Mann mit der Narbe, Der

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Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


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Bewertung
****
Originaltitel
Hollow Triumph / The Scar
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1948
Darsteller

Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen

Regie
Steve Sekely
Farbe
s/w
Laufzeit
80 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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Los Angeles: John Muller (Paul Henreid) hat einst Psychologie studiert und wollte ein Therapeut werden. Doch nach einigen ungesühnten Delikten, unter anderem illegalen Praktizierens als Psychoanalytiker in Miami, Florida, wurde er wegen Betrugs mit Wertpapieren zu einer Haftstrafe verurteilt. Nun wird er aus dem Gefängnis entlassen. Der Anstaltsleiter gibt ihm eine Empfehlung für eine Tätigkeit in einem Vertrieb für Medizingeräte, The Meickle John Company, mit auf den Weg. Allerdings hat er wenig Hoffnung, dass John Muller sich mit einem Job für 35 US-Dollar Wochenlohn zufrieden geben wird, und der versucht nicht einmal, ihm zu widersprechen. Tatsächlich wird Muller von seinem Kumpan Marcy (Herbert Rudley) vor den Toren des Gefängnisses abgeholt und in eine schäbige Unterkunft gefahren. Dort trifft sich John Muller mit alten Bekannten, unter ihnen Big Boy (Henry Brandon), Al (Bud Wolfe) und Rosie (Robert Ben Ali), um ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Es geht um den Überfall auf das illegale Spielcasino des bekannten Gangsters Rocky Stansyck (Thomas Browne Henry). Doch Mullers Freunde wissen nur zu gut, wie riskant das ist, denn einige ihrer Bekannten hat ein früherer Versuch das Leben gekostet. John Muller bleibt jedoch hart und so willigt die Runde zuletzt ein. In zwei Wagen begibt sich die Bande auf den Weg, um Stansycks Spielhölle zu plündern…
 
„Es ist unverständlich, warum Hollow Triumph (= Originaltitel) es nie in den Kanon der großen film-noir-Klassiker geschafft hat“, fragt sich Thomas Willmann im beiliegenden Essay der deutschen DVD-Ausgabe der Koch Media GmbH, die als editorische Leistung und auch technisch zu überzeugen weiß. Vielleicht, so mutmaßt Willmann, lag es an den fehlenden Hollywoodstars mit Weltruhm, dass Der Mann mit der Narbe in Deutschland (EA war im März 1950) bald in Vergessenheit geriet. Aber vielleicht, so ließe sich ergänzen, ist der Grund auch, dass der Film kein Meisterwerk ist, weder darstellerisch noch mit Blick auf die Logik mancher Schnittstelle im Drehbuch. Demgegenüber gibt es vieles, was die aktuelle Neuedition in Toppqualität – bildtechnisch ist die Restauration exzellent! – zu einer Bereicherung des genannten Film-Noir-Kanons werden lässt. Was als herkömmlicher Caper-Film beginnt, steigert sich zu einem dunkel-düsteren Noir-Thriller, darin der in die Isolation getriebene John Muller zum Totengräber des eigenen Schicksals wird. Bemerkenswert an diesem B-Film des zweitrangigen US-Studios Eagle-Lion Films ist der mit Geld betriebene Sozialdarwinismus, der die öffentliche Moral in ihren Grundfesten zersetzt. Schon die Gier in den Gesichtern der Spieler an Stansycks Roulettetischen ist ein Signal für den rabenschwarzen Film-Noir-Kosmos. Sodann der spannende Wechsel der Identität, den John Muller mehrfach vollzieht, um seinen Häschern zu entgehen, und an deren Beginn die erinnerte Frage de eigenen Bruders (Eduard Franz) steht: „Where you wanna go? What you gonna do?“ Vor allem ist John Mullers Überzeugungsarbeit gegenüber Eyelyn Hahn (Joan Bennett), nachdem der Übertritt von der Gegenwelt in die Bürgerwelt, die ihn schützen und verbergen soll, einen Mord erforderte, ein Meisterstück impliziter Sozialkritik, die an der Schwelle zur McCarthy-Ära nicht länger explizit sein durfte: „It's a bitter little world full of sad surprises, and you don't let anyone hurt you.“
 
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© Koch Media GmbH
 
Inhaltlich ist Der Mann mit der Narbe großteils mittelprächtig, formal zeigt er deutliche Glanzpunkte. John Alton setzt als Kameramann herausragende Akzente. Die Dramaturgie ist stringent und lässt über 80 Minuten keine Langeweile aufkommen. Eine Szene, darin John Muller als Tankwart den Wagen seiner Verfolger betankt, die Frontscheibe putzt und das Öl kontrolliert, erscheint von Robert Siodmaks Rächer der Unterwelt / Die Killer (USA 1946) inspiriert. Unbedingt ein Bonuspunkt ist das Finale. Steve Sekely inszeniert ohne Hast und mit dem Sinn fürs Wesentliche eine pointierte Variation des Finales von Julien Duviviers Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier (FRA 1937). Dieses steht in seiner Konsequenz demjenigen jenes französischen Meisterwerks des Poetischen Realismus' kaum nach. Alles in allem rundet es damit einen sehenswerten Film Noir auf dem Höhepunkt der Stilrichtung in den USA kurz vor der McCarthy-Ära.
 
Als Folge 8 der Film Noir Collection von Koch Media kann Der Mann mit der Narbe so überzeugen wie auch sonst alle Titel der wunderbaren DVD-Serie: ungekürzt im Originalformat, bildtechnisch erstklassig restauriert, wahlweise deutsche und englische Tonspur, eine Bildergalerie mit Postern und Standbildern als Extra. Indiskutabel ist die deutsche Synchronisation, die – von der wörtlichen Übersetzung der Originaldialoge abgesehen - dem Film jegliche räumliche Dimension nimmt, die Originalstimmen durch vollends verschiedene ersetzt und allein durch den Ton dem Film damit die Atmosphäre eines Fernsehspiels gibt. Unbedingt mit dem O-Ton ansehen, sonst wird der Film automatisch abgewertet!
 

Film Noir | 1948 | USA | Steve Sekely | John Alton | Jack Webb | Paul Henreid | Cay Forester | Joan Bennett | Leslie Brooks

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