Pickpocket

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Bewertung
****
Originaltitel
Pickpocket
Kategorie
Post Noir
Land
FRA
Erscheinungsjahr
1959
Darsteller

Martin LaSalle, Marika Green, Jean Pélégri, Pierre Leymarie, Dolly Scal

Regie
Robert Bresson
Farbe
s/w
Laufzeit
72 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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Paris: Michel (Martin LaSalle) ist ein junger Mann ohne Ausbildung und ohne Anstellung. Er frönt einer Leidenschaft, von der er schriftlich Zeugnis ablegt, dem Taschendiebstahl. Seine Karriere begann auf einer Pferderennbahn, wo der menschenscheue Einzelgänger sich während eines Rennens unter die begüterten Zuschauer mengte und einer Dame aus ihrer Handtasche ein Bündel Geldscheine entwendete. Aber vor den Toren der Rennbahn wird er von zwei Polizisten in ein Auto gebeten und zum Oberinspektor der Polizei (Jean Pélégri) gebracht. Allerdings kann man ihm den Diebstahl nicht nachweisen und Michel kommt wieder auf freien Fuß. Er bewohnt in einer heruntergekommenen Mietskaserne eine kleine Stube unterm Dach und schläft bis weit in den nächsten Morgen. Mit dem Bus fährt er zu seiner Mutter (Dolly Scal), die seit einiger Zeit krank ist und die er lange nicht besuchte. Aber vor der Tür zögert er. Während er wartet, kommt die im darunter gelegenen Stockwerk lebende Nachbarin Jeanne (Marika Green) herauf und bietet ihm an zu öffnen. Michel gibt ihr den Großteil des gestohlenen Geldes mit der Bitte, es der Mutter auszuhändigen, dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet. Als er am Abend in einem Café auf seinen Freund Jacques (Pierre Leymarie) trifft, erkennt er dort plötzlich den Oberinspektor und gibt sich zu erkennen. Zu dritt setzen sie sich an einen Tisch und der belesene Michel entfaltet seine Theorie vom besonderen Status genialer Diebe…
 
„Ce film n’est pas du style policier “, teilt Autor und Regisseur Robert Bresson dem Zuschauer auf einem Schriftbanner zu Beginn des Films mit. Offenbar wollte er Missverständnisse in der Rezeption vermeiden und die Aufmerksamkeit nicht auf die Tatsache eines Straftatbestands begrenzen. Der Kriminalfilm als Genre war längst eine Schublade, darin Filmwerke monatsweise im Dutzend auf Nimmerwiedersehen versenkt wurden. Nun ist der Film Noir ein Stil, der mit dem Krimi nicht identisch sein muss. Sicher beinhalten viele Film Noirs ein Verbrechen, häufig als Zuspitzung eines Krisenerlebens und damit der widersprüchlichen Disposition eines Rollencharakters, sei das in persönlichen Beziehungen oder in gesellschaftlichen Verhältnissen verwurzelt. Und trifft Letzteres auf das charakterfokussierte Erzählkino von Pickpocket, der vom Genrefilm soweit entfernt ist wie vom cineastischen Experiment der Nouvelle Vague, nicht explizit zu? Im Mittelpunkt steht Michel, ein hochintelligenter wie zugleich von Widerständen, Bedenken, Zweifeln und auch von Eitelkeit getriebener junger Mann ohne Geld und ohne gesellschaftlichen Halt. Vom Jazzpianisten Al Roberts (Tom Neal) in Umleitung (USA 1945) oder vom Kurier Joe Norson (Fairley Granger) in Side Street (USA 1950) trennt ihn mit Blick auf seine Ausgangslage gar nicht mal viel. “Shot in black-and-white by Léonce-Henri Burel (…) Pickpocket also has elements of film noir that combine with a visual intimacy to create a moody, claustrophobic feeling”, heißt es bei This Week in New York. Bob Ignizio schreibt für The Cleveland Movie Blog: “Pickpoket bears some surface similarities to the film noir genre - it's focus on crime, the use of first person narration, and a protagonist headed towards an inescapable fate. But rather than a traditional femme fatale, the object of desire here isn't a woman, but rather crime itself.”
 
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© Pierrot Le Fou / Alamode Film
 
Tatsächlich wird Michel, scheint es, von einem manischen Ehrgeiz zur Perfektionierung seiner Kunst des Taschendiebstahls angetrieben, worüber er akribisch Buch führt. Aber längst vor dem Ende des kurzen und schlichten Films weiß der Zuschauer, dass es ihm sehr wohl um einen Beweis dessen zwecks Anerkennung durch Andere geht. Zuerst ist es seine Mutter, um die er ringt. Dann ist es der Oberinspektor der Polizei (als ein Vaterersatz, wie es naheliegt) und schließlich die wunderbare Jeanne. Letztere ist keine Femme fatale, eher eine Frau, die sich selbst nach Halt und Zuneigung sehnt und nicht zuletzt durch den so abwesenden wie abweisenden Michel eine Enttäuschung hinnehmen muss. Gibt die Liebe dem Ende ein Moment der Hoffnung, bleibt die Tragik der Geschichte zugleich unangefochten. Hierin bestehen die Leistung und die Kunstfertigkeit von Robert Bresson. Nur bedingt ein Film Noir in der US-amerikanischen Tradition erinnert der Protagonist Michel in seiner entrückten Besessenheit eher an Rollencharaktere wie Jean-Pierre Melvilles Robert “Bob“ Montagné (Roger Duchesne) in Jean-Pierre Melvilles Drei Uhr nachts (FRA 1956) oder an Georges Manda (Serge Reggiani) in Jacques Beckers Goldhelm / Die Sünderin von Paris (FRA 1952). Im gleichen Maß wie diese in ihrer gesellschaftlichen Klasse unentrinnbar fremden Charaktere ist Bressons Michel noch in den eigenen vier Wänden ein Fremdkörper. Eindringliches und seinerseits einzelgängerisches Filmschaffen, dessen Laiendarsteller seine Eigenwilligkeit noch verstärken und das jedem Filmfreund ans Herz gelegt sei.
 
Sehr gute DVD-Edition von Pierrot Le Fou / Alamode Film (2006) mit dem Film ungekürzt im Originalformat, deutsche und französische Tonspur, optional deutsche Untertitel. Die Edition der Süddeutschen Zeitung enthält einen kurzen Filmessay von H.G. Pflaum.
 

Post Noir | 1959 | France | Robert Bresson | Léonce-Henri Burel | Dominique Zardi

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