicklung aber konventionell bleibt. In Dial 1119 berühren und schockieren das Finale und der Schluss; beides ist in seiner Dramaturgie fast subversiv. Als B-Produktion profitiert der Film von den wenig bekannten Akteuren und leidet zugleich unter ihnen, denn ihr Schauspiel ist nicht durch die Bank erstklassig. William Conrad und Leon Ames stechen heraus, auch Marshall Thompson kann mit seiner tendenziell "weichen“ Art der Darstellung durchaus punkten. Neben Weltstars wie Robert Mitchum, Burt Lancaster oder Kirk Douglas fanden auch spätere TV-Größen im Film Noir ihre Anfänge. So wurde William Conrad als Privatdetektiv Cannon (USA 1971-76) international bekannt und Marshall Thompson hielt als Veterinär Dr. Tracy in der TV-Serie Daktari (USA 1966-69) erfolgreich Einzug in die Herzen von Kindern und Heranwachsenden. Dial 1119 ist ein dunkler und harter Film, der schnell in der Versenkung verschwand, für einen Freund klassischen Film Noirs jedoch unbedingt lohnenswert ist.

 

Erstmals in der 4-DVD-Box (2010) Film Noir Classic Collection Vol. 5 von Warner Bros. Home Entertainment, Inc. (nur in den USA) veröffentlicht, ist der Film bild- und tontechnisch exzellent restauriert, ungekürzt im Originalformat mit dem original englischen Ton und inklusive optional englischer, französischer oder spanischer Untertitel, mit dem Kinotrailer als Bonus. Inzwischen gibt es das Werk auch einzeln als Dial 1119 - les âmes nues in einer französischen DVD-Edition (2013) von Warner Bros. und zwar qualitativ ebenso gut, nur lediglich mit französischen Untertiteln.

 

Film Noir | 1950 | USA | Gerald Mayer | John Maxwell | Marshall Thompson | Richard Rober | Sam Levene | William Conrad

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