Tod eines Radfahrers, Der

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Film Noir und Neo Noir von 1922 bis heute


Bewertung
****
Originaltitel
Muerte de un ciclista
Kategorie
Film Noir International
Land
ESP/ITA
Erscheinungsjahr
1955
Darsteller

Lucia Bosé, Alberto Closas, Bruna Corrà, Carlos Casaravilla, Otello Toso

Regie
Juan Antonio Bardem
Farbe
s/w
Laufzeit
88 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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Auf einer regennassen Landstraße Richtung Madrid fährt die reich verheiratete María José de Castro (Lucia Bosé) frontal in einen Radfahrer. Ihr ebenfalls im Wagen befindlicher Liebhaber, Juan Fernández Soler (Alberto Closas), ein Assistenzprofessor der Geometrie, sprintet zu dem auf dem Asphalt liegenden Schwerverletzten. Auch Maria José steht in einiger Entfernung von der Unfallstelle inmitten der winterlichen Landschaft, die die Straße säumt. Juan teilt ihr mit, dass der Mann noch am Leben sei. Die schöne Frau jedoch, sie ruft ihn nur beim Namen, dreht sich um und setzt sich hinters Steuer, indessen Juan ihr folgt. Wortlos fahren sie davon, während Juan über seine Schulter zurückblickt - dorthin, wo der Radfahrer dem Tod entgegensieht… Erst in Madrid findet Maria José Maria ihre Sprache wieder. Sie habe Angst, gesteht sie ihrem Geliebten, als sie sich in seine Arme wirft. Sie müsse sich keine Sorgen machen, gibt er ihr zu verstehen, niemand habe sie beobachtet. Er steigt aus dem Wagen und sieht ihr, indessen sie davonfährt, eine Weile nach... Mit einem extra langen Kuss provozieren Maria José und ihr Ehemann Miguel Castro (Otello Toso) auf einer abendlichen Feier in ihrem Haus den Beifall der Gäste. Vor dem Abendessen warten alle noch auf Carmina (Alicia Romay) und Jorge (Emilio Alonso), so dass Maria José sich zum Kunstkritiker Rafael Sandoval (Carlos Casaravilla) ans Klavier gesellt. Als sie sich nach dem Namen eines Musikstück erkundigt, antwortet er, dass er es erst soeben erdacht und "Erpressung“ genannt habe…

 

“Film noir did not develop in Spanish cinema to a great extent conditioned by the censors who would not permit any dissidence that would break with the immaculate image of the Franco regime”, heißt es in dem von Lorenzo J. Torres Hortelano herausgegebenen Directory of World Cinema: Spain (EA 2011). Damit sind wir schon mitten im Kontext jenes Schlüsselwerks spanischen Kinos, das 1955 auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde und für das sein Regisseur Juan Antonio Bardem den FIPRESCI-Preis (= Fédération Internationale de la Presse Cinématographique) zuerkannt erhielt. Über 4 Jahre später lief das Werk auch in bundesdeutschen Kinos - ein Jahr nachdem es in der DDR seine deutschsprachige Premiere gefeiert hatte. Die Leistung seines Autors und Regisseurs bestand und besteht für viele Kulturkritiker damals und heute im subversiven Widerstand gegenüber dem faschistischen Regime Francisco Francos, das bis zu den ersten freien Wahlen 1977 im Ganzen 40 Jahre andauerte. Der Tod eines Radfahrers prangert den bis ins Mark amoralisch egoistischen und ganz auf Wohlstand und Reichtum ausgerichteten Wertekanon an, für den jene Diktatur einen geradezu perfekten Nährboden bildete. Eine finale Auseinandersetzung zwischen Maria José und ihrem Ehemann Miguel reißt der hauchdünnen Fassade der Wohlanständigkeit ihren letzten Schleier vom Gesicht. Einzig und allein die Sorglosigkeit und die Behaglichkeit eines Luxuslebens, wie er es ihr bieten kann, halten die ihrem steinreichen Gatten in liebloser Abhängigkeit allemal “treue“ junge Ehefrau bei der Stange. Miguel weiß es und Maria José gesteht es ihm ein, womit der Bund ihres Lebens für beide zum Vorteil beschlossen scheint. Und beide wissen zudem, wie weit sie dafür zu gehen bereit wären. Nur auf den Zuschauer wartet noch eine letzte Überraschung.

 

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Juan Antonio Bardem bewegt sich mit Der Tod eines Radfahrers in direkter Nachbarschaft des italienischen Neorealismus’ eines Luchino Viscontis und eines Michelangelo Antonionis, mit dessen Debüt Chronik einer Liebe (ITA 1950) ihn auch Marsha Kinder in ihrem Essay Creating a Modern Spanish Cinema (2008 für die DVD-Edition der Criterion Collection) vergleicht: “Bardem’s Death of a Cyclist, like the Antonioni film, combines neorealism with noir thriller - and also features the same star, Lucia Bosé, as a bourgeois adulteress suspected of a class-cross murder.“ Sowohl die Leistungen der 24jährigen Bosé als auch diejenige des um 10 Jahre älteren Alberto Closas - die Filmhandlung beinhaltet, dass die beiden schon ihre Jugendliebe verbunden habe, was in Anbetracht des Altersunterschieds holprig wirkt! - sind erstklassig und tragen viel zum zeitlosen Genuss des dunklen Dramas bei. Darüber hinaus liefert Carlos Casaravilla in der Rolle des von Bitterkeit und Klassenhass zerfressenen Kunstkritikers Rafael Sandoval eine exzellente Darbietung ab. Mir persönlich war das gedoppelte Ende, nicht weit von demjenigen in Robert Siodmaks Strafsache Thelma Jordon (USA 1950), ein wenig zuviel des Guten, doch angeblich ist es u.a. der Zensur geschuldet. Als ein bemerkenswert eigenwilliger, grandios bebildeter und fantastisch geschnittener Film des europäischen Kinos der 50er Jahre sei Der Tod eines Radfahrers Freunden allen klassischen Film Noirs dennoch unbedingt empfohlen.

 

Bis auf so manches Werk der französischen Nouvelle Vague ist das (nicht-deutsche) europäische Kino der 40er und 50er Jahre auf dem deutschen BD- und DVD-Markt nur mit Ausnahmen vom Schlag Der dritte Mann (UK 1949) vertreten. In den USA wurde Der Tod eines Radfahrers mit einer edlen DVD-Edition (2008) in der Criterion Collection gewürdigt, bild- und tontechnisch hochwertig restauriert, mit dem spanischen Originalton und optional englischen Untertiteln, ungekürzt im Originalformat und dazu den bereits erwähnten Essay Marsha Kinders und Juan Antonio Bardems eigenen Aufsatz Report on the Current State of Our Cinema (1955) in einem 30seitigen Booklet mit Filmfotos und Produktionsnotizen, die Dokumentation Calle Bardem (ESP 2005) und den original Kinotrailer als weitere Extras. Eine spanische BD-Ausgabe (2014) von Diseño Divisa Home Video macht ebenso wie deren DVD von den Möglichkeiten digitalen Mediums keinen Gebrauch und bringt lediglich die spanische Tonspur ohne jedwede Untertitel oder gar eine Synchronisation. Schade!

 

Film Noir | 1955 | International | Juan Antonio Bardem | Lucia Bosé

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