Phoenix

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Bewertung
****
Originaltitel
Phoenix
Kategorie
Neo Noir
Land
GER
Erscheinungsjahr
2014
Darsteller

Nina Voss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Trystan Pütter, Michael Maertens

Regie
Christian Petzold
Farbe
Farbe
Laufzeit
98 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© good!movies

Kurz vor dem Stadtgebiet Berlin im Sommer 1945: Aus der Schweiz kommend halten Lene Winter (Nina Kunzendorf) und die am Kopf verletzte und voll bandagierte Nelly Lenz (Nina Hoss) nachts in ihrem Wagen am Schlagbaum vor einer Brücke. Der wachhabende US-Soldat (Trystan Pütter) verlangt die Papiere und fordert Nelly barsch auf, ihm ihr Gesicht zu zeigen. Aber nach Sekunden, während sie seiner Aufforderung nachkommt, lässt er Nelly innehalten und entschuldigt sich… Die Sängerin Nelly Lenz ist eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Ihre Freundin, die fürsorgliche Lene Winter, ist ebenfalls Jüdin und möchte mit Nelly bald nach Haifa in Palästina auswandern. Sie bringt die Verletzte in Berlin zu einem Gesichtschirurgen (Michael Maertens). Er bietet Nelly an, dass sie sich ein neues Gesicht aussuche, womöglich eins von einem Filmstar der Zeit, doch jene ist irritiert und erwidert, dass sie ihr eigenes Gesicht zurückhaben wolle. Das wird kaum möglich sein, erwidert der Arzt, indessen Lene ihre Freundin Nelly vor der Operation darüber informiert, dass ihre Familie tot sei, Nelly dank des Erbes vermögend und somit diese Operation möglich geworden sei. Der Eingriff glückt, indessen Lene in Berlin für die Jewish Agency arbeitet. Hier kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Lene Nellys Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) beobachtet, wie er versucht Dokumente zu entwenden und flieht…

 

Im laufenden Jahrzehnt hat es in Deutschland hin und wieder Filmdramen gegeben, die unter je eigenwilliger Nutzung der Traditionen internationalen Thrillerkinos zu überzeugen wussten. Sowohl Thomas Arslans Im Schatten (GER 2010) als auch Sebastian Schippers Victoria (GER 2015) sind Beispiele für Neo Noirs, deren Autoren und Rergisseure ein künstlerisches Risiko eingingen und aus jenen seit den 80er Jahren recycelten Klischees deutschen Filnmschaffens ausscherten. Christian Petzolds Phoenix bezieht sich auf den klassischen Film Noir der 40er Jahre mit seinen traumatisierten Kriegsheimkehrern und Szenarien der Erinnerung, die eine dunkle Vergangenheit heraufbeschwören und trügerisch sind. Nicht so sehr der Thriller als eben das Melodram bildet die Blaupause jener Beziehung zwischen Johannes und Esther, die vor Jahresfrist noch als Eheleute Johnny und Nelly Lenz im Berlin des Dritten Reichs lebten und sich nicht mehr (er)kennen oder nicht zu kennen vorgeben. Die Grundidee des Dramas um Identität - falsch und richtig, innen und außen - um Liebe und Verrat, diese Grundidee ist faszinierend. Nelly ist gezeichnet vom Verlust ihres Gesichts, Johnny vom Verrat an ihr, seiner jüdischen Ehefrau. Beide ahnen sie jedoch das Geheimnis ihres Gegenübers lange nicht. Sie bleiben mit ihrem Wissen allein, zwei in den Trümmern ihrer Heimat voneinander entfremdete Menschen. Im klassischen Film Noir beinhalten Delmer Daves’ Die schwarze Natter / Das unbekannte Gesicht (USA 1947), Alfred Hitchcocks’ Vertigo - Aus dem Reich der Toten (USA 1958) und Terence Fishers Stolen Face (UK 1952) Leitmotive und Handlungsmuster, die sich in Phoenix wiederfinden. Auch Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns (GER 1946) meine ich zu erkennen. Wenn Nelly in Begleitung Lenes die Ruinen ihres Hauses in Berlin betritt, spiegelt sich ihre Gestalt gedoppelt in ein paar im Schutt liegenden Spiegelscherben. Auch die Werbegrafikerin Susanne Wallner (Hildegard Knef) zieht es nach der Rückkehr aus dem Konzentrationslager zurück in ihre Wohnung. Wenn sie vor dem Mietshaus ankommt, sieht der Zuschauer sie doppelt - von hinten am Laternenpfahl und gespiegelt im Schaufenster des Optikers Mondschein (Robert Forsch), das Heute und das Gestern in einem Bild. Zusätzlich verwendet Phoenix Motive des Romans Der Asche entstiegen (EA 1961) von Hubert Monteilhet, erstmals von J. Lee Thompson als Eine Tür fällt zu (UK/USA 1965) verfilmt, obgleich Phoenix kein Remake dessen ist.

