West 11

 

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Bewertung
*****
Originaltitel
West 11
Kategorie
Post Noir
Land
UK
Erscheinungsjahr
1963
Darsteller

Alfred Lynch, Kathleen Breck, Eric Portman, Diana Dors, Kathleen Harrison

Regie
Michael Winner
Farbe
s/w
Laufzeit
90 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Das Viertel Notting Hill in London, England, am frühen Morgen: Joe Beckett (Alfred Lynch) hat die Nacht bei Ilsa Barnes (Kathleen Breck) verbracht, die so wie Joe gern mit verschiedenen Leuten Sex hat. Er fragt, ob sie letzte Nacht auch in Tony’s Club gewesen sei, und nachdem sie es anfangs leugnet, gibt sie schließlich zu, dass sie sich dort in Gesellschaft eines Anderen herumtrieb. Ilsa amüsiert sich über Joes Eifersucht und fragt ihn, ob das für ihn von Bedeutung sei, aber Joe ignoriert ihre Provokation. Er zieht sich an und macht sich auf den Weg nach Hause, schlendert durch die Straßen und kauft auf dem Wochenmarkt einige Lebensmittel. Schließlich gelangt er ins von Mrs. Hartley (Freda Jackson) geführte Apartmenthaus, wo er eine kleine Mansardenwohnung angemietet hat… Auf dem Weg zur Arbeit in einem Geschäft für Herrenbekleindung ist Joe Beckett wieder mal spät dran, was Mr. Royce (Allan McClelland) mit einigen spitzen Bemerkungen kommentiert, die Joe ungerührt an sich abperlen lässt. Royce ist Inhaber des Ladens und von Becketts Haltung zum Broterwerb und zum Bereuf des Verkäufers sichtlich aufgebracht. Als ein potentieller Kunde einen Regenmantel kaufen möchte und Beckett ihn berät, bemerkt letzterer lapidar, dass sie nicht die passende Größe hätten, und der Herr verlässt unverrichteter Dinge das Geschäft. Mr. Royce ist daraufhin empört, aber Joe Beckett reagiert aggressiv und kündigt schließlich seinen Job, was der just eintretende Richard Dyce (Eric Portman) mit gesteigertem Interesse beobachtet…

 

“I am young enough to want another husband, but too old to get the kind I want.“ Die Filme von Michael Winner kenne ich nur zum Teil, begeistern konnte mich bis dato jedoch keiner. Eric Portman schätze ich allerdings, und so lag West 11, zur Zeit seines Erscheinens ein Flop, einige Zeit bei mir im Regal, bevor ich mich dazu durchringen konnte ihn mir anzusehen. Nun, so überrascht war ich lange nicht mehr. West 11 hat alles, was man von einem Post Noir jener Jahre erwarten kann. In erster Linie hat diese Adaption des Romans The Furnished Room (EA 1961) der (für eine lange Zeit vergessenen und heute fast legendären) Autorin Laura del Rivo ein exzellentes Drehbuch der Autoren Keith Waterhouse und Willis Hall. Geruhsam und unerbittlich folgt es dem von Langeweile, Desillusionierung, Misserfolgen und Enttäuschungen gezeichneten Leben Joe Becketts, der von dem damals und heute gleichermsaßen unbekannten Alfred Lynch brilliant porträtiert wird. 1963... feierten The Beatles, The Searchers und Gerry & The Pacemakers ihre ersten Erfolge, Studenten lasen Jack Kerouac und Joseph Heller, und der Londoner Bezirk Notting Hill war Treffpunkt der Twens, die abends in Jazzclubs herumhingen oder auf Parties gingen und freie Liebe propagierten. Zumindest in diesem Film Michael Winners, darin der Kriminelle Richard Dyce aus dem durchs Leben strauchelnden Joe Beckett, der sukzessive einen Job, seine Geliebte und seine Mutter verliert, Profit zu schlagen hofft. In einer Schlüsselszene des Films bezeichnet Beckett sich selbst als einen emotionalen Kretin, der dem eigenen Niedergang zuschaut und daran nichts zu ändern vermag. Aber auch die sonstigen Figuren sind mit viel Sensibilität und Genauigkeit skizziert, zumal sie von Diana Dors, Harold Lang, Finlay Currie, Freda Jackson und Kathleen Harrison großartig verkörpert werden.

 

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“Filmed on location in London’s Notting Hill section, West 11 (named after the postal code) is a true noir film“, schreibt Steve Lewis für mystery*file und bringt es mit dieser knappen Aussage auf den Punkt. Wesentlichen Anteil hat daran der aus der Tschechoslowakei emigrierte Otto Heller (Augen der Angst, UK 1960), der diesen in Widescreen und Schwarzweiß gedrehten Film ein Auge für Drehorte und einen Sinn für Dynamik beweist, dass es eine wahre Freude ist. Ob eine Tanzszene auf einer Party oder die immer wiederkehrenden Gassen, Straße und Plätze des damaligen Hipster-Viertels Notting Hill bei Nacht und bei Tag, Otto Heller hält den Cineasten allein mit seiner Bildsprache bei der Stange. Warum wurde dieser hemmungslos eigenwillige und zu guter Letzt biestig konsequente Film Noir über die Jahrzehnte nicht zu einem Kultfilm? Indessen den seinerzeit gänzlich verrissenen oder zumindest erfolglosen Augen der Angst (UK 1960), Seance On A Wet Afternoon (UK 1964) oder Bunny Lake ist verschwunden (UK 1965) heute viel Beachtung zukommt, war West 11 über Jahrzehnte praktisch verschwunden. Eine restaurierte und ungekürzte Fassung auf DVD bietet seit 2015 die Möglichkeit, dass dieser großartige Film über 50 Jahre nach seiner Entstehung endlich ein aufgeschlossenes Publikum findet.

 

Erstklassige DVD-Edition (2015) der StudioCanal Films Ltd. in deren Reihe The British Film mit dem Werk ungekürzt im Originalformat und inklusive der original englischen Tonspur ohne Untertitel, dazu den original Kinotrailer, mit zusätzlichen Szenen, mit einer Bildergalerie und mit Werbematerial als Extras. Jedem Freund des Film Noirs und natürlich des englischen Kinos ist dieser Fund unbedingt zu empfehlen.

 


Post Noir | 1963 | UK | Michael Winner | Otto Heller | Eric Portman | Harold Lang | Peter Reynolds | Diana Dors | Freda Jackson | Marianne Stone

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