Auf einmal

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Bewertung
****
Originaltitel
Auf einmal
Kategorie
Neo Noir
Land
GER/NL
Erscheinungsjahr
2016
Darsteller

Sebastian Hülk, Julia Lentsch, Hanns Zischler, Sascha Alexander Gersak, Luise Heyer

Regie
Asli Özge
Farbe
Farbe
Laufzeit
112 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© MFA+ Filmdistribution e.K.

Die Kleinstadt Altena in Nordrheinwestfalen, spät in der Nacht: Auf der Straße unterhalb des Balkons der Wohnung von Karsten Böhm (Sebastian Hülk) und seiner Frau Laura (Julia Lentsch) fährt langsam ein Auto vorüber, und Anna Kowaljow (Natalia Belitski) blickt hinunter auf den Asphalt, auf den Fluss. Laura ist übers Wochenende geschäftlich unterwegs und Karsten hatte einige Gäste zu einer Party vor Ort. Auch Anna war mitgekommen, obwohl weder Karsten noch sonst jemand sie kannte und sie daher nicht eingeladen worden war. Jetzt sind alle fort, lediglich Anna ist geblieben. Weder sie noch Karsten sprechen ein Wort, doch die Frau erscheint bedrückt, und Karsten kehrt aus der Küche mit einer Kerze zurück und wünscht Anna zum Geburtstag alles Gute. Sie bläst die Flamme aus, und indessen die Nacht durch die Fenster ins Innere der Wohnung drängt, stehen Karsten und Anna in enger Umarmung vor dem Bücherregal und küssen sich… Karsten läuft in der Dunkelheit über eine von Neonröhren spärlich erleuchtete Fußgängerbrücke und hetzt zur Notaufnahme der Poliklinik Altena. Dort klopft er an die verglaste Eingangstür und an die Fenster, aber niemand öffnet ihm. Also rennt er den Weg, auf dem er kam, wieder zurück, durch die menschenleere Kleinstadt bis in seine Wohnung. Als er dort eintrifft, liegt Anna rücklings auf dem Fußboden; Karsten Böhm greift sich das Telefon und ruft den Notdienst. Kurze Zeit später untersuchen Rettungssanitäter mechanisch den leblosen Körper auf dem Teppichboden: die junge Frau ist tot…

 

„Was hab‘ ich denn verbrochen, dass ich so bestraft werde?“ Das in einer Stadt im Sauerland angesiedelte Drama kennzeichnen von Anbeginn jene Tristesse und Schwere, wie sie seit den Tagen des Autorenfilms in den 70er Jahren für das deutsche Kino nicht untypisch sind. Asli Özge, die in Istanbul und in Berlin beheimatete Autorin und Regisseurin, verortet sich damit näher am Schaffen eines Rainer Werner Fassbinders als an den spaßverkrampften Machwerken von Doris Dörrie & Co. und der Deutschen Filmförderung, und allein das führt bei mir zu einem erleichterten Aufatmen. Es geht um den Tod eines Menschen und daran geknüpfte, ethische Fragestellungen. Es geht um Mechanismen von Justiz und Gesellschaft, deren Relevanz auf den Abgleich von Rechtsprechung und Gerechtigkeit hinauslaufen. Deren Diskrepanzen kennt man aus internationalen Neo Noirs wie Lantana (AUS/GER 2001) oder Match Point (UK/RUS/IRL/LUX/USA 2005) und aus jenen seit über zwei Jahrzehnten erfolgreichen und mit Kritikerlob bedachten US-Fernsehproduktionen à la The Night Of - Die Wahrheit einer Nacht (USA 2016). Asli Özge hat jedoch etwas anderes im Sinn, als man nach der ersten Hälfte des Films annehmen könnte, wenn die Mühlen der Justiz zu mahlen beginnen und Karsten im Beruf und im Privatleben nahestehende Personen von ihm abrücken. Was geschah wirklich in jener Nacht, als Bankkaufmann Karsten Böhm mit der Russlanddeutschen Anna, die er gar nicht eingeladen hatte, in seiner Wohnung blieb? Da sein Handeln in einer für Anna kritischen Situation widersprüchlich erscheint, verliert Karsten seine Glaubwürdigkeit. Ist er an ihrem Tod mitschuldig? Hat er etwas zu verbergen? Schon die Fragen hinterlassen einen Nachgeschmack, der sich nicht verflüchtigen will. Karsten findet sich zunehmend isoliert und das weit mehr, als er es vielleicht zuvor schon war.

 

„Auf einmal ist ein deutscher film noir im besten Sinne. Özge spielt aus, wie dehnbar die Begriffe Loyalität, Ehrlichkeit und Vertrauen sind“, schrieb Carolin Ströbele anlässlich der Premiere in einer euphorischen Besprechung für die deutsche Wochenzeitung Die Zeit. Das ist definitiv richtig, und ihre Begeisterung lässt sich nachvollziehen, insofern es in der bundesdeutschen Film- und Fernsehlandschaft seit Jahrzehnten selten mal einen Grund zum Jubeln gibt. Teilen kann ich ihre Euphorie leider nicht, denn Asli Özges Drama um all die unschuldig Schuldigen hat mindestens einen Schönheitsfehler, welcher der Geschichte in jeder zweiten Szene etwas Künstliches verleiht. Seine kleinstädtischen Allerweltsmenschen werden von hoch eloquenten, urbanen Bildungsbürgern gespielt, die ein unbestreitbar vielseitiges Repertoire an Darstellungskunst auffahren und ihre Figuren mit einer Überdosis an Intensität ausstatten. Sofort zu Beginn treten Karsten und Anna wie Kreaturen einer Berliner Nacht in Erscheinung und sogar die Wohnung von Laura und Karsten zeigt fast nichts vom Biedersinn, wie er sich bei einem Bankkaufmann in einem Nest mit 18.500 Einwohnern fände. Anders gesagt: Man spürt, wie die Inszenierung und die (jüngeren) Schauspieler/innen mit ihrem Setting fremdeln und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie dort fremd sind. Wer je in einer Kleinstadt solchen Zuschnitts lebte, wird sofort verstehen, was ich meine. Die mitunter zähe Dramaturgie und die statische Kamera fand ich im Tonfall und in der Bildsprache angemessen. Allerdings lassen auch sie Asli Özges ambitionierten und allemal sehenswerten Film unterhalb eines Meisterwerks rangieren.

 

Via MFA+ Filmdistribution e.K. gibt es eine bild- und tontechnisch erstklassig editierte deutsche DVD-Edition (2017) mit dem Film ungekürzt und im Originalformat mit dem deutschen Originalton und ohne Untertitel und mit dem Kinotrailer als einzigem Extra.

 


Neo Noir | 2016 | International | Asli Özge | Hanns Zischler

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