Hafen im Nebel

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Bewertung
*****
Originaltitel
Le Quai des brumes
Kategorie
Pre Noir
Land
FRA
Erscheinungsjahr
1938
Darsteller

Jean Gabin, Michèle Morgan, Michel Simon, Pierre Brasseur, Édouard Delmont

Regie
Marcel Carné
Farbe
s/w
Laufzeit
92 min
Bildformat
Vollbild
 

 


 

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Auf der Landstraße nach Le Havre wird der Deserteur Jean (Jean Gabin) des Nachts von einem Lastwagenfahrer (Marcel Pérès) mitgenommen. Als ihnen kurz vor Ankunft ein Hund über die Fahrbahn läuft, greift Jean dem Fahrer ins Lenkrad und sie kommen auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Der Hund folgt seinem Retter, der durch die nächtlichen Gassen der Stadt stromert und auf den Bettler und Gelegenheitsdieb Quart-Vittel (Raymond Aimos) trifft, der Jean vor einer Patrouille der Militärpolizei beschützt. Zugleich ist Zabel (Michel Simon), ein windiger und zwielichtiger Geschäftsmann, im Club Au Petit Tabarin mit dem Schmalspurgangster Lucien Legardier (Pierre Brasseur) verabredet. Wo Maurice sei, will Lucien von ihm erfahren, doch Zabel gibt vor nichts zu wissen und begibt sich von dannen. Aber die Gangster beschließen ihm zu folgen - in der Hoffnung, der alte Narr möge sie auf eine Spur bringen und auch um ihm unbeobachtet den Ernst ihres Anliegens deutlich zu machen… Quart-Vittel führt Jean indessen zu dem außerhalb der Stadt gelegenen Gasthaus von Panama (Édouard Delmont), eines eigensinnigen Sängers und Weltreisenden, in dessen Hütte sich allerlei lichtscheue Gestalten vom Trubel der Stadt fernhalten. Heute Abend ist der Maler Michel Krauss (Robert Le Vigan) zu Gast, der seinen Selbstmord plant und Jean mit seinem Gerede über die Sinnlosigkeit allen Strebens auf die Nerven geht. Panama gefällt der wortkarge und grantige Jean, dem er den Deserteur an der Nasenspitze ansieht, und der geleitet ihn und seinen hartnäckigen Hund in ein Hinterzimmer, wo er ihm zu essen gibt. Dort wartet auch Nelly (Michèle Morgan), eine hübsche, gerade erst 17jährige Herumtreiberin, mit der Jean ins Plaudern kommt…
 
Ein Klassiker des Poetischen Realismus’, ein düsteres und harsches Drama voller kraftvoll und fein gezeichneter Charaktere, allesamt dargestellt von der Auslese französischer Schauspieler in jenen Spätdreißigern. Mit seiner Kriminalgeschichte und zahlreichen Nachtszenen, zudem einer ebenso innovativen wie vom Expressionismus beeinflussten Kameraarbeit und einem durchweg konsequenten Ende ist Hafen im Nebel ein wichtiger Vorläufer des US-amerikanischen Film Noirs. Jacques Préverts exzellentes Drehbuch nach dem Roman von Pierre Dumarchais zeigt in der Geschichte Parallelen zur Handlung von Pépé le Moko - Im Dunkel von Algier (FRA 1937), Julien Duviviers im Vorjahr ebenfalls mit Jean Gabin besetzter Pre Noir in der Kasbah. Die Flucht ist in beiden Werken das vorherrschende Thema - die Flucht vor den Häschern der Ordnungsmacht und die Flucht vor den eigenen Gefühlen, die in einer Welt, darin Stärke und Härte die zentralen Bedingungen bloßen Überlebens sind, zur Schwäche verleiten. Jean und Nelly sind für die Gesellschaft jenseits der toleranten und gegerbten Hafenmenschen in Le Havre – Panama, Quart Vittel und der Wirt vom Au Rendez-Vous de la Marine – in Frankreich eine Undenkbarkeit. Eine Passage nach Venezuela scheint möglich, ein Wechsel des Landes und ein Wechsel der Identität scheinen denkbar, sobald Jean jenen launigen Schiffsarzt (René Génin) kennen lernt.
 
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 © Studiocanal GmbH
 
Hafen im Nebel ist eine lebenssatte Erzählung auf sprachlich hohem Niveau und in einer seitens der Regie wunderbar stilsicher getakteten Inszenierung. Autor und Regisseur zeigen einen psychologisch spitzfindigen Blick, erweisen sich als konsequent und wenig anfällig für Pathos und sonstige Blähungen, wirkt einiges in der Dramatik der Figur des Malers Krauss, ein im Übrigen interessanter Typus, zuletzt auch antiquiert. Der Film packt seine Zuschauer bis heute und das ist nicht zuletzt den herausragenden Darstellern zu verdanken. Vor allem Jean Gabin erweist sich seinem späteren Ruf als Meister seines Fachs in genau diesem Film als definitiv. Die ganz junge Michèle Morgan sollte im kommenden Jahrzehnt noch wachsen, Michel Simon ist eine Klasse für sich, wie im Übrigen auch der grandiose Raimond Aimos, Darsteller des Herumtreibers Quart-Vittel. In seiner kompromisslosen Attitüde, die jeder vordergründigen Anbiederung ans Publikum entsagt, ist Hafen im Nebel vielen Produktionen des US-amerikanischen Film Noirs kommender Jahre klar überlegen. Ein weiteres Meisterstück des französischen Films, der erst im Lauf der Fünfziger zu solch hoher Blüte zurückfinden konnte. Marcel Carné und Jean Gabin arbeiteten im Jahr des Kriegsausbruchs noch gemeinsam am ebenfalls großartigen und sehr verwandten Pre Noir Der Tag bricht an (FRA 1939) mit Arletty und René Génin in weiteren Rollen.
 
In den USA erschien Le Quai des brumes unterm Originaltitel in der renommierten Criterion Collection. Bereits 2006 gab es in England eine Edition der Optimum Releasing Ltd. Am 29. November 2012 erscheint eine deutsche DVD bei Arthaus / Studiocanal; die BD liegt bereits in einer für die Ära der Entstehung des Films exzellenten Fassung vor: bildtechnisch vorbildlich, ungekürzt, im Originalformat, wahlweise die deutsche oder französische Tonspur, optional deutsche Untertitel.
 

Pre Noir | 1938 | France | Marcel Carné | Jean Gabin | René Génin | Michèle Morgan

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