Mord an einem chinesischen Buchmacher

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Bewertung
*****
Originaltitel
The Killing of a Chinese Bookie
Kategorie
Neo Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1976
Darsteller

Ben Gazzara, Seymour Cassel, Timothy Carey, Azizi Johari, Alice Friedland

Regie
John Cassavetes
Farbe
Farbe
Laufzeit
129 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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Los Angeles: Nach sieben Jahren hat der Nachtclubbesitzer Cosmo Vitelli (Ben Gazzara) seine Schulden bei der Mafia endlich abbezahlt. Als er sich von Mafiosi Marty Reitz (Al Ruban) verabschiedet, gibt Vitelli ihm zu verstehen, dass er ihn für komplett stillos halte und niemals wiederzusehen hoffe. Dann setzt er sich wieder ins Taxi und lässt sich zur Bar an der nächsten Ecke kutschieren, wo er sich einen Scotch auf Eis zu Gemüte führt und mit einem zweiten entspannt in einen Ecktisch setzt. Später wird er von seinem Taxifahrer Eddie (Eddie Shaw) angesprochen und beide stellen fest, dass sie aus New York stammen und seinerzeit im Hudson River schwimmen gingen. Eddie fährt seinen Fahrgast zu dessen Stripclub, dem Crazy Horse West, denn inzwischen ist es Abend geworden. Cosmo begrüßt Sonny Vince (Sonny Aprile), seinen Barkeeper, und begibt sich in die Garderobe der Frauen, wo Rachel (Azizi Johari), Sherry (Alice Friedland) und Margo (Donna Gordon) sich gemeinsam mit dem Impressario Mr. Sophistication (Meade Roberts) auf ihren Auftritt vorbereiten. Es ist Sonntagabend und nur wenig los auf dem Boulevard; das Crazy Horse West ist als einziger Club hier geöffnet. Und so lässt es sich Cosmo Vitelli nicht nehmen, seine Gäste sogar persönlich zu begrüßen, als Mort Weil (Seymour Cassel) mit mehreren Bekannten den Club aufsucht. Der redselige Mort lässt Vitelli wissen, dass er selbst ein Clubbesitzer sei, doch eher in Sachen Glücksspiel orientiert. So beschließt Cosmo, am nächsten Tag mit den drei Mädchen dorthin zu fahren und seine neu gewonnene Freiheit gebührend zu feiern…
 
“I feel like a movie”, sagt Cosmo Vitelli zum Taxifahrer, als er vor einem Kino halten lässt. Nachclubbesitzer gehörten schon zum Inventar des klassischen Film Noirs, starke, skrupellose Charaktere, denen nie zu trauen ist - so Eddie Harwood (Howard Da Silva) in Die blaue Dahlie (1946), Marko (Peter Lorre) in Schwarzer Engel / Vergessene Stunde (1946) und Martinelli (Morris Carnovsky) in Späte Sühne / Ein Mensch verschwindet (1947). Sie waren Inhaber ihrer Bühne und Herrscher der Nacht. Doch Cosmo Vitelli ist nur scheinbar stark. Tatsächlich steht er vollends neben sich, ein von der Welt und ihren Menschen ganz und gar entfremdeter Mann, der seine Würde retten möchte, indem er das Dubiose seines Berufes in der Halbwelt abzuschütteln sucht. Aber dieses Einzige, was Cosmo wirklich ist und das er in einer Stadt bewahren will, darin ihm nur als Rollenspieler zu überleben erlaubt ist, wird ihm gefährlich. „Das wird dem System zu viel. Es will ihn auslöschen”, schreibt Christian Petzold in seinem Aufsatz zu John Cassavetes’ erstem Neo Noir - Gloria / Gloria, die Gangsterbraut (1980) war der zweite - in dem von Norbert Grob herausgegebenen Buch Filmgenres - Film Noir (2008). Das System lebt einzig von und für die Maskerade. Es maskiert seine wahren Interessen und Umtriebe, weshalb es Menschen, die wirklich sie selbst sind, nicht dulden darf. In Mord an einem chinesischen Buchmacher wissen das die Gegenspieler voneinander. Im Finale gibt es dazu sowohl von Flo (Timothy Carey) als auch von Cosmo je einen bewegenden Monolog.
 
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© Concorde Home Entertainment GmbH
 
“The Killing of a Chinese Bookie sees John Cassavetes tackling film noir in his own inimitable style”, liest man auf der 2005 in England bei Optimum Releasing Ltd. erschienenen 2DVD aus der The John Cassavetes Collection. Hier wird die Radikalität der filmischen Mittel bereits angedeutet, die in der von Cassavetes 1976 erstellten, 129 Minuten langen Fassung zum Tragen kommt. Der großteils mit Handkamera ohne Soundtrack – musikalische Untermalung gibt es, wenn sie an Orten des Films gespielt wird - oder anderes Zuckerbäckerwerk inszenierte Film fokussiert sich auf den zentralen Charakter Cosmo Vitelli, von Ben Gazzara brillant dargestellt. Seine Handlung vollzieht sich nebenher, so dass der Zuschauer im Vergleich zum Hollywoodstandard des Unterhaltungsfilms auf eine Geduldsprobe gestellt wird - aber auf eine, die sich lohnt. Das Kino John Cassavetes’ ist nicht New Hollywood, es ist Anti-Hollywood. Das macht die sowohl vom Film Noir als auch vom Arthouse-Cinema der Fünfziger und Sechziger beeinflusste Erstfassung von Mord an einem chinesischen Buchmacher deutlich. Im Ergebnis erweist sich dies (wie oft bei Cassavetes) sowohl als grandios inszeniert als auch grob verwackelt, doch die gewonnene Authentizität ist unvergleichbar. Neben Seymour Cassel und Timothy Carey überzeugt die Riege der Damen, Pornodarstellerinnen und Strip-Models, sowie ein bizarrer Meade Roberts als Mr. Sophistication. Ein höchst eigenwilliger und konsequent zu Ende gespielter Neo Noir der Siebziger: “That jerk Karl Marx said opium was the... religion of people. I got news for him, it's money.” Für den Film-Noir-Freund und jeden Cineasten mit Anspruch ein Muss!
 
Exzellente 2DVD (2007) der Koch Media GmbH mit lediglich der Originalfassung (1976), dazu deutsche oder englische Tonspur, wahlweise deutsche Untertitel. Auf der Bonus-DVD gibt es die 200 Minuten lange John-Cassavetes-Dokumentation A Constant Forge. Die 2005 bei Optimum Releasing Ltd. erschienene englische 2DVD bietet neben der Ur-Version die 1978 zur Wiederaufführung um 24 Minuten gekürzte Version, ebenfalls von John Cassavetes erstellt und autorisiert. Seit Nov 2012 gibt es den Film sowohl auf BD als auch auf DVD in einer preisgünstigen Edition der Concorde Home Entertainment GmbH und zwar in deren John Cassavetes Collection mit 5 Filmen auf 4 Bildträgern, Mord an einem chinesischen Buchmacher je in der Lang- und in der Kurzfassung, dazu einige sehr gute Extras zu Leben und Werk des Regisseurs.
 

 

 

Neo Noir | 1976 | USA | John Cassavetes | Ben Gazzara | Seymour Cassel | Timothy Carey | Val Avery

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