Sniper, The

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Bewertung
****
Originaltitel
The Sniper
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1952
Darsteller

Adolphe Menjou, Arthur Franz, Gerald Mohr, Marie Windsor, Frank Faylen

Regie
Edward Dmytryk
Farbe
s/w
Laufzeit
88 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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© Columbia Pictures Corporation
 
San Francisco: Der unauffällige Angestellte der Reinigungsfirma Alpine, Eddie Miller (Arthur Franz), lebt in einem Zimmer mit Blick hügelabwärts. An einem warmen Sommerabend steht das Fenster offen und Miller steckt den Schlüssel in die oberste Schublade einer Kommode, die ihm auch als Toilettentisch dient. Darin verwahrt er sein Armeegewehr mit Zielfernrohr. Er  nimmt die Waffe, reinigt sie sorgsam und wird darauf aufmerksam, dass ein junges Paar lachend die Straße empor kommt. Ein Mann bringt seine Freundin nach Haus und Miller löscht rasch das Licht im Zimmer, nimmt das Gewehr in Anschlag und zielt auf den Kopf der Frau und drückt ab… Doch es war keine Kugel im Lauf und mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht wendet er sich vom Fenster ab zurück ins Zimmer. Er legt das Gewehr wieder in jene Schublade, schließt sie ab und wirft den Schlüssel gegen die Zimmerwand. Eddie Miller streift durch die Sommernacht, vorbei an Kinos und Geschäften, doch überall begegnet er jungen Frauen, die ihm zusetzen – eine, die über ihre verflossene Liebe spottet und eine junge Mutter, die ihren Jungen öffentlich ohrfeigt. Er entweicht in einen Park. Doch hier flanieren Liebespaare, sitzen auf Bänken oder liegen sogar im warmen Gras. Erneut hetzt er eine Straße hinab, stößt versehentlich mit einer älteren Dame zusammen, deren Begleiter ihn gehörig rüffelt, und betritt eine Soda-Bar. Er durchwühlt das Telefonbuch und verlangt von der Vermittlung das Staatsgefängnis in Huntsburg…
 
The Sniper war der erste US-amerikanische Spielfilm Edward Dmytryks, des im Jahr 1948 vom Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) wegen Verweigerung der Aussage zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilten Regisseurs, nach seiner Denunziation mehrerer Kollegen als Kommunisten und der anschließenden Rehabilitierung. Wie im Fall Elia Kazans haben ihm manche Kollegen diesen Sinneswandel vom Opfer zum Täter zeitlebens nicht verziehen. So ist The Sniper - mit dem erzreaktionären Schauspieler Adolphe Menjou als Police Lt. Franz Kafka (?) - einerseits eine typische Produktion der McCarthy-Ära, die die paranoide Furcht vor Feinden im Inneren der Heimat (USA) auf die Spitze treibt. Ein Psychopath gefährdet die bürgerliche Ordnung, indem er junge Frauen aus dem Hinterhalt schlicht exekutiert. Andererseits zeichnet der Film ein beklemmendes Portrait des von inneren Dämonen gepeinigten und sozial völlig isolierten Eddie Millers, dass es eine andere Sicht auf die von Effizienz und Entertainment determinierte US-Gesellschaft nahelegt. Tatsächlich, so gewinnt man den Eindruck, versucht sich Edward Dmytryk an einer Gratwanderung. Die in einer ausführlichen Debatte dargelegten Standpunkte lokaler Politiker wider denjenigen des Psychologen im Polizeidienst Dr. James G. Kent (Richard Kiley) überführen ihre Träger einzig machtpolitisch begründeter Motive und Interessen. Demgegenüber macht sich Dr. Kent zum Advocatus Diaboli genau ihres Systems, ohne es zu bemerken, mit Blick auf eine Fragestellung allerdings, die westliche Gesellschaften bis auf den heutigen Tag in Unruhe versetzt und spaltet.
 
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© Columbia Pictures Corporation
 
Was den im Tempo geruhsamen Thriller stets auf die Spur bringt, ist die Art, wie er seine Figuren ernst nimmt und wertschätzt. Tatsächlich behauptet sich der lange Zeit in Vergessenheit geratene Film auf dem Terrain des Film Noirs als eigenwilliger Hybrid aus Schritte in der Nacht (USA 1948) und Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt (USA 1948). Zu großen Teilen an Schauplätzen in San Francisco gedreht, verzichtet The Sniper auf die für seine Zeit noch typischen Pappkulissen des Filmstudios. Es verleiht ihm eine atmosphärische Dichte und in Kombination mit dem exzellenten Portrait Millers durch Arthur Franz fast eine Aura der Authentizität, wie das auch die semi-dokumentarischen Filme der Spätvierziger anstrebten. Hier ist Kameramann Burnett Guffey zu erwähnen, der in der Ära klassischen Film Noirs bis zu deren Ende eine Schlüsselrolle einnahm. Besonders in der zweiten Hälfte des Films und im sauber inszenierten Finale verzichtet Regisseur Dmytryk zudem darauf, den Handlungsverlauf durch (überflüssige) Schockeffekte oder Actionsequenzen publikumswirksam glätten zu wollen. Der Tenor bleibt bis harsch und trist, der Schluss ist in einem fast überraschenden Sinn traurig. Im Folgenden verpflichtete sich Edward Dmytryk dem Mainstream und fabrizierte Western, Kriegsfilme, Melodramen und Abenteuerfilme in Serie, nie schlecht und nie herausragend, bevor er mit dem Thriller Die 27. Etage (USA 1965) noch ein letztes Mal in Schwarzweiß zu einem (moderneren) Film Noir zurückfand.
 
The Sniper erschien in der 5DVD-Box (2009) Columbia Pictures Film Noir Classics I, die von Sony Pictures Home Entertainment Inc. nur in den USA veröffentlicht wurde, d.h. bildtechnisch exzellent restauriert mit dem original englischen Ton plus optional englischer Untertitel, ungekürzt im Originalformat und mit dem US-Kinotrailer, einer dreiminütigen Einführung durch Martin Scorsese und mit einem exzellenten Audiokommentar Eddie Müllers (Gründer der Film Noir Foundation) als Extras.
 

Film Noir | 1952 | USA | Edward Dmytryk | Burnett Guffey | Carl Benton Reid | Charles Lane | Frank Faylen | John Maxwell | Paul Dubov | Richard Kiley | Marie Windsor | Robin Raymond

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