Harry Brown

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Bewertung
****
Originaltitel
Harry Brown
Kategorie
Neo Noir
Land
UK
Erscheinungsjahr
2009
Darsteller

Michael Caine, Emily Mortimer, Charlie Creed-Miles, David Bradley, Iain Glen

Regie
Daniel Barber
Farbe
Farbe
Laufzeit
98 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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London: Der ex-Marinesoldat Harry Brown (Michael Caine) lebt als Rentner allein in der Wohnung eines herunter gekommenen Apartmentblocks im Südosten der Stadt. Als er heute Morgen die Nachrichten hört, ist davon die Rede, dass zwei Rowdies (Ian Pead, Andy Wearham) auf einem Motorrad eine allein erziehende Mutter (Belinda McGinley) im Vorbeifahren erschossen hätten, ihr Baby jedoch in Sicherheit sei… Harry Brown besucht regelmäßig seine Frau Kath (Liz Daniels), die im Krankenhaus im Koma liegt. Er ist sich inzwischen nicht mehr sicher, ob sie ihn währenddessen überhaupt wahrnimmt. Ansonsten ist Leonard Attwell (David Bradley), ebenfalls Rentner, der einzige ihm eng verbundene Freund. Gern spielen die beiden Herren im Barge Pub von Sid Rourke (Liam Cunningham) eine Partie Schach miteinander. Hier verkehren auch einige der Drogendealer der Gegend, verwahrloste Burschen wie Kenny (Joseph Gilgun), und Leonard weiß zu berichten, dass sich Sid von ihnen dafür bezahlen lässt, dass sie am Tresen unverhohlen dealen dürfen. Eines Nachts erreicht Harry Brown ein Anruf des Krankenhauses und durch den strömenden Regen macht er sich auf den Weg. Wie so oft passiert er die Fußgängerunterführung, wo sich unter Leitung Noel Winters' (Ben Drew) die jugendlichen Kriminellen treffen und ihren Geschäften nachgehen oder ihrer Gewaltbereitschaft freien Lauf lassen. Als Harry im Hospital eintrifft, ist es zu spät. Das Bett seiner Frau ist bereits leer; der nächste Gang führt ihn auf den Friedhof. Hier befindet sich auch das Grab ihrer früh verstorbenen Tochter Rachel…
 
“Are ‘Broken Britain’ movies the UK Neo-Noir?”, fragt ein Blog im Network der MoliFilms Entertainment Ltd. in seiner Überschrift und es ist eine kluge Frage. Zur Erläuterung heißt es: “The most recent development of dark British fiction has become unofficially known as Brit Grit (…) This term refers to films that use the (murder) mystery narrative, anti-hero protagonists and darker imagery from Film Noir, and moves the social-commentary Kitchen-Sink drama from the home out on to the streets.” In dieser Beziehung ist Harry Brown, der an seiner Oberfläche einen Racheplot als Treiber der Handlung fungieren lässt, wie es z.B. auch bei Mike Hodges’ Dead Simple (UK/USA 2003) der Fall ist, ein Paradebeispiel neueren britischen Neo-Noir-Kinos. Die deutsche Rezeption sowohl seitens der Journaille als auch des Kinopublikums ist von solcher Oberfläche leider nie losgekommen. Harry Brown bekam vor allem deshalb Zuspruch, weil der gleichnamige Rentner Selbstjustiz verübt und im rechtsfreien Raum seiner Nachbarschaft blutige Ernte hält und für Ruhe sorgt. Offenbar fühlen sich viele Menschen davon positiv stimuliert und in ihren eigenen Fantasien bestätigt. Aggressionen völlig enthemmt auszuleben und seine private Idee von Gerechtigkeit zu vermitteln, ist jedoch nicht das Generalthema hier. Es gibt einen aufschlussreichen Dialog zwischen Harry und seinem Freund Leonard: “The marines were a lifetime ago. I was a different man then. When I met my Kath, I knew that all that stuff had to be locked away.” Genau solche Aussage macht den Film, der sich jeder Wertung enthält und seinen Protagonisten durchaus zwiespältig zeigt, so bitter und trostlos. Dass der Held keiner ist, vielmehr ein Anti-Held, dass er sich als so kaputt und verdorben erweist wie diejenigen, die er zum Schutz des "Guten“ zu bekämpfen vorgibt, ist im klassischen Film Noir ein vertrauter Topos. Detective Sgt. Dave Bannion (Glenn Ford) in Fritz Langs Heißes Eisen (USA 1953) oder Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker) in Robert Aldrichs Rattennest (USA 1955) agieren, von der Selbstgerechtigkeit einer Racheideologie angetrieben, an der Grenze zum Faschismus. Das Bittere im Neo Noir Harry Brown besteht darin, dass der emotional tief verletzte Protagonist keinen anderen Ausweg sieht – für viele Zuschauer ein willkommener Befreiungsschlag aus rechtsstaatlichem Korsett.
 
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© Ascot Elite Home Entertainment
 
Harry Brown lässt uns wissen, dass er mit den Royal Marines in Ulster, Nordirland, im Einsatz war, wo die Elitetruppe vor allem in den 70er und 80er Jahren kämpfte. Auch Detective Inspector Alice Frampton (Emily Mortimer) sieht die Fotografie des hoch dekorierten Soldaten an der Wand seines Wohnzimmers. Aber Barbers Film nach einem Drehbuch Gary Youngs ist in der Entwicklung nicht so pointiert, um das hieraus resultierende Unwohlsein auch zu benennen. Dass die Exzesse von Gewalt in Nordirland und in London im gleichen Humus wurzeln, mag man sich in der verstörenden zweiten Hälfte, da Harry Brown auch vor Folter nicht zurückschreckt, zwar denken. Doch gibt es ebenso viel Raum für jene Art Selbstbefriedigung, die schon Michael Winners zwiespältiger Ein Mann sieht rot (USA 1974) stilbildend angeboten hat. Michael Caine ist großartig in der Rolle des charakterlich keinesfalls simplen Rentners und Witwers. Auch Emily Mortimer, David Bradley, Sean Harris und Liam Cunningham bereichern einen sehr dunklen und grimmigen Film, dessen soziale Bestandsaufnahme so hoffnungslos ist, wie es selbst im klassischen Film Noir nur wenige der zentralen Werke zustande brachten. Ist auch das Finale ein wenig over the top, bleibt im Ganzen der Eindruck eines engagierten und höchst intensiven Neo-Noir-Dramas, das es sich mit seinem Rachethema zu leicht machte und einer Banalisierung daher nicht entgeht.
 
Erstklassige deutsche BD- und DVD-Edition (2010) der Ascot Elite Home Entertainment mit dem Film ungekürzt im Originalformat, wahlweise englische oder deutsche Tonspur, deutsche Untertitel, einen Audiokommentar von Michael Caine, geschnittene Szenen, Interviews, Kinotrailer und ein Making Of als Extras.
 

Neo Noir | 2009 | UK | Daniel Barber | Michael Caine | Emily Mortimer

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