Tall Tales

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Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
****
Originaltitel
Apró mesék
Kategorie
Neo Noir
Land
HUN
Erscheinungsjahr
2019
Darsteller

Tamás Szabó Kimmel, Vica Kerekes, Levente Molnár, Bercel Tóth, József Gyabronka

Regie
Attila Szász
Farbe
Farbe
Laufzeit
112 min
Bildformat
Widescreen

 

 


 

 

Budapest, Ungarn, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Der von den Schlachtfeldern zurückgekehrte Bálázs Hankó (Tamás Szabó Kimmel) läuft mit einer zusammengerollten Tageszeitung in der Hand durch die schmutzigen Straßen. Er betritt eine Mietskaserne, geht die Stiegen des heruntergekommenen Treppenhauses aufwärts und klingelt an einer Haustür. Eine Frau öffnet ihm und Hankó erwähnt kurz, dass er wegen der Annonce gekommen sei. Am Küchentisch sitzend hält er eine gerahmte Schwarzweißfotografie von Imre Sipos (Ákos Orosz) in Händen und erzählt, dass sie zusammen in jener furchtbaren Schlacht am Don gewesen seien, als die russische Armee im Winter 1942/43 die ungarischen Truppen so furchtbar schlug und fast vollständig eliminierte oder gefangen nahm… Damals waren er und Imre durch den tiefen Schnee auf der Flucht vor den Russen, und als Bálázs, der seine Füße nicht länger spürte, zusammenbrach, rettete ihm jener das Leben. Mit letzter Kraft erreichten sie ein Blockhaus, darin sie die Leiche einer jungen Frau fanden und ihr noch am Leben befindliches Baby (Dianka Paoková), das Bálázs heldenhafter Kamerad Svetlana taufte, bevor er sich mit ihr auf den Weg zu einem Krankenhaus machte. Denn der Säugling hatte Fieber und bedurfte medizinischer Hilfe. Und das, beendet Bálázs Hankó seinen Bericht, sei das letzte Mal gewesen, dass er Sandór (Barnabás Dékány) gesehen habe. Seine Mutter (Éva Bakos) könne jedoch sicher sein, dass ihr Sohn wie ein Held gehandelt habe…

 

Bálázs Hankó ist ein Schwindler und Betrüger. Er meldet sich auf die Vermisstenanzeigen in Budapester Tageszeitungen und spielt den von Verzweiflung und letzter Hoffnung geplagten Angehörigen der in Wirren des Krieges verlorenen Soldaten eine Komödie vor, indem er sich als nahestehender Kamerad ihrer Brüder, Söhne oder Verlobten ausgibt. Mit dieser Masche nistet er sich in den Wohnungen seiner Opfer ein, lässt sich bedienen und bestiehlt die Ahnungslosen, sobald sie ihm den Rücken kehren. Als er damit an den Falschen gerät, muss er aus Budapest fliehen und taucht in ein neues Kapitel seines Lebens ein, dass ihn in vieler Hinsicht auf die Probe stellt. Auf der Flucht vor russischen Soldaten findet er auf dem Land Unterschlupf bei Judit Bérces (Vica Kerekes) und ihrem etwa 14-jährigen Sohn Virgil (Bercel Tóth). Sind die beiden erst voller Misstrauen gegen den Eindringling, hat Judit Bálázs und seine Lage doch schnell durchschaut. Sie selbst wartet nämlich auf ihren im Krieg gebliebenen Ehemann Vince Bérces (Levente Molnár). Da versucht der Gast auch gegenüber Judit seine Tricks auszuspielen, die seinen Betrug jedoch aufzudecken vermag, denn Vince hat seine Rückkehr bereits angekündigt und sie steht kurz bevor. Indessen Bálázs Hankó, selbst von Dämonen der Vergangenheit geplagt, in eine stürmische Liebesaffäre mit Judit stolpert, macht sie ihm klar, dass ihr Vince ein gewalttätiger Unmensch sei… Wie Drehbuchautor Norbert Köbli und Regisseur Attila Szász in Tall Tales diese überreiche Palette der Emotionalität zu einer dramatischen Abfolge entwickeln, was ihnen nicht zuletzt dank ihrer exklusiven Darsteller und ihres Kameramanns András Nagy möglich wird, beweist einiges an Klasse und eine tiefe Verwurzelung in der Filmklassik, vor allem im Film Noir. 

 

Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer und eine Frau von ausgeprägt starker Persönlichkeit, die nicht zuletzt als alleinstehende Mutter eines Teenagers ihr Leben selbstständig meistert, gewissermaßen auch Femme fatale, sobald die romantische Liaison in ihr Recht tritt, dazu eine durchweg feindliche Lebensumgebung, die in Vince Bérces, einem Antagonisten par excellence, sich zuspitzt: Nicht zuletzt seine historische Dimension verortet Tall Tales im Kielwasser des Film Noirs seiner Epoche und vor allem George Shermans Larceny (USA 1948) ist nicht weit entfernt. Im Finale allerdings werden Zugeständnisse ans brutale Actionkino der Gegenwart sichtbar, die ohnehin hochfrequente Dramatik der Geschichte gerät mitunter ins Absurde oder, wie es im angloamerikanischen Sprachgebrauch so schön heißt, das Ganze ist deutlich “over the top“. Schade! Denn dadurch zählt Attila Szász‘ Neo Noir zwar stets zu den besseren europäischen Kinofilmen der letzten Jahre, aber eben nicht mehr zu den besten. Demgegenüber ist die Produktion ein weiteres Beispiel, in welchem Umfang osteuropäisches Kino in der Bundesrepublik kaum goutiert, demgegenüber z.B. in den USA mit Interesse und Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Das mag hiesige Cineasten kaum überraschen, aber gerade die achselzuckende Hinnahme dessen ist zu zugleich bedauern.

 

Unter dem Originaltitel Apró mesék existiert eine exquisite ungarische DVD-Ausgabe (2020) mit dem Film ungekürzt im Originalformat inklusive des ungarischen Originaltons und mit je einer Kinosynchronisation auf Tschechisch, Polnisch, Russisch oder Englisch, dazu optional mit englischen, russischen, tschechischen, slowenischen, polnischen, bulgarischen, ungarischen, estnischen, kroatischen und rumänischen Untertiteln, den Kinotrailer als einziges Extra. Diese DVD ist in Deutschland leider nirgendwo erhältlich.

 


 

Neo Noir | 2019 | International | Attila Szász

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