Stadt hält den Atem an, Eine

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Bewertung
****
Originaltitel
Seven Days To Noon
Kategorie
Film Noir
Land
UK
Erscheinungsjahr
1950
Darsteller

Barry Jones, Olive Sloane, André Morell, Sheila Manahan, Hugh Cross

Regie
John Boulting, Roy Boulting
Farbe
s/w
Laufzeit
93 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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London an einem sonnigen Montagmorgen im August: Der Postbote trägt mehrere Briefe in die Downing Street 10, die Residenz des Premierministers. Auf dem Dienstweg erreicht einer dieser Briefe, der von einem gewissen Professor John Willingdon (Barry Jones) verfasst wurde, Superintendent Folland (André Morell) von Scotland Yard. Professor Willingdon ist ein Wissenschaftler, der schon lange an Englands Programm zur Entwicklung von Atomwaffen beteiligt ist. In seinem Schreiben droht er damit, am kommenden Sonntag zur Mittagsstunde im Regierungszentrum der Hauptstadt eine Atombombe zu zünden, sollte bis dahin der Premierminister nicht öffentlich verlautbart haben, dass England die weitere Entwicklung atomarer Vernichtungswaffen endgültig beenden wird. Eingangs vermuten Folland und Detective Davis (Russell Waters) noch einen bösen Scherz, aber schon die erste Recherche Follands lässt den Ernst der Sache erahnen. Willingdon ist heute nicht an seinem Arbeitsplatz angekommen, dem regierungseigenen Laboratorium in Wallingford, und auch sein Assistent Steven Lane (Hugh Cross) hat seinen direkten Vorgesetzten, mit dem er seit 5 Jahren täglich zusammenarbeitet, seit der Mittagszeit des Vortages nicht mehr gesehen. Gemeinsam suchen Follaned und Lane das Haus des Professors auf, wo sie sich bei dessen Tochter Ann (Sheila Manahan), der Verlobten Lanes, und bei Frau Willingdon (Marie Ney) über den Verbleib des Professors erkundigen, aber auch sie wissen nichts Genaues. Der Professor schlief in der vergangenen Nacht nicht Zuhause, sein Aufenthaltsort ist auch der Familie unbekannt…
 
Was hat dieser Atomthriller aus den Anfängen des Kalten Krieges mit einem Film Noir zu tun? Zeichnet letztere nicht aus, dass sie einen Privatdetektiv, eine Femme fatale und das organisierte Verbrechen in tiefen Schatten der Nacht vorweisen müssen? Einerseits ja, andererseits nein. Professor Willingdon ist als gepeinigte, von seinen guten Geistern und von den Menschen verlassene Seele eine typische Film-Noir-Figur. Wer den Film Noir als Stil, sowohl in Sachen Inszenierung und Kameratechnik als auch thematischer Setzungen, als lose Klammer um jene durch die Wirtschaftsrezession der Dreißiger und durch den Zweiten Weltkrieg geprägten Filme der Vierziger und Fünfziger begreift, wird mit Eine Stadt hält den Atem an fündig. Eine kriegsversehrte Generation sieht sich mit ihren Zukunftsängsten konfrontiert. Und ein Einzelner, ausgegrenzt und vereinsamt, findet sich zu einer extremen Handlungsweise veranlasst, die für ihn und die Metropole London einschneidende Konsequenzen hat. In Somewhere In The Night (USA 1946) spielte John Hodiak einen an Amnesie leidenden Kriegsheimkehrer. Robert Ryan verkörperte in Act Of Violence (USA 1948) den traumatisierten Jäger eines Kriegsverbrechers. Und im Zug des politischen Rechtsrucks in den USA der Spätvierziger hielten Themen des Kalten Krieges Einzug in den Film Noir: Achtung! Atomspione! (USA 1948), Ich heiratete einen Kommunisten (USA 1949) oder Ich bin ein Atomspion (USA 1952) machen in ihren deutschen Titeln klar, woher der Wind weht. Aber diese Filme sind im Kern propagandistisch und heute geradezu lächerlich. Genau das ist Eine Stadt hält den Atem an keineswegs.
 
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“Dark, dark, dark, amid the blaze of noon”, steht auf einem Papier voller Formeln - Zitat aus einem Theaterstück John Miltons - und beides trägt die Handschrift des Professors. Barry Jones’ John Willingdon ist weder ein Verräter noch eine Witzfigur sondern ein intelligenter, liebenswürdiger und sensibler Mann, zugleich gebrochen und desillusioniert. Er sieht seine Mission darin, die Welt von der Atomkraft als Vernichtungswaffe zu befreien und greift zu einem drastischen Mittel, um dieses Ziel unter Garantie zu erreichen. So ist die Annahme, der Professor sei aufgrund der Bürde seiner Arbeit und ihrer moral-ethischen Implikationen wahnsinnig geworden, eine solche, die das Tun der Politiker in ein gleiches Licht rückt. Die Gebrüder Boulting und Drehbuchautor Frank Harvey enthalten sich aller Wertungen und lassen die Tatsachen der Handlung für sich sprechen. Doch erscheinen die Generäle um den Premierminister (Ronald Adam) im Vergleich zum Professor stupend und hemdsärmelig. Eine Ausnahme bildet André Morell als Superintendent Folland, der die Polizeiarbeit leitet und die Motive von Willingdons Tatabsicht ergründet. An Schauplätzen in London bei Tag und bei Nacht, gespickt mit grandios gezeichneten Charakteren und vom legendären Kameramann Gilbert Taylor in Szene gesetzt, kann Eine Stadt hält den Atem an viele Film-Noir-Elemente für sich verbuchen. Morell spielte den Folland erneut im nächsten Werk der Boulting-Brüder, einem konventionellen Spionagethriller namens High Treason, der in die Kerbe der Kommunistenangst schlug und pünktlich zum Beginn der McCarthy-Ära eindeutig konservative Töne anschlug. Gilbert Taylor war 1964 auch Kameramann für Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben, der wohl populärsten Farce wider den Irrsinn des atomaren Wettrüsten in Ost und West.
 
Erstklassige englische DVD-Edition (2007) von Studiocanal / Optimum Releasing Ltd. mit dem Film ungekürzt im Originalformat, bildtechnisch topp und dazu die gut verstehbare englische Tonspur ohne Untertitel und ohne Extras. Die deutsche DVD (2013) von Filmjuwelen ist technisch zwar ebenfalls gut, bietet unverständlicherweise aber nur die deutsche Tonspur, jene Altsynchronisation von 1951 mit grausamen Ungenauigkeiten in der Übersetzung, und ist insofern keine Alternative und nicht zu empfehlen.
 

Film Noir | 1950 | UK | Roy Boulting | John Boulting | Geoffrey Keen | Barry Jones | André Morell | Victor Maddern

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