Fallen Angels

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Bewertung
****
Originaltitel
Duo luo tian shi
Kategorie
Neo Noir
Land
HK
Erscheinungsjahr
1995
Darsteller

Leon Lai, Michelle Reis, Takeshi Kaneshiro, Charlie Yeung, Karen Mok

Regie
Wong Kar Wai
Farbe
Farbe + s/w
Laufzeit
92 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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Hongkong: Wong Chi-Ming (Leon Lai) und eine Frau (Michelle Reis), die von sich selbst als Agentin erzählt, sitzen zusammen im Dunkel einer Bar und sie fragt ihn, ob er noch ihr Partner sei. Die Finger der Frau halten eine Zigarette und sie zittern dabei… Er ist ein Berufskiller und er heißt Wong Chi-Ming. Sie ist eine Agentin und besorgt ihm all seine Aufträge, die er mit größter Präzision ausführt. Er ist ein Killer, weil er in seinem Beruf auf diese Weise nichts entscheiden muss, denn seine Anweisungen – wer, wann, wo zu sterben hat! – erhält er per Fax von ihr, und genau das weiß er zu schätzen. Doch wenn er nicht Zuhause ist, sucht sie sein Apartment auf und macht dort sauber, sammelt seinen Müll und nimmt ihn mit nach Haus, denn insgeheim liebt sie ihn, doch davon hat er keine Ahnung. Eines Abends trifft er in einem Linienbus, nachdem er soeben einen Auftrag ausgeführt und eine ganze Gesellschaft von Glücksspielern im Hinterzimmer eines Restaurants hingerichtet hat, seinen alten Klassenkameraden Ah-hoi (To-hoi Kong). Der arbeitet inzwischen bei einer Versicherung, versucht ihm sogar eine Police anzudrehen und lädt Wong Chi-Ming schließlich zu seiner Hochzeit ein. Doch der Killer, den dies sogar reizt und das Treffen mit dem aufdringlichen Schulfreund berührt, wird nicht hingehen, denn es ist nicht seine Art zu leben und es nicht seine Sphäre…
 
Schrill, pathetisch, albern! Das ist Fallen Angels auch. Der zweite Handlungsstrang mit Takeshi Kaneshiro als He Zhiwu und Karen Mok als „Punkie“ / Blondie ist nah am Stil und an den Attitüden von Chungking Express (HK 1994) und bringt reichlich Zeitgeistposen mit dem Slackertum der 90er, das 17 Jahre später antiquiert wirkt. Vielleicht wollte Wong Kar Wai mit seinen Charakteren die Chinesen Hongkongs provozieren, indem er sie mit anarchistischer Lust aus den gesellschaftlichen Konventionen heraus kippen lässt und ihr teils illegales Tun zur Lebenskunst stilisiert. Dem westeuropäischen Zuschauer entlockt diese Art Teenager-Rebellion bestenfalls ein müdes Lächeln. Der gespreizt konsumfreudige Anarchismus, die von Kopf bis Fuß in Stilzitate gekleideten „Punkies“ sind post 1968 und post 1977 der Aufguss einer dritten Generation. Und doch… Gerade wenn man vom flachen Humor mit Eiskrem und Haarwäsche bei Nacht so recht genervt ist, schaltet der Film um und bringt Szenen, die nahezu großartig sind. Die krude Beziehung des stummen He Zhiwu zu seinem Vater (Man-Lei Chan), bei dem er lebt, die Einsamkeit der Agentin, die in Bars und in seinem Müll dem Mann ihrer Träume nachspürt, die Begegnung Wong Chi-Mings mit seinem Schulkameraden, der im Linienbus hinter ihm sitzend so weit von ihm entfernt lebt wie auf dem Planeten einer anderen Galaxie – derlei Szenen sind wunderbar inszeniert und gespielt, anrührend und niemals kitschig. Die lakonische Erzählung aus dem Off, die in solchen Momenten gut eingepasste Musik, Christopher Doyles bildgewaltige Kameraarbeit– alles zusammen entwickelt eine Magie, der man sich schwer zu entziehen vermag.
 
Bild Bild Bild
© Studiocanal GmbH
 
Ursprünglich war Fallen Angels als dritte Episode des Vorgängers Chungking Express (HK 1994) geplant. Nun scheint aber, dass dieser so unterkühlte wie lebenspralle Neo Noir davon profitiert, das daraus nichts wurde. Die Bedingungen der Produktion für Fallen Angels waren schwierig. Kameramann Christopher Doyle war für Monate nicht verfügbar; am Ende ließ Wong Kar Wai einen fast fertigen Film von ihm noch einmal nachdrehen. Die Hindernisse haben jedoch zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Material, einer sicher anstrengenden und im Ergebnis doch besseren Arbeit geführt als im Fall von Chungking Express. Vielleicht muss mancher Zuschauer mit Fallen Angels ein wenig Geduld haben, ein Film wie Leben nach dem Tod in Bangkok (THA/JPN 2003) verlangt sie auch, aber zuletzt wird wider Erwarten ein Schuh daraus. Die Charaktere gewinnen Kontur, ihre Einsamkeit inmitten einer beeindruckenden Urbanität zeigt überraschende Facetten und sogar Tiefe, so dass der Film einem trotz eingangs erwähnter Schwächen, die unübersehbar sind, als ein guter im Gedächtnis bleibt. Christopher Doyles oft hervorgehobene und gelobte Kameraarbeit ist sicher beeindruckend, demgegenüber z.B. vom hyperästhetischen Stil des Dokumentarfilmers Godfrey Reggio (Koyaanisqatsi, USA 1982) und dessen Kameramann Ron Fricke (Baraka, USA 1992) beeinflusst. Dennoch: Fallen Angels zeigt eine fulminante Bildsprache, die oft etwas plakativ und zugleich hypnotisch ist. Kein Film für jedermann, aber für Freunde des Neo Noirs (v.a. aus Hongkong) und für ansonsten aufgeschlossene Cineasten über weite Strecken ein Genuss.
 
Gute DVD von Arthaus / Studiocanal, die den Film ungekürzt im Originalformat mit Tonspuren auf Deutsch und Kantonesisch, optional deutschen Untertiteln und dazu Produktionsnotizen, "Starinfos" zu Wong Kar Wai und Christopher Doyle (alles Texttafeln), eine (weniger gute) Galerie mit Standfotos und den Kinotrailer als Extras bietet.
 

Neo Noir | 1995 | International | Wong Kar Wai | Christopher Doyle | Takeshi Kaneshiro

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