Dragnet Girl

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Eddie Muller


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Bewertung
****
Originaltitel
Hijôsen no onna
Kategorie
Pre Noir
Land
JPN
Erscheinungsjahr
1933
Darsteller

Kinuyo Tanaka, Jôji Oka, Sumiko Mizukubo, Kôji Mitsui, Yumeko Aizome

Regie
Yasujirô Ozu
Farbe
s/w
Laufzeit
96 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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Yokohama, Japan: Bei WBK arbeiten viele Sekretärinnen in einem Großraumbüro an ihren Schreibmaschinen, unter ihnen die junge Tokiko (Kinuyo Tanaka). Als Juniorchef Okazaki (Yasuo Nanjo) in seinem Büro eintrifft, ist dessen Vater noch nicht da, und er befiehlt seinem persönlichen Sekretär (Reikô Tani), Tokiko in sein Büro zu rufen, was jener mit einem lüsternen Grinsen kommentiert. Okazaki schenkt Tokiko einen Ring mit Rubin und bringt die Frau damit in Verlegenheit, schließlich aber nimmt sie das Geschenk doch an. Nach Feierabend wartet Okazaki auf der Straße und passt Tokiko ab, um sie auf eine Tasse Tee einzuladen, doch sie begibt sich auf den Heimweg. Misawa (Koji Kaga) und Senko (Yoshio Takayama) sind zwei Gauner aus der Bande des ehemaligen Boxers Jyoji (Jôji Oka) und sie haben die Szene beobachtet. Tokiko ist, was an ihrem Arbeitsplatz niemand ahnt, die Freundin Jyojis und die beiden Gangster begleiten sie nach Hause. Als ein Polizist sich ihnen nähert, nehmen sie Reißaus, nur Tokiko geht unbeirrt weiter… Im Toa Boxing Club trainiert der junge Hiroshi (Kôji Mitsui) unter den Augen des Managers (Nobuo Takemura) und auch Jyoji treibt sich dort herum. Der Manager rät ihm, seine Karriere als Berufsboxer doch fortzusetzen, es bekäme ihm sicher gut, aber Jyoji will davon nichts wissen. Er wird auf Hiroshi aufmerksam, der ihn gleichfalls als ehemals erfolgreichen Profi erkannt hat. Doch viel weiß man hier nicht über den jungen Mann in der Klasse des Federgewichts…

 

Dragnet Girl is a movie filled with unexpected pleasures and inspired thrills”, schrieb Eddie Mueller (Film Noir Foundation) in seinem Essay anlässlich seiner Präsentation dieses Stummfilms des legendären japanischen Regisseurs Yasujirô Ozu beim San Francisco Silent Film Festival im Jahr 2014. “Dragnet Girl was Ozu’s last gangster film, and it mixes American conventions and iconography with visual traits and idiosyncrasies which we can already recognise as typical of him”, schlussfolgert Tony Rayns in seinem Tokyo noir betitelten Aufsatz im 34seitigen Booklet der 2DVD-Box The Gangster Films in der Werksedition Yasujirô Ozus, die 2013 beim British Film Institute erschien. In der Tat findet sich hier ein Film, der sowohl mit Blick auf seine Erzählung als auch respektive der innovativen Kniffe seitens der Regie besticht. Dragnet Girl ist nicht bloß anders, weil der Tonfilm den Erzählmodus der Spielfilmkultur veränderte und vieles, was über Körper- und Bildsprache zum Ausdruck gebracht werden musste, nur noch gesagt und damit abgehakt werden konnte. Schon in der Art, wie ich es formuliere, liegt der Fokus eher auf dem Verlust als auf dem Zugewinn durch diese Entwicklung. Doch Dragnet Girl dokumentiert auch die visuellen Audrucksformen eines Meisters des Films, der ähnlich wie Fritz Lang oder Josef von Sternberg sich die Stilmittel seiner Filmsprache selbst erarbeitete und die Kamera nutzte wie andere den Pinsel oder eine Schreibmaschine. Allein die Eröffnung des Films, die den Zuschauer mit wundersam beredten Stilleben in der Firma WBK in ihren Bann zieht, ist diesbezüglich pure Magie.

 

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Die Charaktere und ihre Entwicklung verhalten sich analog zum Gangsterfilm in den USA, der mit The Public Enemy (USA 1931) oder Der kleine Cäsar (USA 1931) auch in Japan goutiert worden war. Aber Ozu weiß sich vor allem von Josef von Sternbergs Unterwelt (USA 1927) beeinflusst, einem beeidruckenden Stummfilm, der die Gegenwelt, von der er berichtet, weit weniger klischeebehaftet als spätere Hollywoodproduktionen darstellt. Nicht alles glückt in der Handlungsdramaturgie von Dragnet Girl, dem 27. Film seines damals 30jährigen Autors und Regisseurs, vor allem die Wandlung der zentralen Figur Tokiko - in der wunderbar pointierten Darstellung durch die spätere Regisseurin Kinuyo Tanaka - lässt den Zuschauer heutigentags etwas ratlos zurück. Allzu tough und abgebrüht erscheint sie zu Beginn, als dass sie sich ihre Krise mit Jyoji als ein solches Schlüsselerlebnis zu Herzen nehmen müsste. Bemerkenswert ist die latente Homoerotik zwischen Hiroshi und Jyoji, die auch des Gangsters Begeisterung für Hiroshis hübsche und biedere Schwester Misako (Yumeko Aiziome) nicht zu übertünchen vermag und es auch nicht versucht. Dragnet Girl ist im Ganzen ein ungewöhnlicher und einzigartiger Vorläufer späteren Film-Noir-Kinos, den sich gerade (aber nicht nur) diejenigen ansehen sollten, die mit Yasujirô Ozus Filmschaffen sonst völllig andere Assoziationen verbinden.

 

Alle Filme der herausragenden 3-DVD-Edition (2015) in der US-amerikanischen Criterion Collection namens Eclipse Series 42: Silent Ozu - Three Crime Dramas gibt es als 2-DVD-Box (2013) The Gangster Films in The Ozu Collection vom British Film Institute mit Walk Cheerfully (JPN 1930) und The Night’s Wife (JPN 1930) als den weiteren Beiträgen. Mit einer Spielzeit von 264 Minuten, dem Kurzfilmfragment A Straightforward Boy (JPN 1929), einem Auszug aus Tony Rayns’ Vorlesung Ozu: Emotion and Poetry sowie mit dem 34seitigen Booklet inklusive mehrerer Essays zu den drei Filmen ist die BFI-Edition eine vorbildliche und respektvolle Kollektion eines Großmeisters internationalen Filmschaffens. Eine deutsche Veröffentlichung? Nun, breiten wir über dieses Kapitel lieber mal den Mantel des Schweigens.

 


Pre Noir | 1933 | International | Yasujirô Ozu | Kôji Mitsui

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