Fresh

 

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Bewertung
*****
Originaltitel
Fresh
Kategorie
Neo Noir
Land
USA/FRA
Erscheinungsjahr
1994
Darsteller

Sean Nelson, Giancarlo Esposito, Samuel L. Jackson, N’Bushe Wright, Ron Brice

Regie
Boaz Yakin
Farbe
Farbe
Laufzeit
109 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Der 12jährige Afro-Amerikaner Michael mit Spitznamen “Fresh” wächst in der New Yorker Bronx bei “Tante“ Frances (Cheryl Freeman) heran - so wie auch viele elternlose junge Mädchen, darunter Michaels ältere Schwester Nichole (N’Bushe Wright). Letztere ist volljährig und beschließt, den Hort bei Frances zugunsten von Drogenhändler James (Jerome Butler) zu verlassen, der sie sich als Prostituierte hält und ihr im Gegenzug Heroin zukommen lässt. Fresh arbeitet als Drogenkurier für Zwischenhändler Corky (Ron Brice) und hat oft vor Schulbeginn Briefchen mit Crack zu liefern oder Geld einzusammeln, so dass ihn sein Zuspätkommen bei der Lehrerin Mrs. Coleman (Davenia McFadden) in Misskredit bringt. In seiner Klasse ist der oft großspurige Chuckie (Luis Lantigua) Michaels treuer Freund; auf dem Pausenhof ist Fresh besonders von Rosie (Natima Bradley) fasziniert, einem Mädchen seiner Altersstufe, das auch auf ihn ein Auge geworfen hat. Nachmittags ist Fresh derjenige, der die Deals mit den Kunden abschließt. Corkys impulsive, rechte Hand Jake (Jean-Claude La Mare) ist auf der Straße der Mann im Hintergrund. Aber Michael ist clever und wirtschaftet unter den Augen der Dealer in die eigene Tasche. In einem Versteck hortet er seinen Verdienst aus dem Drogenhandel in einer Blechbüchse – hier wartet ein dickes Bündel Dollarnoten auf eine zukünftige Verwendung. Eines Tages ist es der Drogenkönig Esteban (Giancarlo Esposito), der in das Leben von Fresh und dessen Schwester Nicole unerwartet Bewegung bringt…

 

“Anything lost can be found again, except for time wasted.” Warum der Debutfilm des Autoren und Regisseurs Boaz Yakin trotz fulminanter Kritiken führender Kulturjournalisten durch die Maschen seiner Zeit fiel und sogar bis heute kaum bekannt ist, bleibt mir ein Rätsel. Seit den späten 80er Jahren feierten sowohl der Neo Noir als auch das afro-amerikanische Kino eine Art Wiederauferstehung. Fresh vereint das Beste der beiden Welten, die nie weit voneinander getrennt lagen, wie schon das Blaxploitation-Kino der frühen 70er Jahre mit Filmen wie Wenn es Nacht wird in Manhattan (USA 1970) oder Superfly (USA 1972) bewiesen hatte. Auch in letzterem ging es um die undurchsichtigen, gefährlichen Machenschaften im Drogenhandel. Ebenso ist es in Amos Poes 10 Jahre zuvor erschienenem Alphabet City (USA 1984) ein jugendlicher Drogenhändler in New York, Johnny Chunga (Vincent Spano), der aus den Verstrickungen seines Geschäfts, die ihn in die Abhängigkeit zwingen, einen Ausweg sucht. Boaz Yakins Drehbuch ist allerdings dergestalt auf die Beziehungen und die Merkmale seiner Rollencharaktere fokussiert, dass die Glaubwürdigkeit und Präsenz seiner Figuren von der ersten bis zur letzten Sequenz eine ungeheure Intensität des Filmerlebens provoziert. Die unvorhersehbaren und ungeschminkt gezeigten Ausbrüche harter Gewalt sind deshalb umso schmerzhafter, weil sie den Zuschauer in seinem Wechselbad der Gefühle frontal treffen. Sogar im Neo Noir der 90er Jahre rückte der Alltag in der Großstadt selten mal so nahe an den Abgrund, wie das in Fresh zu einem Gefüge der Norm wird. In einer Welt ohne Hoffnung auf ein Leben jenseits des Ghettos, wie es für nahezu alle schwarzen US-Amerikaner seit Generationen normal ist, bleibt Geld das einzig probate Mittel, um dem Druck eines hochtourigen weißen Kapitalismus‘ die Stirn zu bieten. Und der einzige Weg, um “richtig“ Geld zu erwerben, ist auch hier die Schattenwirtschaft mit dem Drogenhandel als dessen lukrativer Speerspitze. Die fast semi-dokumentarische Perspektive des Films geht unter die Haut, nicht zuletzt weil ein Großteil seiner zentralen Charaktere deutlich minderjährig und aller Kindheit längst beraubt ist.

 

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© Studiocanal GmbH

“You may think, having seen an urban thriller or two, that you can guess how "Fresh" feels and sounds. You would be wrong.“ So urteilte Roger Ebert mit Fingerspitzengefühl und einiger Erfahrung im Feld des Neo Noirs bereits zur Premiere des Films im August 1994 und gab dem Film die volle Punktzahl. Boaz Yakins Debüt spielt auf altbekanntem und scheinbar vertrautem Terrain und vermeidet dennoch Klischees und Gemeinplätze mit Erfolg. Ohne jegliche falsche Erregung taktet der Regisseur sein Drama in der Schnittfolge und auch die Musik Stewart Copelands, die ich erst für eine solche Leo Kottkes hielt, trägt einiges zur Ausgewogenheit der Erzählung bei, die vor drastischen Wendungen und Härten nicht zurückschreckt. Der an dritter Stelle genannte Samuel L. Jackson, der Michaels schachfanatischen Vater Sam spielt, wurde dank Pulp Fiction (USA 1994) bald zum Filmstar – als einziger aus der Riege fulminanter afro-amerikanischer Darsteller, die Fresh zu bieten hat. Giancarlo Esposito ist ein grandioser Akteur, der nach Abel Ferraras King Of New York – König zwischen Tag und Nacht (ITA/USA/UK 1990) in vielen Neo Noirs der 90er Jahre zu sehen war. Aber so wie er verschwanden auch Sean Nelson und N’Bushe Wright in TV-Serien und in Kinofilmen, wo sie zwar exzellente Leistungen ablieferten, doch  trotz Nominierungen nie mit den Preisen bedacht oder für Hauptrollen ausgewählt wurden. Fresh bleibt fast 25 Jahre nach seiner Erstaufführung ein Meilenstein des US-Kinos jener 90er Jahre, der nach seiner Neu-Edition als BD und als DVD via Studiocanal (2017) auch hierzulande unbedingt entdeckt bzw. wiederentdeckt werden sollte. Für mich ein Muss!

 

Exzellente deutsche BD- und DVD-Editionen (2017) der Studiocanal GmbH mit dem Film ungekürzt  im Originalformat, bild- und tontechnisch topp, dazu die original englische Tonspur und eine deutsche Synchronisation, optional deutsche Untertitel, das Ganze jedoch ohne Extras.

 


Neo Noir | 1994 | USA | Boaz Yakin | Giancarlo Esposito | Samuel L. Jackson | Elizabeth Rodriguez

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