Verraten

NOIR CITY 21 - Oakland 2024



Psychologische Verteidigung


Concorde Home Entertainment


Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


banner_der_film_noir_3.jpg


Bewertung
****
Originaltitel
Betrayed
Kategorie
Neo Noir
Land
USA/JPN
Erscheinungsjahr
1988
Darsteller

Debra Winger, Tom Berenger, John Heard, Betsy Blair, John Mahoney

Regie
Costa-Gavras
Farbe
Farbe
Laufzeit
122 min
Bildformat
Widescreen
 

 

 Verraten-Poster-web2.jpg BildBildBild
© United Artists Corporation
 
Chicago, Illinois: Der Rundfunkmoderator Sam Kraus (Richard Libertini) benutzt seine eigene Sendung, um im Gespräch mit seinen Hörern bevorzugt kontroverse Themen der US-Politik und -Gesellschaft zu debattieren. Die von Rassismus, Antisemitismus und anderen Spielarten des Hasses auf Minderheiten geplagte Nation wird von ihm vorgeführt, indem er seinen Telefonpartnern erlaubt, ihre Meinungen frei zu äußern. Doch als Kraus heute in der Tiefgarage seines Apartmentblocks den Wagen abstellt, wird er von zwei maskierten Uniformierten aus einem Minibus überfallen und mit automatischen Schnellfeuergewehren hingerichtet. Einer von ihnen sprüht die Abkürzung ZOG über die Leiche und die Seitenteile des Autos… In einem der Staaten des Wheat Belt, Teil der Great Plains im US-amerikanischen Mittelwesten, fährt Katie Phillips (Debra Winger) ihren Mähdrescher durch das unter der Sonne goldene Korn eines großen Weizenfeldes. Plötzlich hält sie inne, denn halb verborgen liegt etwas zwischen den Ähren, was sich nach Begutachtung als Vogelscheuche herausstellt. Da tritt der Farmer Gary Simmons (Tom Berenger) mit seinem Schäferhund Ronnie hinzu und entschuldigt sich bei der jungen Frau, denn er und sein Sohn Joey (Brian Bosak) hätten dort Schießübungen abgehalten und danach die Puppe vergessen. Doch Katie lässt den freundlichen Mann abblitzen. Doch schon am Abend treffen sie in der einzigen Bar vor Ort wieder aufeinander, wo Katie am Tresen ein Bier trinkt und Gary sie kurz entschlossen zum Tanz auffordert…
 
“Betrayed” is not a small, brave political statement like “Z,” it is a Hollywood entertainment with big stars, and vile racist manhunts have no place in it.” Es ist das Dümmste, was ich von dem angesehenen Filmkritiker Roger Ebert jemals las. In einem couragierten Independentfilm, so Ebert, sei Costa-Gavras’ Weltsicht am Platz, nicht in einer Hollywoodproduktion für ein großes Publikum, wo eine verstörende Gewaltszene, wie sie im Zentrum von Verraten steht, nichts zu suchen habe. Auf mich macht Roger Eberts gewohnt selbstbewusste Argumentation, die uns die Verquickung der privaten und beruflichen Ebenen der FBI-Agentin Catherine Weaver als unplausibel verkaufen möchte, damit den Eindruck, als sei jener mit der schmerzhaften Ambivalenz, die zum Ausdruck gebracht wird, schlicht überfordert. Verraten ist starker Tobak, was Kenner der dezidiert politisch motivierten Filmdramen Costa-Gavras’ nicht überrascht und ich schreibe bewusst „Dramen“, denn der Grieche ist kein verhinderter Dokumentarfilmer sondern ein Autor und Regisseur, der einen tief verwurzelten Hang zur Bühne als Ort dramatischer Aufführungen sein eigen nennt. In Verraten herrscht von Anbeginn sein feines Gespür der Inszenierung für die subtilen Noten menschlicher Kommunikation und der erwachsenen Bindungen oder Abgrenzungen. Schnell qualifiziert sich der über weite Strecken in ländlichen Gefilden angesiedelte Thriller als Neo Noir. Die Agentin und ihr Doppelspiel, das sich für die Gegenseite schließlich als abgründiger Betrug darstellen muss, ist in einer hoch komplexen Weise im Gefüge innerer Werte und primärer Bedürfnisse gefangen. Sie ist von ihrer Lebensgeschichte vorbelastet und verfügt doch über einen präzisen Kompass für Belange von Ethik und Moral. So erwächst der Geschichte eine tragische Komponente, wandelt sie sich zur Tragödie per se. Und das, so lässt sich der Rezeptionsgeschichte nicht nur via Roger Ebert ablesen, lag für viele US-Amerikaner in jenen Achtzigern offensichtlich jenseits ihres Erwartungshorizonts.
 
”And the guy is a war hero… Are you gonna hold all that against him?” – "Not in the 80’s, we can’t. It’s back in style.” Ich komme nicht, wie andere Kritiker, zu der Einschätzung, dass der Film den Widerstreit zwischen Hollywoods Ansprüchen via Joe Eszterhas als Drehbuchautor und den linkspolitischen Intentionen seines Regisseurs Costa Gavras widerspiegelt, so dass er im Resultat unausgegoren wirkt. So einfach lässt sich weder der Eine noch der Andere auf nur eine Facette reduzieren. Im Gegenteil verbinden sich die im Buch prägnant und drastisch angelegten Szenen zum Faschismus im US-amerikanischen Heartland mit dem feinsinnigen Blick auf seine Rollenträger, der für den Regisseur so typisch ist. Für mich ergibt sich im Rekurs auf die teils harsche Kritik bei Erstaufführung der Eindruck, die US-Amerikaner möchten sich mit Blick auf ihre inneren Probleme nicht von einem Europäer belehren lassen. Solche eher kulturell und weniger nationalistisch bedingte Sensibilität ist verständlich und verstellt andererseits den Blick auf die zeitlose Relevanz des Films, dessen Portrait des so aufrechten wie liebevollen Farmers und Kriegsveteranen Charlie Smith, der sich als rassistischer Mörder und Terrorist entpuppt, über vergleichbare Rollencharaktere im US-amerikanischen Film weit hinausgeht. Tom Berenger und Debra Winger liefern intensive darstellerische Leistungen auf hohem Niveau. Die übrige Besetzung, Schauplätze und Kameraarbeit sowie eine kompromisslos zupackende Dramaturgie samt Musik von Bill Conti, Steave Earle, The Ozark Mountain Daredevils, etc. runden einen Film, der nicht ganz das dunkle Meisterstück ist, das zu sein er zu Beginn verspricht, aber doch beinahe. Tom Berenger gab später in einem Interview zu verstehen, dass von all seinen Filmen ihm dieser der liebste sei. Ich kann es nachvollziehen.
 
Gute DVD-Ausgabe (2004) der MGM Home Entertainment GmbH, die den Film ungekürzt präsentiert, sogar im Originalformat, jedoch leider nicht als anamorphe Bildaufzeichnung sondern “letterboxed“, weshalb sich auf dem PC oder einem aktuellen LCD-Monitor an allen vier Seiten schwarze Balken ergeben, und das ist ärgerlich. Tonspuren auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch, optional Untertitel auf Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Dänisch, Griechisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, den Kinotrailer als Extra.
 

Neo Noir | 1988 | USA | Costa-Gavras | Joe Eszterhas | John Heard | Ted Levine | Tom Berenger | Debra Winger

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.