Bad Times At The El Royale

 

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Bewertung
****
Originaltitel
Bad Times At The El Royale
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
2018
Darsteller

Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Jon Hamm, Chris Hemsworth

Regie
Drew Goddard
Farbe
Farbe
Laufzeit
141 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© Twentieth Century Fox Film Corporation

Im Jahr 1959 checkt Felix O’Kelly (Nick Offerman) in dem genau auf der Grenze von Nevada und Kalifornien gelegenen Landhotel El Royale ein. Er betritt sein Zimmer, legt eine Pistole auf den Toilettentisch, räumt den Fußboden frei und hebelt die Dielen heraus, bis er eine mitgebrachte Tasche in den darunter liegenden Hohlraum wirft. Dann bringt er das Zimmer in seinen usprünglichen Zustand. Als es an der Tür klopft, greift sich O’Kelly seine Pistole und öffnet. Doch er kennt den Ankömmling, wendet sich um und… wird mit einer Schrotflinte hinterrücks ermordet. Zehn Jahre später: Der aus Indiana stammende Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) trifft in der Lobby des El Royale ein und zwar zeitgleich mit der Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und mit dem Staubsaugervertreter Seymour Sullivan (Jon Hamm). Letzterer kennt das Hotel offenbar gut, denn als trotz wiederholten Klingelns der wartenden Gäste sein Portier nicht erscheint, setzt er Flynn und Sweet über dessen Geschichte ins Bild. Das Etablissment habe nicht nur seine Lizenz fürs Glücksspiel sondern auch seinen Glanz verloren, weiß er zu berichten. Einst war es ein Tummelplatz der Reichen und Schönen, heute sei es nurmehr eine selten besuchte Obskurität. Sullivan brüht hinter der Bar für sich und die anderen Ankömmlinge Kaffee, als mit Miles Miller (Lewis Pullman) endlich der Portier des Hauses erscheint. Während Sullivan ankündigt die Hochzeits-Suite bewohnen zu wollen, scheint auch Flynn die Wahl seines Zimmers überaus wichtig zu sein…

 

“First time at the El Royale?” Die Handlung des an der Grenze zur Schwarzen Komödie angesiedelten Neo Noirs von Drew Goddard ist völlig abstrus, allerdings voller Anspielungen und vergnügt hemmungslos in Szene gesetzt, beizeiten sogar charmant. Da sein Autor und Regisseur vor tragischen Figuren und vor Gewalt nicht zurückschreckt, häufen sich in der Presse die ermüdenden Vergleiche mit Quentin Tarantino, dem Bad Times At The El Royale höchstens mit Blick auf dessen Elmore-Leonard-Adaption Jackie Brown (USA 1997) hin und wieder nahekommt. Im Übrigen erinnert mich der Zugriff auf Charaktere und die Hommage ans Kino und an die Musikkultur der 60er Jahre an Leute wie Steven Soderbergh oder an die Gebrüder Joel und Ethan Coen, die ihre Protagonisten ebenso in manche Vorhölle schicken und doch mit einem Augenzwinkern aufwarten, wenn man es nicht mehr erwartet. Und das ist auch bei Goddard der Unterschied zu Tarantino & Co. Ersterer zeigt reichlich Empathie für jene Archetypen, als die sich das Ensemble mehr oder minder bizarrer Charaktere entpuppt, sobald der Zuschauer mit den Figuren vertraut gemacht wird. Da gibt es in der Rolle eines falschen Priesters einen an Alzheimer leidenden Bankräuber, der zuetzt 10 Jahre im Gefängnis saß und dessen Bruder für das Geld, das ihnen weder Glück noch Wohlstand brachte, sterben musste. Im Hotel trifft er eine Soulsängerin, die als Frau und als Afroamerikanerin keine Sexsklavin für weiße Musikproduzenten sein wollte und für die es deshalb kaum zum Überleben reicht. Und selbst der Portier des El Royale ist nicht wirklich, für den ihn alle halten (müssen), und schon gar nicht jener Staubsaugervertreter, der zwar für “Hoover“ arbeitet, aber eben für jemanden, dessen Name weniger für Sauberkeit als für Säuberungen steht… Nicht nur die Gäste, auch das Hotel selbst birgt zuletzt einige Geheimnisse, die auf ironisch zugespitzte Art und Weise mit der Geschichte der USA verknüpft sind.

 

Bereits der Trailer wirbt damit, dass den sieben Charkteren, die sich in einer schicksalsschweren Nacht im El Royale treffen, jeweils eine dubiose Vergangenheit eigen ist. Derlei war schon für den klassischen Film Noir typisch. Auch dass die Biografien im Rahmen einer Rückblende erläutert werden, macht sich Drew Goddard zunutze und erinnert am Filmwerke wie Rächer der Unterwelt / Die Killer (USA 1946), Zelle R 17 (USA 1947) oder Du lebst noch 105 Minuten (USA 1948), die den Zuschauer ebenfalls erst sukzessive über ihre Protagonisten ins Bild setzen. Indessen die Geschichte ihren eingangs leichten Ton zunehmend verliert, stellen wir fest, dass Darlene Sweets und Daniel Flynns (alias Doc O’Kellys) Lebensläufe gar zu den besseren zählen, da mancher ein tief wurzelndes Trauma mitbringt. Nachdem Clint Eastwood in American Sniper (USA 2014) einen Scharfschützen der US-Armee zum Helden erklärte, etikettiert Goddard ihn radikal um. Er zeigt ihn als Bauernopfer einer monströsen unsichtbaren Herrschaft von Verschwörern im politischen System - als den Bankrott der abendländischen Ethik. An seiner Oberfläche ein böses Märchen für ein Hipster-Publikum, darunter reich an Bezügen zur Zeitgeschichte, die in den Figuren ihren Niederschlag finden, ist Bad Times at the El Royale für Liebhaber des Neo Noirs allemal so kurzweilig wie pointiert. Dass in deutschen Feuilletons schon wieder das Missfallen über dessen ausschweifende Hintergründe und die öden Vergleiche mit Tarantino und Lynch kursieren, wirft kein gutes Licht auf deren Autoren. In mir keimt der Verdacht, dass letztere einfach vieles gar nicht kennen, um sich ein umfassendes Urteil zu bilden. So entlarvt sich mancher Verweis und manches Argument als ein angestaubtes Schubladendenken.

 

Bad Times at the El Royale erscheint am 21. Februar 2019 bei der Twentieth Century Fox Home Entertainment als BD und als DVD ungekürzt im Originalformat und inklusive der original englischen Tonspur, dazu gibt es Synchronisationen auf Deutsch und Französisch, optional englische, französische oder deutsche Untertitel. Der Film sollte unbedingt im Original mit Untertiteln gesehen werden, denn die sprachliche Ebene ist hier (wie eben oft im Neo-Noir-Kino) fast gut die Hälfte des Vergnügens.

 


Neo Noir | 2018 | USA | Drew Goddard | Jeff Bridges | Jon Hamm | Nick Offerman

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