Straße zum Jenseits

 

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Bewertung
*****
Originaltitel
Across 110th Street
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1972
Darsteller

Anthony Quinn, Yaphet Kotto, Anthony Franciosa, Paul Benjamin, Ed Bernard

Regie
Barry Shear
Farbe
Farbe
Laufzeit
102 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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© United Artists Corporation
 

New York: In einem schwarzen, chromglänzenden 1965er Cadillac Coupe DeVille fahren Lapides (Burt Young) und ein Buchhalter der Mafia (Alfred Leberfeld) in Richtung Harlem, wo sie in einer heruntergekommenen Mietwohnung wie in jeder Woche ihren Termin wahrnehmen. Drei Afro-Amerikaner (Norman Matlock, Frank Adu, Dallas Edward Hayes) bündeln die Wetteinnahmen und Lapides hat einen Koffer dabei, denn er ist mit dem Buchhalter vor Ort, um in der “Numbers Bank“ das Geld zu zählen und es abzuholen. Plötzlich klopft es an der Tür. Im Hausflur stehen zwei schwarze Polizeibeamte (Paul Benjamin, Ed Bernard), die sich nach dem Cadillac erkundigen. Kaum sind sie im Zimmer, haben sie jeweils ihren Revolver und eine Maschinenpistole gezückt und zwingen die Anwesenden das Geld in Lapides‘ Koffer zu packen. Die beiden heißen Jim Harris, ein soeben erst aus dem Gefängnis entlassener, notorischer Krimineller, und Joe Logart, Angestellter in einer Reinigungsfirma. Als einer der schwarzen Gangster nach seiner Pistole greift, eröffnet Harris das Feuer und erschießt mit einer infernalischen Salve aus der automatischen Waffe alle fünf Gangmitglieder. Logart und Harris stopfen so viele Dollarnoten wie möglich in den Koffer, hetzen die Treppe hinunter und springen zu ihrem Kumpanen Henry J. Jackson (Antonio Fargas) in das bereits wartende Fluchtauto. Doch nicht alles läuft glatt und sie erschießen auf der Flucht noch zwei Streifenpolizisten, die sie aufzuhalten versuchen, bevor sie endlich auf und davon rasen…

 

“You're looking at a 42 year old ex-con nigga with no schooling, no trade, and a medical problem! Now who the hell would want me for anything but washing cars or swinging a pick?” Ein außergewöhnlicher Film, der sowohl zum Kanon der Blaxploitation-Filme jener frühen 70er Jahre als auch zu den besten Neo Noirs der Ära zu rechnen ist. Barry Shears Drama um einen waghalsigen Coup, bei dem drei schwarze Kriminelle von der Mafia eine erhebliche Summe erbeuten und insgesamt sieben Menschen töten, zeigt uns ein Panoptikum der Spannungen zwischen Schwarz und Weiß in der Metropole New York und zeigt uns jene Charaktere am unteren Ende der Nahrungskette, die ihrem Sisyphos-Dasein zu entfliehen suchen. Bemerkenswert ist, mit welcher Aufmerksamkeit und Sorgfalt nahezu alle Figuren nicht in Gut und Böse geschieden werden, sondern noch in Details die Motive, Nöte und Gemütslagen der schillernd ambivalenten Rollencharaktere mitschwingen. Sogar der sadistische Mafiosi Nick D’Salvio (Anthony Franciosa) wird zu Beginn als eine brüchige Gestalt eingeführt – solcher Familienmensch mit dem Untertanengeist des linientreuen Henkers, zugleich ein Rassist, der dem beinharten Doc Johnson (Richard Ward) wie ein tollwütiger Köter jämmerlich erscheint und dafür ausgelacht wird. Im Verhältnis zwischen dem distanziert korrekten Lieutenant Pope (Yaphet Kotto) und dem rassistischen und ausgebrannten Captain Matteli (Anthony Quinn) spiegelt sich dasjenige von Virgil Tibbs (Sidney Poitier) zu Polizeichef Gillespie (Rod Steiger) in Norman Jewisons In der Hitze der Nacht (USA 1967). Auch der Einfluss von Ossie Davis‘ Wenn es Nacht wird in Manhattan (USA 1970) und von Gordon Parks‘ Shaft (USA 1971) ist in jeweils der Darstellung eines von Leben berstenden Stadtteils Harlem und dem abgrundtiefen Hass zwischen den ethnischen Gruppierungen deutlich sichtbar. Gemeinsam ist diesen Neo Noirs zudem: Nur das Geld und nichts als das Geld verspricht ihnen allen entweder Linderung oder sogar einen Ausweg aus ihrer Hölle des Alltags.

 

“Barry Shear’s blaxploitation cop drama is drenched in noir style, and noir cynicism”, schreibt Martin Teller für seinen Blog Martin Teller’s Movie Reviews und trifft den Punkt. Anthony Quinn ist nicht der Schauspieler, den man sofort mit dem Film Noir assoziiert, hatte er sich auch in Nackte Straßen (USA 1955) und vor allem in Die Faust im Gesicht (USA 1962) in dessen Fahrwasser platziert. Yaphet Kotto ist ein wunderbarer Darsteller, der später in Milton Kastselas Der einsame Job (USA 1975) und in Paul Schraders Blue Collar – Kampf am Fließband (USA 1978) Gelegenheit erhielt, sein Talent unter Beweis zu stellen. Der wirkliche Star von Straße zum Jenseits ist für mich Paul Benjamin (Friday Foster, USA 1975), der in einer komplexen Rolle als der von Epilepsie und Aussichtslosigkeit geplagte ex-Gefangene Jim Harris, der mit seiner Geliebten Gloria Roberts (Norma Donaldson) dem Dschungel der Großstadt entfliehen möchte, dem Film zu einem dunkel vibrierenden Anti-Helden verhilft. Großartiger Film!

 

Es gibt eine deutsche DVD-Edition (2005) der MGM Home Entertainment GmbH mit dem Film in seiner ungekürzten Kinofassung – ehemals FSK 18 und heute ab 16  - im Originalformat, bildtechnisch solide mit der original englischen Tonspur und Synchronisationen auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Spanisch sowie optional mit Untertiteln auf Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Dänisch und Französisch, dazu den Kinotrailer als Extra. Eine bild-und tontechnisch hochwertig restaurierte Fassung liegt seit 2014 via Kino Lorber als BD und als DVD vor, einzig die englische Tonspur ohne Untertitel, ist jedoch nur in den USA erschienen und damit im Regionalcode 1, auch hier den Kinotrailer als Extra.

 


Neo Noir | 1972 | USA | Barry Shear | Anthony Quinn | Antonio Fargas | Burt Young | Paul Benjamin | Yaphet Kotto

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