Am Rande der Nacht

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Bewertung
*****
Originaltitel
Tchao pantin
Kategorie
Neo Noir
Land
FRA
Erscheinungsjahr
1983
Darsteller

Coluche, Richard Anconina, Agnès Soral, Mahmoud Zemmouri, Philippe Léotard

Regie
Claude Berri
Farbe
Farbe
Laufzeit
90 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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© Concorde Filmverleih GmbH
 
Das Arbeiter- und Migrantenviertel Belleville in der Metropole Paris: Bensoussan (Richard Anconina) ist ein junger Mann mit Wurzeln in Nordafrika. Er lebt vom Drogenhandel und vom Verkauf gestohlener Mopeds. Heute Nacht vermag er eines nicht mehr zu starten und verzweifelt schiebt er das Moped im strömenden Regen über die Straße, indessen ihm ein Polizeiwagen folgt. Er flüchtet in eine Tankstelle, wo er die Nachtschicht, einen Mann namens Lambert (Coluche), in ein Gespräch verwickelt, bis sich die Polizei entfernt. Aber Lambert hat den Braten gleich gerochen. Er beobachtet, wie Bensoussan, der in der Nachbarschaft wohnt, sich mit dem Moped hastig entfernt. Dann setzt er sich, öffnet eine Flasche und gießt sich einen Cohnac ein. Bensoussan stürmt in seine Wohnung, nimmt aus einer Plastiktüte Geld und Drogenbriefchen und versteckt beides je separat in seinem Bücherregal. Als der Morgen naht, wird Lambert abgelöst und begibt sich von der Tankstelle schnurstracks in die Bar des Hôtel du Square, wo er weiter trinkt... In einer Bar trifft Bensoussan, der für den Nachclubbesitzer Rachid (Mahmmoud Zemmouri) arbeitet, auf der Herrentoilette einen Kunden, lässt sich das Geld aushändigen und verschwindet im Eingang eines Hauses der Gegend. Dort sind im Treppenhaus die Drogenbriefchen am sicheren Ort versteckt und bewacht. Bei Rückkehr in die Bar begrüßt er seinen Kunden mit Handschlag; später stiehlt er in einer einsamen Gasse erneut ein Moped. Lambert haut sich ein paar Eier in die Pfanne, als ein ungeduldiger Kunde (Pierrick Mescam) wegen des fehlenden Tankwarts hupt. Doch Bensoussan ist zur Stelle…
 
„Tchao pantin kann als ein paradigmatischer moderner Noir des französischen Kinos gelten - als ein ebenso finsteres wie zärtliches und schönes Drama“, schreibt Markus Stiglegger in der Essaysammlung Filmgenres - Fim Noir (2009). Tatsächlich ist Claude Berris mehrfach preisgekrönter Film, der hier mit triftigen Adjektiven belegt wird, ein Meisterstück französischen Kinos der Achtziger, wie man es speziell in jenen Jahren sonst vergeblich sucht. Coluche war ein auf Komödien abonnierter französischer Schauspieler, Gründer des Theaters Café de la Gare, der in Frankreich seit Mitte der Siebziger eine wachsende Anhängerschaft hatte. In Claude Berris Neo Noir Am Rande der Nacht übernahm der 39jährige seine erste dramatische Filmrolle; im Juni 1986 wurde er mit nur 41 Jahren Opfer eines Motorradsunfalls. Tatsächlich ist sein Schauspiel herausragend, wird Coluches Interpretation des ex-Polizisten Lambert, der seinen Sohn verloren und dessen Frau ihn verlassen hat, zum zentralen Element des Films. Coluche verkörpert die Quintessenz eines tragischen Film-Noir-Protagonsten mit einem Fatalimus und mit einer Coolness, die ihresgleichen sucht. So warb der deutsche Filmverleih seinerzeit in einer Plakatserie für diesen Neo Noir, der in Frankreich zu einem Überraschungserfolg wurde: “4 Millionen Franzosen sahen diesen Film wegen Coluche. Coluche ist der Jean Gabin der 80er Jahre.“ Das stimmt so natürlich nicht, denn Gabin war ein Schauspieler in klassischen Dramen, der nur hin und wieder auch in Komödien auftrat. Aber noch heute macht ein Wiedersehen mit Berris Am Rande der Nacht deutlich, wie viel Potential mit dem Tod Coluches verloren ging. Wäre er diesem Pfad seiner Möglichkeiten gefolgt, wäre es womöglich so weit gekommen, wie die deutsche Kinowerbung versprach.
 
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© Concorde Filmverleih GmbH
 
Neben Coluche erweisen sich auch Richard Anconina, Agnès Soral und der immer zuverlässige Philippe Léotard (French Connection II, USA 1975) als exzellente Wahl. Hinzu kommt Claude Berris und Alain Pages Drehbuch nach dem Roman Tchao pantin (EA 1982) von Alain Page, der dem Film im Original auch seinen Titel gab. Dessen Handlung ist schlicht und passagenweise geradezu simpel, aber in der Umsetzung und in der Zeichnung der zwischenmenschlichen Beziehungen bis ins Detail pointiert. Mit seinen bis ins Mark beschädigten Charakteren in einer vollends kaputten Lebenswelt - die Drehorte in Belleville sind bemerkenswert, so viel Film Noir sieht man im europäischen Neo Noir sonst selten! - reiht sich Am Rande der Nacht in die stark von Sozialkritik geprägte Neo-Noir-Tradition der Achtziger ein. Auch in Alain Corneaus Wahl der Waffen (FRA 1981) oder in Claude Millers Das Auge (FRA 1983) finden sich Hinweise auf eine von ihren Normen und einer Übermacht an sozialdarwinistischer Tradition zerfressene Gesellschaft. Hier ist Am Rande der Nacht noch hoffnungsloser, stellt andererseits nicht Bitterkeit und Anklage in den Fokus und ist nicht darauf aus, eine politische “Botschaft“ zu vermiteln. Claude Berris Vision spielt im Land der Tragödien und als Film der Nacht ringt er dem so oft bestellten Acker tatsächlich nochmals eine ganz eigenwillige Ernte ab. Großen Anteil daran hat auch der Kameramann Bruno Nuytten, der bereits Andrzej Zulawskis Possession (FRA/GER 1981) zu veredeln wusste. Am Rande der Nacht ist im Kinoschaffen der Achtziger eine grandiose Ausnahme, ihm folgten Luc Besson & Co. und der Niedergang eines für lange Zeit innovativen Erählkinos aus Frankreich.
 
Es gibt weltweit bis dato via Fox Pathé Europa nur eine französische DVD-Ausgabe (2004) mit dem Film ungekürzt im Originalformat, dazu den französischen Ton ohne Untertitel, als Édition simple ohne und als 2DVD (2003) mit vielen Extras. Wer den Film in dieser Form oder auch im Fernsehen oder im Kino zu sehen bekommt, sollte nicht zögern. Tchao pantin ist für jeden Film-Noir-Freund ein Muss.
 

Neo Noir | 1983 | France | Claude Berri | Philippe Léotard | Richard Anconina

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