Hell Or High Water

 

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Bewertung
*****
Originaltitel
Hell Or High Water
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
2016
Darsteller

Jeff Bridges, Chris Pine, Ben Foster, Gil Birmingham, Marin Ireland

Regie
David Mackenzie
Farbe
Farbe
Laufzeit
102 min
Bildformat
Widescreen

 


 

 Hell or High Water-Poster-web1.jpg Hell or High Water-Poster-web2.jpg Hell or High Water-Poster-web3.jpg  Hell or High Water-Poster-web4.jpg

© Paramount Home Entertainment

Archer City im Westen des US-Bundestaats Texas: Es ist früh am Morgen in dem verschlafenen Nest inmitten des wüstenartigen Landstrichs. Die Kassiererin Elsie (Dale Dickey) der Texas Midlands Bank öffnet die kleine Filiale. In diesem Augenblick drängen Tanner Howard Ben Foster) und sein Bruder Toby (Chris Pine), die Gesichter unter Sturmmasken, mit herein und zwingen die Frau mit vorgehaltener Waffen die Geldausgabe zu öffnen. Es stellt sich heraus, dass das Geld im Safe ist und sie keinen Zugangscode hat. So müssen die Gangster die Ankunft des Filialmanagers Mr. Clauson (William Sterchi) abwarten. Als der durch die Tür tritt, gibt Tanner ihm mit dem Kolben seiner Pistole eins auf die Nase… Der Überfall ist geglückt und die beiden rasen in ihrem metallicblauen 1987er Chevrolet Camaro aus der Stadt über die staubige Landstraße in Richtung Olney, wo sie gleichfalls eine Filiale der Texas Midlands Bank zu überfallen gedenken. Lediglich 7.000 US-Dollar haben sie in Archer City erbeutet, aber das in kleinen Noten aus der Tageskasse, und dieses Geld ist nicht registriert… In der Texas Midlands Bank in Olney stemmt ein alter Mann (Buck Taylor) einen Karton mit Münzen, die er in seinem Stall gefunden hat, auf den Tresen der Kassiererin (Kristin Berg), und die beiden überlegen, ob diejenigen von 1953 wohl etwas wert sein könnten, als Tanner und Toby Howard in die Filiale stürmen. Mit einem Satz ist Tanner auf dem Tresen und er befiehlt der Frau, die Tasche mit losen Scheinen zu füllen und zwar schnell…

 

“Is it a noir film or merely a crime film? (…) Yeah, I’d say it’s noir.” So urteilt Chris Wilsher in seinem Blog Post-Industrial Noir, nachdem er deutlich machte, dass es sich bei Hell Or High Water eben nicht um einen Western im modernen Gewand (einen sogenannten Neo Western) handelt, wie das auch von deutschen Kritikern gern so daher gesagt wurde. Der Bundesstaat Texas allein, das Tragen eines Stetsons oder ein Bankraub machen keinen Western. Der Fokus auf den Zustand der USA in Zeiten einer Verödung weiter Landstriche, die Macht der Banken und ihre gnadenlosen Regularien, die hoffnungslose Situation vieler Familien am unteren Rand dessen, was man den Mittelstand nannte, der nimmermüde Rassismus gegenüber dem Indianer– all das ist untypisch für den Werkskanon John Fords, Howard Hawks‘ oder Anthony Manns. Und ich erwähne genau diese Regisseure, weil ihre Western reich an Themen und stark auf Charaktere fokussiert waren, weil sie dem Genre etwas abgewannen, mag man sie oder nicht. Der gebürtige Schotte David Mackenzie hat mit seinem Thriller Hell Or High Water etwas anderes im Sinn. Sein Film ist viel näher an Scott Coopers Auge um Auge – Out Of The Furnace (USA/UK 2013), ebenso ein Film um zwei ungleiche Brüder, und sein Handlungsverlauf ist mit Blick auf Motive und dramatische Zuspitzungen nicht weit von dem, was wir hier in einer anderen Landschaft miterleben dürfen. Mich hat Hell Or High Water überrascht, denn ich erwartete tatsächlich einen Neo Western. Aber ich sah etwas, das eher an Don Siegels Der große Coup (USA 1973), an Sam Peckinpahs Getaway (USA 1972) oder an australische Filme à la Goldstone (AUS 2016) denken lässt - an einen Neo Noir, wie es auch Chris Wilsher zu Protokoll gibt. Was Hell Or High Water mit dem Western verbindet, ist das Ende des Westens und seiner Bewohner, wie es als Film der Western zelebrierte. Damals nahmen die weißen Siedler den Indianern ihr Land, so das Halbblut Alberto Parker (Gil Birmingham), aber nun nehmen es ihnen die Banken wieder weg. Die Historie schreibt sich fort, indem sie sich scheinbar wiederholt, der Westen aber ist am Ende.

 

Eine flott voranschreitende Entwicklung der Handlung und mit wenigen Federstrichen sehr plastisch gestaltete Rollencharaktere zeugen von der Exzellenz des Drehbuchs von Taylor Sheridan (Wind River, USA 2017). David Mackenzie und Kameramann Giles Nuttgens hatten u.a. schon bei Young Adam – Dunkle Leidenschaft (UK/FRA 2003) zusammengearbeitet und können ihre gemeinsame Expertise 13 Jahre später mühelos in die karge Landschaft von West-Texas transferieren. Noch in Nebenrollen schaffen es die Rollencharaktere das Bild der USA in jener so gottverlassenen, ausgedörrten Gegend zu runden - in einer Art Vorhölle von großer Schönheit und verwurzelt in einer tiefdunklen Vergangenheit. Der Film Noir ist hier vor allem in seinen Figuren immanent, in ihrem Jeder-fürs-sich und im Einer-gegen-alle, seinem Statement wider den Geist des Westerns und wider die Philosophie des Hollywood-Mainstreams mit deren Superhelden und linientreuen Erfolgsmenschen. Zuletzt ist es das Quartett der Hauptdarsteller, die in einzelnen Szenen über sich hinauswachsen und ohne Ausnahme ihre Charaktere bis in Details mit höchster Glaubwürdigkeit verkörpern. Einzig die moralische Ambiguität der Schlusssequenz lässt trotz ihrer Abgründigkeit auch den fürs US-Kino nicht untypischen Hang zur Selbstjustiz durchscheinen: Wenn einem das System nicht gibt, was einem zusteht, holt man es sich zur Not mit Gewalt zurück, denn rechtens ist, was man selbst durchzusetzen weiß. Das ist fragwürdig und wird vom Autor des Drehbuchs dennoch mit dem befleckten Heiligenschein der Selbstbestimmung versehen.

 

Erstklassige deutsche BD- und DVD-Ausgaben (2017) der Paramount Pictures Deutschland mit dem Film ungekürzt im Originalformat, bild- und tontechnisch topp, die original englische Tonspur und eine deutsche Synchronisation, dazu optional deutsche Untertitel, fünf Features von insgesamt 67 Minuten Spielzeit und den Kinotrailer als Extras. Erstklassige Editionen und als Film ein Muss!

 


Neo Noir | 2016 | USA | David Mackenzie | Ben Foster | Jeff Bridges | Dale Dickey

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