 

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© good!movies

“Petzold hat seine von literarischen und filmischen Einflüssen inspirierte Liebesgeschichte als melodramatischen Film Noir inszeniert“, resümiert Christian Meyer für choices und liegt damit richtig. Autor und Regisseur Christian Petzold umschifft die Gefahr einer Darstellung von Gräueltaten im Konzentrationslager und versucht gar nicht, mit seinen Filmbildern dem Unvorstellbaren die Farce einer Vorstellung überzustülpen. Er überlässt seine Erzählung der Nelly Lenz, einst Sängerin und Liebende, die sich als kriegsversehrte Überlebende mit einem ihr selbst fremden Gesicht mühsam ins Leben zurücktastet. Nina Hoss interpretiert ihre Rolle mit dem notwendigen Nachdruck und mit der gebotenen Vorsicht; sie wirkt glaubwürdig und erreicht in ihrer Entwicklung jenes Maß an Kraft, das fürs Finale und die Schlusssequenz vonnöten ist. In Phoenix ist das Wiedersehen der Ehepartner und das Herstellen des Nichterkennens als Voraussetzung der “neuen“ Rollen ein dünnes Eis. Man merkt dem Film in den Sequenzen an, dass er ins Schleudern zu geraten droht. Sein Ringen um Glaubwürdigkeit wird durch die Inszenierung nur mit Mühe auf Kurs gebracht. Im Gegenzug sind das Finale und der Schluss ein starker Akzent, darin Autor und Regisseur mit Selbstbewusstsein ernten, was sie so mühsam pflanzen und heranziehen mussten. Für mich ist Nina Kunzendorf die beste Darstellerin, aber auch Nina Hoss und Ronald Zehrfeld halten das Niveau und verzichten auf jedwedes Over-Acting, was für deutsche Filmwerke eine Seltenheit und daher so wohltuend ist. Alles in allem eine höchst bemerkenswerte deutsch-polnische Co-Produktion, die vor allem international einiges an Aufmerksamkeit erhielt und die zeigt, dass man mit dem Gespür fürs Wesentliche auch hierzulande ein Filmdrama von Rang schaffen kann.

 

Als Special Edition wunderbar editierte BD- und DVD-Editionen (2015) von good!movies mit dem Film ungekürzt im Originalformat, die deutsche Tonspur mit deutschen oder englischen Untertiteln, dazu der Kinotrailer, eine Audiodeskription und ein Making of als Extras und im Digipack ein 20seitiges Booklet mit Szenenfotos und Kommentaren von Petzold, Hoss, Kunzendorf und Zehrfeld, darin vor allem des Regisseurs sensible Aussagen zum nationalsozialistischen Terror, zum Film Noir und zu den Vorbildern seines Werks beeindrucken.

 


Neo Noir | 2014 | International | Christian Petzold | Ronald Zehrfeld

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