Tokyo Drifter

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Bewertung
****
Originaltitel
Tôkyô nagaremono
Kategorie
Post Noir
Land
JPN
Erscheinungsjahr
1966
Darsteller

Tetsuya Watari, Chieko Matsubara, Tamio Kawaji, Hideaki Nitani, Eiji Gô

Regie
Seijun Suzuki
Farbe
Farbe + s/w
Laufzeit
82 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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Im Hafen von Tokio wird Tetsuya Hondo (Tetsuya Watari), ein ehemaliger Yakuza des Kurata-Clans, von den Schergen des rivalisierenden Gangsters Otsuka (Eimei Esumi) gestellt und brutal zusammengeschlagen. Tetsu ist dem Oberhaupt seines Clans, jenem in die Jahre gekommenen Kurata (Ryûji Kita), treu ergeben, doch der hat sein Syndikat aufgelöst und betreibt inzwischen als ehrbarer Geschäftsmann den Jazzclub Manhole, den er samt einem mehrstöckigen Haus im Zentrum Tokios erwarb. Dazu musste er sich von dem Kredithai Yoshii (Michio Hino) eine große Summe erbitten und in drei Tagen ist nun der Schuldschein über 8 Millionen Yen fällig. Kurata kann lediglich drei Millionen aufbringen und Otsuka wittert seine Chance, den Konkurrenten auszuschalten und ihn obendrein für die Schande der Auflösung seines Clans bluten zu lassen. Tetsuya Hondo kostet es nicht nur Überwindung, sich von Otsukas Leute misshandeln zu lassen, sondern er sieht auch Kurata ungern in der Rolle des Bittstellers. Also geht er selbst zu Yoshii, schildert ihm die Situation und bekommt aufgrund seiner noblen Loyalität unerwartet die Chance, nach Anzahlung von drei Millionen die Restsumme im Verlauf von 5 weiteren Monaten abzustottern. Kurata ist überrascht und schlägt Tetsuya vor, doch die im Club engagierte Sängerin Chihura (Chieko Matsubaras) zur Frau zu nehmen und sich auf ein eher friedliches und ziviles Leben einzulassen. Tetsu ahnt noch nicht, dass sein Gespräch mit Yoshii belauscht wurde und Otsuka Bescheid weiß…
 
Fast 10 Jahre war der Regisseur Seijun Suzuki im Jahr 1966 für die Produktionsfirma Nikkatsu tätig, die sich auf Low-Budget-Filme spezialisiert hatte, von denen sie pro Jahr zwei Dutzend auf den inländischen Markt schmiss. Wenig Geld, drittklassige Drehbücher, enge Zeitpläne, daran war Suzuki, der pro Jahr selbst bei drei, vier solcher Filme die Regie führte, also längst gewöhnt. Umso erstaunlicher ist, was der unübersehbar innovative und passionierte Filmschaffende aus diesen Vorgaben zauberte. Wussten schon in frühen Werken die Take Aim At The Police Van (JPN 1960) die visuelle Gestaltung und die teils bizarre Schnitttechnik zu überzeugen, ist Tokyo Drifter ein geradezu surrreal anmutender Genremix aus früher Popkultur und später Film-Noir-Erzählung, um einiges näher an Samuel Fullers Tokio-Story (USA 1955) oder an Jean-Pierre Melville und Jean-Luc Godard als an den lieblos abgedrehten 0815-Krimis seiner Zeit. In der Retrospektive fallen durch den historischen Vergleich die Eigenarten und Besonderheiten des Werks von Seijun Suzuki auf, der in den 90er Jahren der Subkultur zugeschriebene US-Regisseure wie Quentin Tarantino oder Jim Jarmusch deutlich beeinflusste. Aber auch in Deutschland und sonst in Europa kam es zu einer Entedeckung Suzukis, dessen Tokyo Drifter ab 1992 in mehreren EU-Ländern seine späte Prämiere im Fernsehen hatte, in Deutschland unterm Titel Abrechnung in Tokio. Neben der ungeschminkten Darstellung von Gewalt sind es die exquisiten Schauplätze und die mitunter an Sergio Leone erinnernde Kameraarbeit, die aus ihren Möglichkeiten das Maximale herauszuholen bestrebt ist, die Tokyo Drifter noch heute zu einem bemerkenswert kurzweiligen Filmerleben machen.
 
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© Rapid Eye Movies
 
Inhaltlich ist so manches vorhersehbar, zugleich auch typisch für Filme im dunklen Kielwasser des Film Noirs der Fünfziger – Freundschaft, Verrat, Romantik und Erpressung führen zu einer vor dem Hintergrund der Kulturprägung des Protagonisten Tetsuya schmerzhaften Desillusionierung. Die Schauspieler sind durch die Bank solide, stehen aber in ihrer Eigenart nicht im Zentrum des Films, sowenig wie dessen Kriminalhandlung. Weit eher sind es die Drehorte in Cinemascope, das Spiel mit den Farben, oft extrem und bizarr kombiniert und auch mit dem Schwarzweißfilm, der den Beginn der Handlung markiert, sowie die Schnittfolgen. Das Finale ist in seiner Choreografie jenseits von Gut und Böse, ein ebenso extremes wie einmaliges Bühnenfragment seiner Zeit. Doch im Jahr 1966 gingen der japanischen Filmproduktion Nikkatsu der Eigensinn und die Attitüden ihres Angestellten Seijun Suzuki deutlich zu weit. Nach dem nochmals eindeutig extremeren Neo Noir Branded To Kill (JPN 1967) folgte der Rauswurf und der 44jährige Suzuki sah sich für die nächsten Jahre in der Branche als Persona non grata zumeist arbeitslos. Erst ab 1977 fand er bis 2005 zu einer zweiten Schaffensperiode. Seine couragierten, vor allem visuell innovativen Werke der Sechziger gelten heute als Klassiker des japanischen Genre-Kinos und werden inzwischen auch von Freunden des Film Noirs weltweit geschätzt. Zu Recht!
 
Neben Branded To Kill (JPN 1967) hat Rapid Eye Movies, Köln, in der Edition Nippon Classics auch Tokyo Drifter mit einer hochwertigen DVD (2010) veröffentlicht: ungekürzt im Originalformat mit japanischem oder deutschem Ton, optional deutsche Untertitel, den Kinotrailer, eine Bildergalerie und ein Interview mit Seijun Suzuki als Extras. Unbedingt empfehlenswert!
 

Post Noir | 1966 | International | Seijun Suzuki | Tamio Kawaji | Chieko Matsubara

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