Night Of, The - Die Wahrheit einer Nacht

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Bewertung
*****
Originaltitel
The Night Of
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
2016
Darsteller

John Turturro, Riz Ahmed, Bill Camp, Michael Kenneth Williams, Jeannie Berlin

Regie
Steven Zaillian
Farbe
Farbe
Laufzeit
525 min
Bildformat
Widescreen

 


 

The Night Of-Poster-web1c.jpg The Night Of-Poster-web3c.jpg The Night Of-Poster-web2c.jpg

© Home Box Office, Inc.

New York im Oktober 2014: Der 23jährige Sohn pakistanischer Einwanderer, Nasir Khan (Riz Ahmed), lebt stets bei seiner Familie in Jackson Heights, Queens, und studiert Business an einem College. Besonders in der Mathematik beweist er Talent und ist deshalb auch Tutor eines afroamerikanischen Basketballspielers (Eric D. Hill jr.). Aber am heutigen Freitag vor dem Wochenende will jener von Gleichungen nichts wissen und zeigt seinem Helfer die kalte Schulter. Ein Freund (Marcus Callender) findet diese Reaktion ungerecht und lädt Nasir und dessen Kumpel Amir Farik (Ariya Ghahramani) spontan für den heutigen Abend zu einer Party in der Lower East Side, Manhattan, ein… Beim Abendessen mit seiner Mutter Safar (Poorna Jagannathan), dem Vater Salim (Payman Maadi) und seinem Bruder Hasam (Syam F. Ladi) drückt die Mutter ihr Missfallen über den Besuch der Party aus. Als Nasir mit Amir telefoniert, stellt sich heraus, dass jener heute kein Auto zur Verfügung hat und nicht mitkommen wird. Nasir will wegen der angekündigten Frauen unbedingt auf diese Party, also leiht er sich unerlaubt das Taxi seines Vaters, welches sich jener mit zwei Freunden teilt und das die Lebensgrundlage der Familie darstellt. Nasir fährt nach Manhattan, doch als er es nicht fertigbringt, am Taxi das Signal “Off Duty“ einzuschalten, versuchen Passanten ihn für eine Fahrt zu buchen. Gerade als er glaubt, er könne weiterfahren, steigt die hübsche Andrea Cornish (Sofia Black-D’Elia) bei ihm ein und Nasir fragt, wohin sie denn wolle…

 

Schon mit der ersten Folge dieses US-Remakes der britischen Mini-Serie Criminal Justice (UK 2008) von Otto Bathurst unterstreicht die US-amerikanische Produktionsgesellschaft HBO ihren Ruf als die inzwischen womöglich beste Werkstatt für eigenständige TV-Serien weltweit. In welchem Maß die Erfahrungen aus jenen 20 Jahren von Oz - Hölle hinter Gittern (USA 1997-2003) über The Wire (USA 2002-2008) bis True Detective (USA 2014-2015), die damit verbundene Courage Neues zu wagen und eine detaillierte Kenntnis des klassischen Erzählkinos hier zusammenfinden, ist für den Freund solcher Traditionen wie u.a. Film Noir schlicht ein Hochgenuss. HBO setzt auf höchstem Niveau für das Fernsehen um, was die Filmstudios Hollywoods in den letzten 20 Jahren beim Kinofilm sukzessive negiert und teils scheinbar verlernt haben. Die im Rahmen des Neo Noirs und darüber hinaus erreichte Exzellenz von The Night Of als Filmdrama resultiert in einer für den Zuschauer fast schmerzhaften Intensität des Erlebens. Der Mann hinter dem Projekt ist der zuvor für Martin Scorsese, Brian De Palma, Ridley Scott und David Fincher tätige Drehbuchautor Steven Zaillian, der hier als Produzent, Regisseur und neben Richard Price (Die Nacht von Soho, USA 1992) auch als Co-Autor in Personalunion auftritt. Von der ersten bis zur letzten Minute spannend und ergreifend gibt es kaum etwas, das einer kritischen Erörterung nicht standhielte. Vom Skript über die Darsteller bis zu den Drehorten erreicht Zaillians Inszenierung im Kunstraum ihrer Erzählung eine beängstigende Authentizität, so dass man sich als Zuschauer dem Sog der Handlung nicht zu entziehen vermag. Oder einfach ausgedrückt: Suchtwirkung garantiert.

 

So manche der für mich in der Serie wahrnehmbaren Einflüsse reichen in die Historie des Film Noirs und des Neo Noirs zurück. So kamen mir sowohl Zelle R 17 (USA 1947) und Bad Boys (USA 1983) als auch Vor verschlossenen Türen (USA 1949) und Der falsche Mann (USA 1956) in den Sinn, die zumindest in Teilen ein ähnliches Terrain beackern. Die Stärke von The Night Of liegt in seiner direkt im Skript angelegten Entwicklung der Rollencharaktere, die vielschichtig, glaubwürdig und nie klischeebehaftet erscheinen. Von Anbeginn nutzen Richard Price und Steven Zaillian die epische Anlage des Serienformats mit einem für HBO typisch intelligenten Erzählstil. Genau das eröffnet den Darstellern über die gesamte Dauer der Handlung jeweils den Raum und die Zeit, ihre Qualitäten zugunsten der Figuren voll auszuspielen. Was Riz Ahmed, John Turturro, Michael Kenneth Williams und Bill Camp uns an Schauspielkunst auftischen, ist eine Klasse für sich und resultierte in vier Emmy-Nominierungen, von denen Riz Ahmed als bester Hauptdarsteller den Preis auch erhielt. The Night Of setzt ein Signal, inwieweit neben einschlägigen Independent-Produktionen fürs Kino sich im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends der Neo Noir in das Fernsehen von Produktionsgesellschaften à la HBO verlagert und dort zu neuer Blüte findet. HBO schuf zu einem frühen Zeitpunkt des eigenen Bestehens die mit Powers Boothe besetzte TV-Serie Philip Marlowe (UK/CAN/USA 1983-1986) nach den Erzählungen Raymond Chandlers und kehrt mit True Detective und mit The Night Of in gänzlich anderer Form und dennoch explizit zu dieser Tradition zurück. Tragische Randnotiz: der ursprünglich für die Rolle des Rechtsanwalts John Stone (John Turturro) vorgesehene James Gandolfini (Lonely Hearts Killers, GER/USA 2006) verstarb 2013 mit nur 51 Jahren an einem Herzinfarkt und die hier als Anwältin Alison Crowe auftretende Glenne Headley (62) verschied im Juni 2017 ebenso überraschend.

 

Bild- und tontechnisch erstklassige 2BD- oder 3DVD-Box im Pappschuber von Warner Home Video (2017) mit der Serie ungekürzt im Originalformat, dazu die original englische Tonspur (unbedingt vorzuziehen) und Synchronisationen auf Deutsch oder Französisch, optional gibt es Untertitel wahlweise auf Deutsch, Englisch Französisch, Polnisch, Niederländisch und Portugiesisch, das Ganze ohne Extras.

 


Neo Noir | 2016 | USA | Steven Zaillian | Robert Elswit | John Turturro | Michael Kenneth Williams | Riz Ahmed

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