Guest In The House

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Bewertung
****
Originaltitel
Guest In The House / Satan In Skirts
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1944
Darsteller

Anne Baxter, Ralph Bellamy, Ruth Warrick, Marie McDonald, Scott McKay

Regie
John Brahm, Lewis Milestone, André De Toth
Farbe
s/w
Laufzeit
100 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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Der junge Arzt Dan Proctor (Scott McKay) bringt die psychisch labile Evelyn Heath (Anne Baxter) direkt aus dem Sanatorium ins Haus seines älteren Bruders Douglas (Ralph Bellamy), wo er sie als seine Braut vorstellt. Douglas Proctor verdingt sich als Zeichner und Illustrator und er lebt mit seiner Frau Ann (Ruth Warrick), seiner Tochter Lee (Connie Laird) sowie dem Model Miriam (Marie McDonald) an der Atlantikküste Maines in New England. Auch die Bediensteten Hilda (Margaret Hamilton) und John (Percy Kilbride) sowie Tante Martha (Aline MacMahon), die in der Nähe wohnt, haben die Ankunft der jungen Frau mit Spannung erwartet. Evelyn Heath, deren Vergangenheit von harten Lebensumständen geprägt gewesen zu sein scheint, erweist sich als überaus liebenswürdig und dankbar für die herzliche Aufnahme unterm Dach jenes Hauses, das ihr selbst als Erfüllung all ihrer Wünsche vorkommt. Doch als ihr abends die kleine Lee den eigenen Vogel im Käfig als ein Willkommenspräsent überreichen möchte, kommt es zu einem Zwischenfall. Indessen die Eheleute Proctor noch zu Franz Listzts Liebestraum ein Tänzchen einlegen, reagiert Evelyn in ihrem Zimmer hysterisch auf Lees Geschenk. Es stellt sich heraus, dass sie eine Phobie gegen Vögel hat. Und erst nach diesem Anfall wird den Bewohnern die Schwere der psychischen Erkrankung Evelyns so richtig deutlich. Zudem scheint die Beziehung zwischen den Liebenden Dan und Evelyn längst nicht so tief und sicher, wie nach außen dargestellt…
 
1943 drehte Alfred Hitchcock mit Joseph Cotten und Teresa Wright in den Hauptrollen seinen Film Noir Im Schatten des Zweifels. Ein Jahr später brachte John Brahm (auch Lewis Milestone und André De Toth waren zeitweilig an der Regie beteiligt) mit Anne Baxter und Ralph Bellamy – rekursive Hitchcocks Film in quasi vertauschten Rollen! - seinen höchst beachtlichen Guest In The House, der eine ähnliche Grundidee durchspielt und zu einem artverwandten Finale führt. Die englische DVD-Edition von Revelation Films Ltd. (2008) erschien in deren The Film Noir Collection. Doch ist die von gotischen Elementen à la Rebecca (1940) durchsetzte und an der Küste in Maine spielende Theaterverfilmung wirklich ein Hybrid des Film-Noir-Kinos? Gewissermaßen ja! Anne Baxter ist in der Rolle des Gastes eine Studie einer Femme fatale in Reinkultur, obgleich sie sich hinter einer offensichtlich kranken psychischen Disposition verbergen muss, um nicht vollends „böse“ zu wirken. Dennoch wird das Perfide der Intrigantin zu guter Letzt offenbar, dem dann ein aberwitziges Duell zwischen zwei Frauen nachfolgt, dessen ethische Implikationen überraschend heikel sind. Sowenig wie die zu Teilen in ihrer Symbolik (überaus offenherzig) verklausulierten sexuellen Anspielungen, die Beziehungsdynamik zwischen Evelyn und Dan, die sich kurz vor Schluss offenbart und mit Dominanz vs. Unterwerfung spielt, kann die zwiespältige Dimension des Finales ein Zufall sein – dafür spricht allein das bloß noch Angedeutete der letzten Einstellung.
 
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Viele Kritiker in den USA missachten den Film und werfen Anne Baxter schlechtes Schauspiel vor bzw. sehen in dem Melodram ein langatmiges „women’s movie“. Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Sicher, die Dramaturgie lässt sich Zeit, jene Verwicklungen für die Familie Proctor Schritt für Schritt in Gang zu setzen. Aus deren Idyll (Hitchcocks Im Schatten des Zweifels überaus verwandt) an der Klippenküste Maines wird ein Psychodrama, gepeitscht von der Meeresbrandung und illuminiert von Blitzen eines Küstensturms und wirren Allmachtsfantasien. Ralph Bellamy ist gut, doch als Douglas Proctor beizeiten ein wenig arg immun gegen die schönen Frauen ringsum. Marie McDonald (Once A Thief, 1950) zeigt durchaus Klasse, demgegenüber vor allem Aline MacMahon als Tante Martha im Finale eine höhere Gangart einschlägt. In der zweiten Hälfte nimmt der Film Fahrt auf und enttäuscht nicht, wofür gerade die ethisch ambivalente Note sorgt, nachdem der Hausfreund Mr. Hackett (Jerome Cowan) feststellte, dass der Niedergang ja mit dem Eintreffen jener „Invaliden“ begann. Hier beginnt die Finesse des Film-Noir-Kinos seine Fäden zu spinnen, zudem John Brahm das auch stilistisch einzufangen weiß. Guest In The House ist der seelenverwandten A-Produktion Todsünde (1944) in Technicolor und mit Gene Tierney klar überlegen. Spuren von Brahms Film zeigten sich in Tay Garnetts Im Netz der Leidenschaften / Die Rechnung ohne den Wirt (1946) und in Nicholas Rays Film Noir Born To Be Bad (1950).
 
Guest In The House kursiert als Film der Public Domain heute in Fassungen um die 100 Minuten, demgegenüber die ursprüngliche Version 121 Minuten Länge gehabt haben soll. Die o.a. Edition von Revelation Ltd. - in Deutschland nicht erhältlich - zeigt im Originalformat mit englischer Tonspur (ohne Untertitel) das gewohnt schlechte Bild und beinhaltet den miesen Ton aller anderen Fassungen und ist nur auf einem kleinen Bildschirm genießbar. Ein weiterer Kandidat für eine umfassende Restauration!
 

Film Noir | 1944 | USA | André de Toth | John Brahm | Lewis Milestone | Lee Garmes | Ralph Bellamy | Anne Baxter

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