Union City

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Bewertung
****
Originaltitel
Union City
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1980
Darsteller

Deborah Harry, Dennis Lipscomb, Everett McGill, Irina Maleeva, Sam McMurray

Regie
Marcus Reichert
Farbe
Farbe
Laufzeit
82 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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Union City, New Jersey, im März 1953: Auf dem Weg nach Hause wird Mr. Harlan (Dennis Lipscomb) kurz vor Erreichen seiner Haustür vom Zeitungsboten Gus angesprochen (Terry Walsh), der ihm die Abendausgabe in die Hand drückt. Just als er im Treppenhaus verschwindet, bringt ein Taxifahrer (Charles Rydell) auch die Eheleute Walter (Taylor Mead) und Wanda (Cynthia Crisp) zu dieser Adresse. Walter ist betrunken und gibt ein mehr als üppiges Trinkgeld - ganze 25 US-Dollar. Wie zufällig wird ein in der Nähe stehender Obdachloser (Sam McMurray) Zeuge dessen und nähert sich, nachdem die beiden im Wohnblock verschwunden sind, dem Taxifahrer mit der Bitte, das Geld mit ihm zu teilen, da seine jüngere Schwester einer Operation bedürfe. Zwar hat der Taxifahrer Verständnis für die Not des seit einer Verwundung im Zweiten Weltkrieg nicht auf die Füße gekommenen jungen Mannes, lehnt dessen Anliegen jedoch ab. Da findet er auf dem Rücksitz den Hut seines Fahrgasts, schenkt ihn dem Kerl und fährt von dannen. Indessen begrüßt Mr. Harlan in seinem Apartment Ehefrau Lillian (Deborah Harry) und äußert als erstes sein Missfallen über ihre neu erworbenen, roten Pumps. Als er beim Abendessen obendrein erfährt, dass frühmorgens erneut jemand die Milchflasche vor der Wohnungstür entwendet habe, platzt ihm der Kragen und er schwört, dass er dem Dieb das Handwerk legen wird…
 
Marcus Reicherts Neo Noir ist Bestandteil jener von Hollywood abgekoppelten B-Filme, die seit Ende der Siebziger in den USA im Kielwasser der Punk- und New-Wave-Bewegung entstanden. Autoren und Regisseure wie Amos Poe, David Lynch und Jim Jarmusch begriffen sich darin als Protagonisten einer vom Kulturestablishment (der Film- und Musikindustrie) unabhängigen Nische. Neben der Musik, die den Schwerpunkt der von diversen Jugendgruppen goutierten Subkultur ausmachte, gab es auch Filmwerke, deren geringes Budget ihnen nicht zum Nachteil gereichen musste. Im Rahmen dessen zeigt Union City eine sowohl von den Klassikern des Film Noirs inspirierte als auch handwerklich überaus professionell gestaltete Bildprache und Dramaturgie. Weitere Filme, die den Zeitgeist, aus dem sie entstanden, großteils unbeschadet überlebten und bis heute bemerkenswert erscheinen, sind Jim Jarmuschs Permanent Vacation (USA 1980) und Amos Poes Subway Riders (USA 1981). In Union City spielt Deborah Harry, Sängerin der seinerzeit populären Band Blondie, die weibliche Hauptrolle; ihr Lebensgefährte und Blondies Mitgründer, Chris Stein, komponierte die Filmmusik. Und tatsächlich gibt die Chanteuse in ihrem Spielfilmdebüt eine solide Vorstellung als Ehefrau des von seinen Obsessionen und Frustrationen getriebenen Mr. Harlan, den Dennis Lipscomb seinerseits beeindruckend zu verkörpern weiß. Auch sonst ist vieles stimmig in Reicherts einzigem Spielfilm, der auf einer 1937 veröffentlichten Kurzgeschichte Cornell Woolrichs mit dem Titel The Corpse Next Door beruht und sich auch stilistisch auf die klassische Ära des Film Noirs bezieht.
 
Woolrichs Geschichte hat eine Pointe, die nicht aus nur einer einzigen Überraschung besteht, und sie ist es, die der Entwicklung ihrer Handlung retrospektiv nochmals eine Extraklasse verleiht. Schön ist auch, dass Marcus Reichert die Figuren der Geschichte nicht kokett betrachtet, etwa aus einer ironischen Distanz, sondern ihren Marotten und Eigenarten im Gegenteil viel Aufmerksamkeit schenkt. Der Film lebt von seinen Charakteren, an denen ihm einiges gelegen ist, mögen diese auch verdreht, neurotisch oder schlicht auf dem Holzweg befindlich erscheinen. Neben Lipscomb und Harry als ein Ehepaar aus/in kleinbürgerlichen Verhältnissen überzeugen Everett McGill (Twin Peaks, USA 1990/91) und Irina Maleeva (Auge um Auge, ITA 1975), eine in Bulgarien geborene Darstellerin, die bereits mit Frederico Fellini und Orson Welles gearbeitet hatte. Einen Cameo hat auch die in den 80er Jahren erfolgreiche US-Rocksängerin Pat Benatar. Union City ist unaufwendig und effektiv und war mit Verfilmung einer (damals) 43 Jahre alten Kurzgeschichte seiner Zeit absurderweise voraus. Zu Beginn der 80er Jahre hatte die Erneuerung durch die Regisseure des New Hollywood ihre Schubkraft eingebüßt. Das Zeitalter Steven Spielbergs, George Lucas’ & Co. war herangebrochen: Science Fiction und Action, möglichst sinnfrei, dominierten das Blockbusterkino, so wie auch heute wieder. Es sollte noch ein Jahrzehnt vergehen, bis der Film Noir wieder auflebte. Bis dahin war Union City so gut wie vergessen.
 
Die englische DVD-Edition der Tartan Video Release (2006) bietet den Film bildtechnisch gut im Originalformat 1.78:1 mit dem englischen Originalton, dazu den Kinotrailer, Deborah Harrys Screen Test, geschnittene Szenen und ein sechsseitiges Booklet mit einem ebenso informativen wie amüsanten Filmessay Marcus Reicherts als Extras. Empfehlenswert!
 

Neo Noir | 1980 | USA | Marcus Reichert | Cornell Woolrich | Deborah Harry

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