Ziarno Prawdy

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Bewertung
****
Originaltitel
Ziarno Prawdy
Kategorie
Neo Noir
Land
POL
Erscheinungsjahr
2015
Darsteller

Robert Wieckiewicz, Jerzy Trela, Magdalena Walach, Aleksandra Hamkalo, Krzysztof Pieczynski

Regie
Borys Lankosz
Farbe
Farbe
Laufzeit
106 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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In der hübschen polnischen Kleinstadt Sandomierz im Südosten des Landes treibt sich Ahnenforscher Roman Myszynski (Modest Rucinski) auf der Suche nach Dokumenten für seine Kundschaft ohne Erlaubnis mit einer Taschenlampe im örtlichen Stadtarchiv herum. Als eine Rampe niedergeht, sieht er durch ein Oberlicht vor dem Gebäude die nackte Leiche einer Frau… Die Studentin Klara (Aleksandra Hamkalo) liegt mit dem hiesigen Staatsanwalt Teodor Szacki (Robert Wieckiewicz) im Bett. Es dämmert und sie weckt ihn, der sich wortlos erhebt und auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Der zuvor in Warschau tätige Szacki lebt von seiner Frau Weronika (Maja Ostaszewska) getrennt. Gemeinsam haben sie eine Tochter und der erfolgreiche Beamte hat sich für eine Tätigkeit im entlegenen Sandomierz entschieden. Die Polizistin Barbara Sobieraj (Magdalena Walach) und ihr älterer Kollege Leon Wilczur (Jerzy Trela) sind überrascht, als am Tatort neben der am Hals mehrfach aufgeschlitzten Elzbieta Budnik (Joanna Sydor) plötzlich Szacki auftaucht und die Leitung der Untersuchung für sich beansprucht. In einem Gespräch mit der Leiterin der Dienststelle, Maria Miszczyk (Iwona Bielska), stellt sich heraus, dass diese den Fall aufgrund Barbara Sobierajs Freunschaft zur ermoderten Elzbieta Budnik tatsächlich dem erst seit kurzem in Sandomierz tätigen Staatsanwalt übergeben wird. Ein direkt neben dem Tatort gefundenes Messer von erheblicher Größe scheint eine erste Spur zu sein, die Szacki auch verfolgt…

 

Der Antisemitismus hat eine spezifisch deutsche und hat eine gesamteuropäische Geschichte. Borys Lankosz' couragierte Verfilmung des gleichnamigen Romans (EA 2011, auf Deutsch 2016 als Ein Körnchen Wahrheit) seines polnischen Autors Zygmunt Miloszewski befasst sich mit demjenigen seiner Heimat, die er anhand eines Kriminalfalls ausführlich erläutert. Es ist das zweite von inzwischen drei Büchern über den Staatsanwalt Teodor Szacki, dessen erstes (EA 2007, auf Deutsch 2015 als Warschauer Verstrickungen) von Jacek Bromski unterm Originaltitel Uwiklanie (POL 2011) bereits in anderer Besetzung verfilmt worden war. Der im Oktober 2015 auf dem Hamburger Filmfest unterm englischen Titel A Grain Of Truth gezeigte Ziarno Prawdy profitiert allemal stark von seinem Hauptdarsteller Robert Wieckiewicz. Jener liefert ein nuanciertes Porträt des ebenso brillanten wie auch obsessiven, chauvinistischen und desillusionierten Ermittlers Teodor Szacki. Aber auch die anderen beteiligten Schauspieler sind durch die Bank niveauvoll und belegen neben der stimmigen und knackigen Regie: Das polnische Filmschaffen vermag sich (scheinbar mühelos) auf ein internationales Niveau zu hieven. Ziarno Prawdy ist ein Neo Noir, der passagenweise an Jonathan Demmes Tödliche Umarmung (USA 1979) oder auch an Bruce Robinsons Jennifer Eight (USA 1992) denken lässt und atmosphärisch an den Nordic Noir angelehnt ist, der z.B. mit der TV-Serie Kommissarin Lund (DNK/NOR/SWE/GER 2007-2012) oder mit Baltasar Kormákurs Jar City (ISL/GER/DNK 2006) stilistisch ausgereift ist. Für das Gelingen sorgt nicht zuletzt auch Kameramann Lucas Bielan (Public Enemies, USA 2009), der seit den frühen Neunzigern seine Brötchen in Hollywood verdient.

 

Im Verlauf der Ermittlungen stößt der Ermittler Szacki auf Hinweise, die ihn zu allerlei propagandistischen Legenden über jüdische Ritualmorde führen. Mithilfe des in der regionalen Geschichte bewanderten Roman Myszynskis möchte er über die Motive des Serientäters Aufschluss erhalten, der offenbar bewusst Spuren legt… Ein Hintergrundwissen über das historisch belegte Verhältnis von Christen und Juden in Polen ist für das volle Verständnis der Filmhandlung sicher hilfreich, aber keine Voraussetzung. Es mag jedoch dieser provokant dunkle Tonfall der Erzählung im Ganzen als auch die ansonsten sehr düsteren und brutalen Bilderwelten des Films dafür verantwortlich sein, dass er international keine Anerkennung fand. Außer in Spanien kam Ziarno Prawdy nach dem Hamburger Filmfest offenbar nicht mehr zu einer Kinoaufführung. Dabei hätte der nach Rewers (POL 2009) zweite Spielfilm Borys Lankosz' (trotz des ein wenig enttäuschenden Finales) eindeutig internationale Anerkennung verdient, wie auch die wenigen Rezensionen englischsprachiger Journalisten nahelegen. Immerhin gibt es für den Neo-Noir-Freund inzwischen eine überaus liebevoll editierte und hochwertige DVD-Edition.

 

Erstklassige polnische DVD (2015) von Agora SA inklusive Audio-CD als Limited Edition mit dem Film ungekürzt im Originalformat, bild- und tontechnisch erstklassig im aufwendig gestalteten Digipack mit einem 20seitigen Booklet, darin neben Portraits von Schauspielern und Komponist Abel Korzeniowski auch ein ausführliches Interview mit dem Regisseur Borysa Lankosza beinhaltet ist, all das natürlich (leider) nur auf Polnisch. Die Laufzeit beträgt 106 und nicht, wie angegeben, 110 Minuten und die Audio-CD beinhaltet den kompletten Soundtrack des Films. Empfehlenswert!

 


Neo Noir | 2015 | International | Borys Lankosz | Zygmunt Miloszewski | Maja Ostaszewska

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