Scotland Yard greift ein

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Bewertung
****
Originaltitel
The Lodger
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1944
Darsteller

Merle Oberon, George Sanders, Laird Cregar, Cedric Hardwicke, Sara Allgood

Regie
John Brahm
Farbe
s/w
Laufzeit
80 min
Bildformat
Vollbild
 

 

Bild Bild  Scotland Yard greift ein-Poster-web4.jpg Bild
© Twentieth Century Fox Film Corporation
 
Der Bezirk Whitechapel im London des Jahres 1888, spät am Abend: Ein Blinder mit einem Bauchladen und sein Begleiter stehen vor einem Steckbrief der Polizei. Jener verspricht demjenigen eine Belohnung, der den oder die Frauenmörder, welche aktuell ihr Unwesen treiben, der Justiz zuführt. Allerorten sind Polizisten unterwegs, beritten und zu Fuß, indessen aus dem Pub The Weavers Arms ein Haufen Betrunkener auf die Straße purzelt und ein Tänzchen aufführt. Aus ihrer Mitte löst sich Katie, um in ihre nahegelegene Behausung zu torkeln. Sie verschwindet hinter einem Torborgen, man hört sie einen Fremden ansprechen und schon ertönt ihr letzter, markerschütternder Schrei… Eine Trillerpfeife schreckt die Anwohner hoch, ein Schatten flieht aus dem Tor, aber Katie liegt mit durchschnittener Kehle auf dem Pflaster, indessen Polizisten mit Taschenlampen in Händen in alle Richtungen ausschwärmen. Eine Frau schreit auf, kommt aus entgegengesetzter Richtung und behauptet, sie habe Jack The Ripper gesehen, einen Schatten, der sich davongemacht habe. Bald greifen Abendzeitungen solche Meldung auf, verbreiten die Kunde in alle Winkel der Stadt. Ein Mann in Mantel und Hut (Laird Cregar) kommt im Nebel unter einer Gaslaterne zum Halten und liest das Straßenschild Slade Walk an einer Backsteinmauer. Der Teehändler Robert Bonting (Cedric Hardwicke) in Montague Square kauft eine Zeitung und erklärt dem Fremden, als er stehenbleibt, dass erneut ein Mord passiert sei. Der Fremde wiederum interessiert sich allein für die von Bonting annoncierten Zimmer, die er gern anmieten wolle…
 
Scotland Yard greift ein ist kein Horrorfilm sondern ein Thriller mit Untertönen des heraufdämmerden Film Noirs, die vor allem im Rollenportrait des ominösen Mr. Slade durch den grandiosen Laird Cregar bedingt sind. Letzterer ist eine gepeinigte Seele und Parallelen zur Darstellung des Kindermörders Hans Beckert durch Peter Lorre in Fritz Langs M - Eine Stadt sucht einen Mörder (GER 1931) sind sicher nicht dem Zufall geschuldet. Ohnehin ist John Brahms Schauerromantik in Londoner Gassen das Remake eines originär englischen Films, nämlich Alfred Hitchcocks im Original gleichfalls The Lodger betitelten Der Schrecken von London (UK 1927), Hitchcocks internationalem Durchbruch mit Ivor Novello in der Hauptrolle. Letzterer spielte die Rolle später in Maurice Elveys erstem Remake als Tonfilm, ebenfalls The Lodger (UK 1932), das Hitchcock als Regiearbeit angeboten bekam und ablehnte, gleich noch einmal. Alle Filme sind zudem Adaptionen des gleichnamigen Romans von Marie Belloc Lowndes (EA 1913). Scotland Yard greift ein ist bedeutend besser als Elveys Tonfassung, aber ein Meisterwerk, wie oftmals behauptet wird, ist er leider nicht. Polizisten rennen mit Taschenlampen herum, wie es sie 1888 noch nicht gab, ebenso wenig das Verfahren Fingerabdrücke zu konservieren, um polizeiliche Ermittlungen zu befördern. Kitty Langleys (Merle Oberon) Variéte-Nummer ist Hollywood in Reinkultur und hat mit dem viktorianischen England des ausgehenden 19. Jahrhunderts rein gar nichts zu tun. Obendrein sind viele der Ensemblecharaktere im ersten Drittel zu betulich klischeehaft. Erst durch das Aufeinandertreffen Mr. Slades mit Inspector John Warwick (George Sanders) nimmt die Sache nach 30 Minuten deutlich Fahrt auf.
 
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Hollywood hatte zu der Zeit eine ausgesprochene Faszination für “foggy ole London“ mit möglichst viktorianischem Dekor und Kostümen. Neben der von 1939 bis 1946 jährlich fortgesetzten Reihe um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes mit Basil Rathbone in der Hauptrolle spielten Robert Siodmaks Unter Verdacht (USA 1944), John Brahms Scotland Yards seltsamster Fall (USA 1945), Don Siegels The Verdict (USA 1946) und Douglas Sirks Angelockt (USA 1947) in einem London der Studiobauten in Hollywood, Kalifornien. Der heimliche Star von Scotland Yard greift ein ist (neben Laird Cregar) der Kameramann Lucien Ballard, denn er verleiht dem Film eine Bildsprache, die in ihrer expressionistisch geprägten Dramatik ab 1944 den Film Noir eindeutig kennzeichnete. Zunehmend beweist der Film, sobald sich die angezogene Handbremse erst gelöst hat, dass er es vor dem Bühnenbild einer historisch entrückten Kulisse mit seinem schillernden Portrait Mr. Slades ernst meint. Untertöne von Bisexualität und ein tief verwurzeltes Leiden an der offensichtlichen Banalität und Falschheit seiner Mitmenschen brechen im Tonfall und in Sichtweisen einer der Poesie zugeneigten Sprache aus Mr. Slade hervor, ist die Situation dafür passend oder nicht. Laird Cregar gelang mit dieser Darstellung der Durchbruch. Aber noch vor der Prämiere von Scotland Yards seltsamster Fall, der ihn erneut mit George Sanders ins viktorianische London brachte. erlitt der 31jährige aufgrund einer Gewaltdiät am 9. Dezember 1944 einen Herzinfarkt und starb.
 
Es gibt eine exzellente deutsche DVD-Ausgabe (2012) von Savoy Film in deren Cinema Classics Collection , die den in den USA von Twentieth Century Fox bild- und tontechnisch topp restaurierten Film mit vier verschiedenen Tonformaten (wahlweise Englisch oder Deutsch) bringt, dankenswerterweise auch mit dem englischen Originalton von 1944, der einzig empfehlenswerten Variante, dazu ein Featurette (15 Minuten), den Kinotrailer und eine Bildergalerie (s/w) als Extras. Absurd ist der reißerische DVD-Titel Der Schlitzer von London; der Film lief seinerzeit in Österreich im Kino alternativ als Der Mädchenmörder.
 

Film Noir | 1944 | USA | John Brahm | Lucien Ballard | George Sanders | Laird Cregar

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