Von der Polizei gehetzt

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Psychologische Verteidigung


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Eddie Muller


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Bewertung
****
Originaltitel
Crime Wave / The City Is Dark
Kategorie
Film Noir
Land
USA
Erscheinungsjahr
1954
Darsteller

Sterling Hayden, Gene Nelson, Phyllis Kirk, Ted de Corsia, Charles Bronson

Regie
André de Toth
Farbe
s/w
Laufzeit
73 min
Bildformat
Vollbild
 

 

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© Warner Bros.
 
Los Angeles: Die aus dem Staatsgefängnis San Quentin ausgebrochenen Häftlinge Doc Penny (Ted de Corsia), Ben Hastings (Charles Bronson) und Gat Morgan (Nedrick Young) fahren nachts an eine Tankstelle und werden dort vom Tankwart Gus Snider (Dub Taylor) freundlich bedient. Doch sie schlagen den Mann hinterrücks nieder und rauben die Barkasse aus, als ein zugfällig vorbei fahrender Motorradpolizist (Dennis Dengate), dem Sniders Abwesenheit im Vorbeifahren auffällt, kurzentschlossen wendet und sich bei Gat Morgan nach dem Tankwart erkundigt. Der weiß sich nicht zu helfen, schießt den Polizisten nieder und wird von diesem selbst schwer verwundet. Doc Penny und Hastings überlassen Gat Morgan den Wagen und den Großteil des erbeuteten Geldes und fliehen selbst zu Fuß. Der niedergeschlagene Snider erwacht, alarmiert die Polizei und Detective Lieutenant Sims (Sterling Hayden) erscheint mit seinen Leuten am Tatort – überzeugt, dass der Überfall die Spur jener drei Flüchtigen markiert, die er auf dem Weg nach Mexiko vermutet. Die sofort beginnende Fahndung macht es Morgan schwer zu entkommen. Er bestellt den Veterinär Dr. Otto Hessler (Jay Novello), einst selbst kriminell, zu dem seit 2 Jahren rehabilitierten und nun als Flugzeugingenieur tätigen Steve Lacey (Gene Nelson). Der seinerseits von einem Anruf Gat Morgans aus dem Schlaf gerissene Lacey ist beunruhigt, denn ihm ist sofort klar, dass hier die eigene, kriminelle Vergangenheit seine Hilfe fordert. Seine junge Frau Ellen (Phyllis Kirk) versucht ihn zu beruhigen, als es plötzlich an der Haustür klingelt…
 
Von der Polizei gehetzt wird in der Literatur zum klassischen Film Noir nur selten erwähnt – mit Ausnahme von Eddie Muller, der dem Werk in seinem Buch Dark City: The Lost World of Film Noir (1998) über eine ganze Seite widmet. Tatsächlich ist André de Toths (Pitfall, USA 1948) Thriller um drei ausgebrochene Sträflinge und den schweren Stand eines seit zwei Jahren rehabilitierten ex-Kriminellen so sehr Film Noir, wie das im Jahr 1954, noch mitten im erzreaktionären Klima der McCarthy-Ära, überhaupt ging. Und es ist ein Genuss zu sehen, bis zu welchem Grad sein Regisseur der US-Gesellschaft jener Jahre den Spiegel vorhält. Einmal abgesehen von der Brutalität und Skrupellosigkeit der Gangster – mit Doc Penny als ihrem  „Gentleman“ samt Ambitionen – zeichnet der Film das Bild eines Polizeistaates. Stellvertretend dafür steht Det. Lt. Sims – ein harter, kühler, unbarmherziger und durchweg unsympathischer Spieler auf dem Feld der Großstadt, dessen Methode zu arbeiten in einer konstanten Bedrohung seiner Mitmenschen besteht. Mit Sterling Hayden hat sich de Toth den idealen Darsteller ausgesucht, dessen physische Präsenz so schmächtige Verlierertypen wie Otto Hessler und dessen manisch aggressive (von einem Nikotinentzug zusätzlich befeuerte) Art so zart-introvertierte Leute wie Steve Lacey mit einem Satz platt schlägt. Des Zuschauers vermeintliche Idee von „Rauhe Schale = weicher Kern“ entpuppt sich im Lauf des Films als völlig falsch. Der proto-faschistoide Sims erweist sich als beinharter Feldwebel einer Zivilgesellschaft, die ohne es zu wissen in einem George-Orwell-Szenario angelangt ist. Auch für den Zuschauer erschließt sich der Verlauf der Untersuchung nicht vollständig, doch am Ende hat die Polizei genau deshalb die Oberhand, weil sie alle Schlupflöcher von vornherein kontrolliert und ihre tödliche Falle schnappt zu.
 

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© Warner Bros.
 
Es ist erstaunlich, wie die Produktion von Warner Bros. einerseits ein B-Film ist – de Toth drehte den Film in 15 Tagen an Originalschauplätzen im zumeist nächtlichen Los Angeles - und wie sehr sie andererseits auf einen Unterhaltungswert zu verzichten versteht. Von der Polizei gehetzt beweist als Film Noir deshalb Klasse, weil er von Anbeginn beklemmend und auch fies ist. Hier gibt es keine Romantiker außer Steve Lacey und der steht permanent mit dem Rücken zur Wand, weil ihn Gesellschaft und Gegengesellschaft einzig und allein als Schwächling brandmarken. Selbst seine Frau Ellen, die ihn aus Liebe heiratete, versteht genau, was die Stunde geschlagen hat und ist um einiges berechnender als er, denn sie, das stellt Eddie Muller im Audio-Kommentar der US-DVD sofort klar, hat in dieser Ehe die Hosen an. Gäbe es nicht eins, zwei Fehler – Gat Morgan wird in die Brust getroffen und hält sich die Hand auf eine Wunde in der Bauchgegend!? – wäre der Film glatt ein Anwärter für die volle Punktzahl. Zuletzt scheucht Sims die Zivilsten zurück in ihre Zellen kleinbürgerlichen Komforts – weg von der Straße, dem Schlachtfeld von Haben vs. Nichthaben. Sterling Hayden, Ted de Corsia und Timothy Carey spielten zwei Jahre später in Stanley Kubricks zweitem und sensationellem Film Noir Die Rechnung ging nicht auf / Killing (USA 1956). Und Kubrick, soviel ist sicher, hat gewusst warum.
 
Erstklassige US-DVD (Regionalcode 1) von Warner Bros. im ebenfalls erstklassigen Box-Set Film Noir Classic Collection Vol.4, ungekürzt im Originalformat und bildtechnisch restauriert, englische Tonspur mit wahlweise englischen Untertiteln, die Dokumentation Crime Wave: The City Is Dark, den Kinotrailer, Audiokommentare von Eddie Muller und Krimiautor James Ellroy als Extras. In Europa erschien der Film via Warner Bros. bis dato einzig in Frankreich.
 

Film Noir | 1954 | USA | André de Toth | Bert Glennon | Charles Bronson | Nedrick Young | Sterling Hayden | Ted de Corsia | Timothy Carey

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