Spurlos

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Bewertung
****
Originaltitel
Sans laisser de traces
Kategorie
Neo Noir
Land
FRA/BEL
Erscheinungsjahr
2010
Darsteller

Benoît Magimel, François-Xavier Demaison, Léa Seydoux, Julie Gayet, Jean-Marie Winling

Regie
Grégoire Vigneron
Farbe
Farbe
Laufzeit
91 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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© Sunfilm Entertainment GmbH
 
Paris: Über den Korridor eines Amtsgebäudes führt ein Polizist den Mann im Anzug zum Vernehmungsraum. Eine Stimme aus dem Off berichtet, Talent, Arbeit und Glück seien das Rezept zum beruflichen Erfolg. Doch wenn das Glück ausbleibt… Für einen Industriekonzern, der sich auf Reinigungsmittel spezialisiert hat, ist der Enddreißiger Étienne Meunier (Benoît Magimel) einer der erfolgreichsten Nachwuchsmanager. Im kommenden Jahr soll er den Vorstandsvorsitz übernehmen. Als Chefsekretärin Laurence (Christelle Cornil) die Unterlagen für die Jahresbilanz in die Sitzung bringt, hat die Chefetage Grund zur Freude. Étienne Meunier gesteht seinem Schwiegervater Maurice (Jean-Marie Winling) sogar zu, die Kosten für den Neubau der Konzernzentrale ins Folgejahr zu nehmen, um die US-amerikanischen Eigentümer mit dem ausgewiesenen Gewinn von 20 Mio EUR voll zufriedenzustellen. Indessen müht sich der Aufsteiger, mit seiner Frau Clémence (Julie Gayet) ein Kind zu zeugen, was partout nicht klappt. Und bei Besichtigung der Baustelle stellt sich überraschend Ritchie Brown (William Miller) ein, leiblicher Sohn der Konzerneignerin, dessen Anwesenheit Meunier so kurz vor Übernahme des Vorstandsvorsitzes beunruhigt. Da trifft er per Zufall einen Freund aus der gymnasialen Oberstufe, Patrick Chambon (François-Xavier Demaison). Seit 20 Jahren haben sie sich nicht gesehen. Als der mittellose Kriminelle Chambon erfährt, dass Meunier einen Industriekonzern leiten wird, ist er begeistert. Er hält Étienne für den einzigen aufrichtigen Menschen ihres Abiturjahrgangs. Doch Étienne offenbart aus der Not seiner Gewissenslast ein lange gehütetes Geheimnis. Seine Karriere begann vor 15 Jahren mit einem Betrug…
 
Der Film beginnt mit einer Rückblende und erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen Schritt vom Weg Jahre zurückliegt. Relevant wird das in Anbetracht einer Schwäche, die genau jene Vergangenheit zu einer realen Bedrohung seiner Gegenwart werden lässt. Étienne Meunier ist ehrgeizig, großspurig, skrupellos – ein an Macht und Status orientierter Manager, der keinen Konflikt scheut und dem an Sympathien nichts liegt. Im Geheimen ist er ein Film-Noir-Charakter, dessen Einsamkeit inmitten jener Sphäre der elitären Bourgeosie Frankreichs, inmitten der blaublütigen Schönen und Erfolgreichen, denen seine Frau und seine Konkurrenten entstammen, niemandem auffallen könnte. In der Begegnung mit Patrick Chambon und vor allem mit Fleur (Léa Seydoux), Philosophiestudentin und Tochter des durch ihn zugrunde gerichteten François Michelets (André Wilms), wird Meunier die Sehnsucht nach einer früheren, vor der Korruption durchs Establishment liegenden Lebensphase bewusst. Vor allem Fleur symbolisiert das unermessliche Reich des Möglichen. So verstrickt sich Étienne Meunier, nachdem sein Fehltritt offensichtlich wird, in ein Lügengebäude, das ihn in eine unhaltbare Situation bringt und mit seiner inneren Ziellosigkeit konfrontiert. Ab diesem Punkt erinnert der Zerfall von Meuniers Existenz - kurz vor Erreichen seines größten beruflichen Triumphs! - sowohl an Irving Pichels Quicksand (USA 1950) als auch an Sidney Lumets Tödliche Entscheidung (USA/UK 2007). Cinema Noir!
 
Bild Bild Bild
© Sunfilm Entertainment GmbH
 
Spurlos hat ein ambitioniertes Drehbuch, das sich teils zu viel vorgenommen hat und nicht all seine Versprechen einzulösen versteht. Doch mit Erfolg konterkariert es jene Klischees, die es scheinbar bedient, insofern seine Geschichte ja nicht vollends neu ist. Die eingangs verträumt wahrhaftige Fleur endet als berechnende und berechenbare Zicke. Patrick, Freund aus alten Tagen, der mit Rat und Tat zur Seite steht, ist ein illoyaler Egoist. Alle sind neurotisch, verquast, vor allem korrupt und korrumpierbar bis ins Mark. Autor und Regisseur Grégoire Vigneron zeichnet ein rabenschwarzes Gesellschaftsbild Frankreichs, das desto hoffnungsloser wirkt je weiter die Geschichte voran schreitet. Erschreckend ist das Finale, nihilistisch der Schluss – wäre er nicht zugleich missverständlich, insofern der Charakter Étienne Meuniers als Getriebener einer Thriller-Story zu viele Sympathiepunkte zugesprochen erhält. Ähnlich reagierten Publikum und Kritik bereits auf Werner Herzogs brillante Satire Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (USA 2009), obwohl Terence McDonagh (Nicolas Cage) ein vollends amoralischer, berechnender Mörder ist. Étienne Meunier überwindet sein Trauma nur scheinbar, da er im Vergleich mit den Anderen bestenfalls so mies wie sie ist. Das lässt sich dummerweise als „Happy End“ missverstehen, was es aber definitiv nicht ist. Spurlos ist ein Neo Noir, der hätte besser geraten können, hätte er sich den Thriller-Konventionen stärker verweigert und am Ende mehr Eindeutigkeit bewiesen. Allemal ist er ein sehenswerter Film, der einem im Gedächtnis bleibt und der die französische Film-Noir-Tradition erzählerisch souverän fortsetzt.
 
Die deutsche Blu-ray bzw. DVD von Sunfilm Entertainment (2011) bietet den Film ungekürzt und im Originalformat, bildtechnisch topp, wahlweise deutscher oder französischer Ton, optional deutsche Untertitel, den französischen und den US-Kinotrailer als Extras. Die spektakuläre Szene des internationalen Filmplakats bzw. des Covers der DVD kommt im Film so nicht vor und weckt damit beim Zuschauer völlig falsche Erwartungen.
 

Neo Noir | 2010 | France | Grégoire Vigneron | André Wilms | Benoît Magimel

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