Räuber, Der

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Bewertung
*****
Originaltitel
Der Räuber
Kategorie
Neo Noir
Land
GER/AUT
Erscheinungsjahr
2010
Darsteller

Andreas Lust, Franziska Weisz, Markus Schleinzer, Peter Vilnai, Johann Bednar

Regie
Benjamin Heisenberg
Farbe
Farbe
Laufzeit
98 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© good!movies

Justizanstalt Hirtenberg, Niederösterreich: Der Strafgefangene Johann Rettenberger (Andreas Lust) hat sich in den sechs Jahren seiner Haft dem Laufen verschrieben. Auf dem Laufband in seiner Einzelzelle und auf dem Gefängnishof trainiert Rettenberger manisch, um nach Rückkehr ins Leben in Freiheit an Marathons teilnehmen zu können. Beim Entlassungsgespräch mit seinem Bewährungshelfer (Markus Schleinzer), der sich darum bemüht einen Zugang zu dem Mann zu bekommen, gibt er sich wortkarg und abweisend. Aber schließlich ist seine Haft vorüber und Rettenberger kommt in Wien in einem Pensionszimmer unter, das kaum mehr Komfort als seine Zelle bietet, indessen ihm der Hauswart (Roman Kettner) erklärt, was er alles zu beachten habe und was alles untersagt sei. Als nächstes stiehlt der Ex-Häftling ohne Anstrengung ein Auto und überfällt mit Maske und mit einem Schrotgewehr im Anschlag eine auf dem Land gelegene Bank. Er zwingt die Kassiererin eine Tasche mit Geldscheinen zu füllen und ist mit dem Wagen so schnell, wie er gekommen ist, auch wieder fort. Ungerührt sitzt Johann auf dem Arbeitsamt und lässt all die Vorschläge und eine Flut von Formularen, die ihm eine engagierte Sachbearbeiterin (Nina Steiner) aushändigt, an sich vorbeiziehen. An einem benachbarten Tisch des Großraumbüros entdeckt er als deren Kollegin seine alte Freundin Erika (Franziska Weisz). Auch sie scheint sich zu freuen, dass Johann wieder auf freiem Fuß ist, indessen sie ihm mitteilt, er sähe reichlich müde aus…

 

Schon 2010 hat der US-Filmjournalist Kurt Brokaw die Nähe des auf dem gleichnamigen Roman (EA 2002) des österreichischen Schriftstellers Martin Prinz über einen realen Bankräuber der 80er Jahre, Johann Kastenberger, basierenden Films von Benjamin Heisenberg zu Klassikern des Film Noirs festgestellt. In seiner Besprechung für The Independent erwähnte er unter anderem Entscheidung in der Sierra (USA 1941), wo die außerplanmäßige Liebschaft Humphrey Bogarts zu Ida Lupino in eine halsbrecherische Flucht und in ein tragisches Finale führt. Mich persönlich hat Der Räuber an jene Portraits von den einsamen und sperrigen Antihelden des Film Noirs erinnert, deren unzugängliche Persönlichkeiten ebenso faszinierend wie für ein Massenpubliukum ungeeignet waren. Richard Baseharts allein mit Hund lebender Roy Morgan in Schritte in der Nacht (USA 1948) und John Garfields verzweifelter Nick Robey in Steckbrief 7-73 (USA 1950) sind von einem Johann Rettenberger nicht weit entfernt. Ihre Lebensentwürfe außerhalb der Legalität sind nie und nimmer auf eine Rückkehr in gesellschaftliche Zusammenhänge, auf ein bildungsbürgerliches Familienglück mit Ehefrau und Kinderschar angelegt. So wie der Bewährungshelfer sind im Fall von Die Räuber auch die Zuschauer von der Selbstdisziplin, von der Klugheit und vom Erfolg des Marathonläufers und Bankräubers Johann Rettenberger geblendet. Wenn er nur wollte, könnte er diesen Erfolg in sicheres Fahrwasser überführen, wie auch seine erneut in Liebe zu ihm entbrannte Freundin Erika es sich erhofft. Aber genau das will er gar nicht und dadurch wird Heisenbergs Film spannend und außergewöhnlich. Sein Autor und Regisseur hat einen scharfen Blick für die tief verankerte Selbstdestruktion im Wesen des immer auf der Flucht befindlichen Grenzgängers Johann Rettenberger, der sich stets und ständig weiter vorantreibt und seine Gegner bis zuletzt ins Leere laufen lässt.

 

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© good!movies

„Das, was ich mache, hat mit dem, was du Leben nennst, nichts zu tun.“ So reagiert Johann auf Erikas Enttäuschung, als sie ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Glück bereits am Horizont entschwinden sieht. Denn der Getriebene ist nur scheinbar nach sechs Jahren Haftstrafe entlassen worden. So schnell und so weit er auch laufen kann, aus dem Gefängnis seines Inneren wird er nicht entkommen, und darum weiß Rettenberger längst. Andreas Lust und Franziska Weisz agieren zu 100% übereugend im Zentrum dieses Films, und die Dramaturgie, die bei allem Puls und Tempo des Weglaufens ruhig und konzentriert bleibt, hält den Film in einer Balance, die dem Moment der Spannung mehr als zuträglich ist. Obwohl in Die Räuber auch Genrekonventionen des Kriminalfilms zum Tragen kommen, ist der Film weit jenseit von Fernsehkost oder Action-Einerlei angesiedelt. Vielmehr erscheint die Melange aus Neo Noir und Charakterstudie so verblüffend stimmig wie auch im Fall von Götz Spielmanns Revanche (AUT 2008) oder Thomas Arslans Im Schatten (GER 2010). Warum haben die seinerzeit preisgekrönten und umjubelten Meisterstücke deutschsprachiger Thriller mit Sinn und Verstand nicht Schule gemacht? Diese Frage 10 Jahre später präzise zu beantworten fällt schwer, denn Die Räuber hat ebenso wie die beiden genannten Neo Noirs im Grunde alles, was man vor allem beim bundesdeutschen Film immer vermisst hat und was Benjamin Heisenbergs Werk damals auch international ein Publikum sicherte. Fazit: Unbedingt ansehen!

 

Es gibt eine exzellente DVD-Edition (2010) von der Zorro Medien GmbH und good!movies als Special Edition im Vertrieb von Indigo, bild- und tontechnisch topp und ungekürzt im Originaformat mit dem original deutschen Ton und mit optional deutschen oder englischen Untertiteln, dazu 71 Minuten Bonusmaterial, nämlich ein Making Of, diverse Interviews, eine Hörfilmfassung, den Kinotrailer, ein „Klappenfilm“ ein zuschaltbarer Audiokommentar und eine Filmvorschau, zudem sogar Filmmusik als MP3-Download. Besser geht es nicht!

 


Neo Noir | 2010 | International | Benjamin Heisenberg | Andreas Lust

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