Leben ist Lüge, Das

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Bewertung
****
Originaltitel
Lonelyhearts
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1958
Darsteller

Montgomery Clift, Robert Ryan, Myrna Loy, Dolores Hart, Maureen Stapleton

Regie
Vincent J. Donahue
Farbe
s/w
Laufzeit
100 min
Bildformat
Vollbild
 

Bild Bild Das Leben ist Luege-Poster-web2.jpg
© United Artists Corporation  © Verlag für Filmschriften Christian Unucka
 
In einer US-amerikanischen Kleinstadt ist The Chronicle die Tageszeitung von Rang und Namen. Adam White (Montgomery Clift) ist als angehender Journalist auf der Suche nach einem ersten Job und beschloss deshalb, in der Bar Delahenty’s auf deren Chefredakteur William Shrike (Robert Ryan) zu warten. Letzterer trifft sich dort zum Feierabend oft mit seiner Frau Florence (Myrna Loy), die White, der keinen Alkohol trinkt und ihn nicht verträgt, hier kennen lernte. Heute hat er endlich Glück, William Shrike erscheint und man kommt ins Gespräch. Doch der Zeitungsmann entpuppt sich als wortgewandter Zyniker, der White herausfordert und seine Frau demütigt. White lässt sich nicht unterkriegen und kontert seinerseits, so dass er davon ausgehen muss, es sich mit Shrike verdorben zu haben, doch der lädt ihn für den nächsten Tag zum Arbeitsbeginn vor. Adam White ist erstaunt, zugleich erfreut, und verabschiedet sich. Florence ist von White angetan und überzeugt, dass er gut schreibe, doch erneut hat Shrike für ihre Ansicht nur Herablassung übrig… Im örtlichen Autokino wird ein Kriegsfilm gezeigt, dort findet Adam schließlich auch seine Verlobte Justy Sargeant (Dolores Hart) mit ihrem verwitweten Vater (Frank Overton) und ihren Brüdern Johnny (Johnny Washbrook) und Don (Don Washbrook) bei Popcorn im Wagen sitzen. Adam berichtet Justy von seinem Erfolg, die ihm aufgeregt gratuliert und alles darüber wissen will. Für Florence Shrike verläuft das Heimkommen mit ihrem Gatten William weit weniger angenehm…
 
“Considered to be a bit of Noir, the milieu of the Newspaper room, the darkened city with it’s sordid inhabitants mulling about, and a man who is not quite what he appears to be has many of the tidings of a good noir,” schreibt Monstergirl aka Jo Gabriel in ihrem Blog The Last Drive In. Die Frage, ob Das Leben ist Lüge zuletzt ein Film Noir sei, beantwortet sie dennoch negativ, und das ist nachvollziehbar. Trotzdem habe ich mich nach kurzer Überlegung entschlossen, Vincent J. Donahues eindrückliche Verfilmung des Roman Miss Lonelyhearts von Nathanael West (EA 1933) in dieses Portal aufzunehmen. Einige der Gründe dafür hat Monstergirl in ihrem o.a. Zitat bereits genannt. Der zentrale Charakter Adam White ist nicht nur eine gepeinigte Seele, sondern er ist auch keinesfalls der, als der er sich vor allem seiner jungen Freundin Justy gegenüber ausgibt. Eine dunkle Vergangenheit liefert ihm Gründe für sein Versteckspiel, vor allem aber lastet sie auf jedem seiner Schritte, ohne dass jemand es ahnt. Auch Robert Ryans Chefredakteur William Shrike ist eine Film-Noir-Figur par excellence, ein seinerseits von Dämonen der Erinnerung zerfressener Zyniker, der nicht nur anderen sondern auch sich selbst zwanghaft seelische Qualen zufügen muss. Wie oft liest man in Besprechungen über einen Film Noir, jener sei ein dunkles und düsteres Drama. Nun, Das Leben ist Lüge ist zu 100% genau das - eine Geschichte voller Charaktere, denen ihr alltägliches Leben zu einem Alptraum wider Willen gerät, deren Hoffnungen und gute Vorsätze stets und ständig wie leere Versprechungen verhallen. Anhand der verzweifelten Briefe, die der Journalist Adam White in der Rolle einer fiktiven “Miss Lonelyhearts“ täglich zu beantworten hat, scheint sich sein eigenes Schicksal zu erfüllen, als nähme er im Lesen deren abgründige Ausweglosigkeit selbst in sich auf.
 
Bild Bild Bild
© United Artists Corporation
 
“I’m often asked what I consider the essence of a great film noir. My answer is always the same, and has nothing to do with style or technique. It’s empathy“, schrieb Eddie Müller, Gründer der Film Noir Foundation, in seiner Besprechung von Scott Coopers Black Mass (USA 2015), dem er genau das abspricht, Empathie nämlich. Die zentralen Figuren von Das Leben ist Lüge umkreisen die Fragestellungen der Moral und umkreisen einander, und was sein Regisseur in dieser Inszenierung auch für Facetten aufzeigt, nie verliert er Neigung und Empathie für seine Rollencharaktere aus dem Blick. Passagenweise ist Das Leben ist Lüge derart präzise, dass es schmerzt zuschauen zu müssen. Hieran haben vor allem Montgomery Clift und Robert Ryan Anteil, die sich auf der Höhe ihrer Kunst bewegen. Aber auch die Frauenfiguren sind fein porträtiert und voller Nuancen, von den drei so unterschiedlichen Darstellerinnen Dolores Hart, Myrna Loy und Maureen Stapleton wunderbar auf den Punkt gebracht. Seinen Stil verdankt Das Leben ist Lüge allerdings einem der wichtigsten Kameramänner des Film Noirs, John Alton, der zugleich als Exzentriker und als schwierig galt. Er verleiht Donahues Produktion seinen Film-Noir-Stil, eine von Lichtfeldern getupfte Dunkelheit, die für John Alton so symptomatisch ist. Und zu allem, was diesen Film sowohl ins Fahrwasser des Film Noirs der Vierziger bringt als auch ihn die von Restriktionen der McCarthy-Ära befreiten Sechziger vorwegnehmen lässt, kommen Dialoge, die es in sich haben: ”He is a fake, a scribbling punk trying to play the part of goody two-shoes. He’d steal my fillings when I lie dead on the street.” Nicht exakt ein Film Noir, aber in Form und Inhalt reich an allem, was gerade der Film-Noir-Freund sehr schätzt. Sowohl Die Maske runter (USA 1952), Skandalblatt (USA 1952) als auch Die Bestie (USA 1956) waren im Zeitungswesen angesiedelt und bebilderten vergleichbar medienkritische und moralische Fragestellungen.
 
Eine spanische DVD-Edition (2011) der Twentieth Century Fox unterm Titel Corazones Solitarios und eine obskure US-amerikanische DVD (2014) bringen Film ungekürzt im Originalformat, bild- und tontechnisch topp, wahlweise englischer oder (im Fall der spanischen Ausgabe) auch spanischer Ton, optional spanische Untertitel, dazu ein paar Extras.
 

Film Noir | 1958 | USA | Vincent J. Donahue | John Alton | Montgomery Clift | Robert Ryan

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