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Bewertung
****
Originaltitel
Underworld, U.S.A.
Kategorie
Post Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1961
Darsteller

Cliff Robertson, Dolores Dorn, Beatrice Kay, Paul Dubov, Richard Rust

Regie
Samuel Fuller
Farbe
s/w
Laufzeit
98 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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© Columbia Pictures Corporation
 
Es ist Silvesternacht und der 14jährige Kleinkriminelle Tolly Devlin (David Kent) lauert einem Betrunkenen auf, der aus dem Hintereingang von Sandy’s Elite Bar ins Freie stolpert und zwischen Mülleimern zusammen bricht. Tolly klaut ihm Armbbanduhr und Geldbörse, doch nachdem er einem Polizisten so gerade entwischte, wird er von einem anderen Jungen (Donald Gamble) mit einem Stein an der Stirn verletzt, der ihm das gestohlene Geld wieder abnimmt. Tolly stiehlt sich durch den Lieferanteneingang der Bar, wo er von Inhaberin Sandy (Beatrice Kay) empfangen und verarztet wird, die den im Gefängnis geborenen Stromer seit Kindertagen kennt. Von seinem Vater Tom Devlin, auf den sie jetzt warten wollen, um das neue Jahr zu begrüßen, hält sie nicht viel und wünscht sich für Tolly eine bessere Zukunft. Als sie aus ihrem Safe ein Geschenk nimmt, achtet der junge Devlin darauf, wie die Kombimation des Schlosses funktioniert. Plötzlich hört man vom Hof her Schreie. Sandy und Tolly stürzen aus der Tür und sehen als Schattenriss an einer Mauer, wie ein Mann von vier anderen brutal zusammen geschlagen wird. Die beiden ducken sich hinter mehrere Mülltonnen. Als die vier Schläger vom Tatort fliehen, wo ihr Opfer reglos liegen bleibt, erkennt Tolly in einem von ihnen Vic Farrar (Peter Brocco). Sandy ist als erste bei dem Mann am Boden. Doch für Tollys Vater kommt jede Hilfe zu spät…
 
“Fuller’s pulp melodramas are akin to guerrilla attacks on established certainties”, schreibt Tony d’Ambra für filmsnoir.net. Cliff Robertson spielt den erwachsenen Tolly Devlin, der über zwanzig Jahre hinweg die Rache für den Mord am Vater vorbereitet und ausführt. Der Weg führt ihn übers Gefängnis zum Mobster Earl Connors (Robert Emhardt), dessen Corporation National Projects unter dem Deckmantel der Biederkeit und öffentlichen Wohlfahrt u.a. in Drogengeschäfte, Schwarzarbeit und Prostitution verwickelt ist. Tatsächlich kommt die politische Ebene zum Tragen, wie der Name der Connors-Firma mehr als nur andeutet und die Schicksale jener Underdogs, die bei Sam Fuller gern die Hauptrollen besetzen, auch kommentieren: “We got a right to climb out of the sewer and live like other people.” Aber mit Gangsterjäger John Driscoll (Larry Gates) gibt es den konservativen Widergänger, der sich für ein sauberes Amerika einsetzt und ebenso wie der von Rachsucht getriebene Devlin dem Treiben der „Bösen“ ein Ende bereiten will. So ist die Geschichte im Grunde wenig interessant: Wie 30 Jahre zuvor in Der öffentliche Feind (USA 1931) wird der Protagonist in Kindertagen porträtiert, um den Weg ins Gangstermillieu nachvollziehen. Der Vatermord als Rachemotiv ist seit William Shakespeares Hamlet (= Hochkultur von 1602) über Bill Fingers und Bob Kanes Comic-Serie Batman (= Trivialkultur ab 1939) ein Allgemeinplatz. Fullers Schwarzweißmalerei ist offensichtlich: Friedliche US-Bürger werden eingeschüchtert und müssen um ihr Leben und das der Familie fürchten. In der Nachfolge von Eine Stadt geht durch die Hölle (USA 1955) haut er hier in eine ähnliche Kerbe wie Burt Balaban und Stuart Rosenberg mit Unterwelt (USA 1960).
 
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© Columbia Pictures Corporation
 
“I die inside when you kiss me.” Die zum Teil grandiosen Aspekte von Samuel Fullers Filmschaffen ergeben sich fast immer aus dem Wie und nicht aus dem Was. Neben einer bemerkenswerten Kameraarbeit Hal Mohrs, der den Zuschauer in die düstere Welt des Film Noirs der Spätvierziger zurückversetzt, ist es das Schauspiel von Dolores Dorn als Hehlerin Cuddles und von Cliff Robertson, die ihre Charaktere zu so bizarren wie glaubwürdigen Charakteren werden lassen. Antihelden sind in Fullers Filmwelten stets im Inneren gebrochene, dämonische und selbstdestruktive Menschen, deren Ringen mit- und gegeneinander die wahren Qualitäten seiner Geschichten ausmachen. Diesem Anteil gibt der Autor SamuelFuller den nötigen Raum und lanciert im Laufe von 98 Minuten – vor allem in der zweiten Hälfte – so manche überraschende Nuance einer Beziehungsebene, die der Banal-Romantik Hollywoods tendenziell zuwiderläuft. In der Begegnung mit den zwei starken Frauencharakteren erkennt der impulsgetriebene und komplett an die Vergangenheit gekettete Tolly am Ende die Qualität einer Idee von Zukunft. Mit jenen in Schock-Korridor (1963) und Der nackte Kuss (1964) von der typengleichen Constance Towers verkörperten Frauencharakteren setzte Fuller sogar noch einen drauf. Alles auf eine Karte ist kein Meisterwerk, dazu ist seine Geschichte zu abgedroschen. Aber ein Samuel-Fuller-Noir ist in seiner rauen, rohen und vor allem bizarren Dynamik immer eigen- und einzigartig. Und damit auch zu empfehlen!
 
Die in Spanien bei Arthouse Media erschienene DVD (Regionalcode 2) ist ungekürzt und beinhaltet die englische und spanische Tonspur, dazu spanische Untertitel. Laut Angabe auf dem Cover ist das Bildformat jedoch falsch, denn der Film ist nicht 4:3 (Vollbild). Die in der 7-DVD-Box The Samuel Fuller Collection (2009) von Sony Pictures Home Entertainment / The Film Foundation herausgebrachte Fassung ist in 1.85:1 (Widescreen), was korrekt ist, dazu englischer Originalton und optional englische Untertitel, als Extra eine Einführung von Martin Scorsese. Die gibt es aber nur in den USA und sie hat Regionalcode 1.
 

Post Noir | 1961 | USA | Samuel Fuller | Samuel Fuller | Hal Mohr | Neyle Morrow | Paul Dubov | Peter Brocco

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