Lichter der Vorstadt

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Bewertung
****
Originaltitel
Laitakaupungin valot
Kategorie
Neo Noir
Land
FIN/GER/FRA
Erscheinungsjahr
2006
Darsteller

Janne Hyytiäinen, Maria Järvenhelmi, Maria Heiskanen, Ilkka Koivula, Sergei Doudko

Regie
Aki Kaurismäki
Farbe
Farbe
Laufzeit
74 min
Bildformat
Widescreen
 

 

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© Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG
 
In Helsinki ist Seppo Ilmaro Koistinen (Janne Hyytiäinen) ein Wachmann der Gesellschaft Western Alarm und bei seinen nächtlichen Rundgängen für die Sicherheit der Läden in einer Shopping Mall zuständig. Koistinen ist wortkarg und lethargisch. Niemand interessiert sich für ihn; er hat weder Bekannte noch Freunde. Besonders einer der Kollegen (Antti Reini) reißt Witze über den Mann, den alle meiden, und auch der Schichtleiter (Matti Onnismaa) treibt Schabernack, wenn er Koistinen zum Arbeitsende nach seinem Namen fragt. Der fährt ein altes Auto und isst nach Feierabend an der Imbissbude von Aila (Maria Heiskanen) noch ein paar Würste. Seine Versuche, in Bars mit Frauen in Kontakt zu treten sind unbeholfen und lächerlich. Für seine Pflichttreue als Wachmann erntet er sogar Prügel, als er eines Abends drei muskulöse Proleten (Jan Elsilä, Vesa Häkli, Jouni Kosenius) auffordert, sich um ihren vor einer Bar angebundenen Hund zu kümmern. Plötzlich jedoch scheint es das Schicksal gut mit ihm zu meinen. In einer Trinkhalle gesellt sich die hübsche Mirja (Maria Järvenhelmi) an seinen Stehtisch und spricht ihn an. Die beiden verabreden sich für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Gang ins Kino. Doch Koistinen ahnt nicht, dass der Gangster Lindholm (Ilkka Koivula) ihn für den Raubzug auf ein Juweliergeschäft auserkoren hat und Koistinens Befugnisse als Wachmann dafür die nötigen Kenntnisse liefern sollen. Der Lockvogel für den naiven Kerl ist niemand sonst als die bezaubernde Mirja…
 
„Der Film-noir-Plot fügt sich in die minimalistische Form Kaurismäkis. In „Lichter der Vorstadt“ hat er seinen Stil nochmals reduziert“, resümierte Ricarda Schrader für die Deutsche Presse-Agentur. „Ein finnischer film noir mit viel Herz und Mitgefühl, der seinen Wettbewerbsplatz auf jeden Fall verdient hat“, schrieb Andreas Borcholte in einem Artikel über die Filmfestspiele in Cannes 2006 für Spiegel Online. Wichtig aber ist, dass sein Regisseur Kaurismäki letztendlich zupacken kann und nicht im trockenen Humor und im Allzumenschlichen steckenbleibt. Ein weiterer zeitgeisttypischer Schmunzel- und Wohlfühlfilm vor Low-Life-Kulisse ist Lichter der Vorstadt nämlich nicht. Er ist allerdings für die Verhältnisse Aki Kaurismäkis, der 2006 auf 25 Jahre Filmschaffen zurückgreifen konnte, auch nicht besonders originell und schon gar nicht neu. Er erzählt eine Variante der Geschichte, die der Zuschauer bereits in I Hired A Contract Killer (1990) oder Der Mann ohne Vergangenheit (2002) serviert bekam, beides ansatzweise bessere Filme. Zugleich ist an Lichter der Vorstadt interessant, dass sein Protagonist so uninteressant ist und ihn genau das für die Rolle des Opfers und letztlich des Verlierers prädestiniert. Im Rahmen einer Systematik, die jederzeit auf einen Gewinn abzielt und daher auf Effizienz angewiesen ist, verhält sich der träge und tumbe Koistinen immerfort paradox. So sieht und beurteilt ihn das System, ob nun Gesellschaft oder Gegengesellschaft, stets aufs Neue als Idioten.
 
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© Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG
 
Auch wir Zuschauer warten, dass Koistinen den Schleier um sich herum endlich zerreißt, dass er aktiv wird und sich wehrt und zu Aila bekennt, die ihn offenbar liebt. Für Mirja ist er nur ein Trottel und Lindholm lobt sich selbst, dass er den in Fatalismus und Ergebenheit gefangenen Koistinen auf den ersten Blick als Verlierernatur zu erkennen wusste. Koistinen weigert sich, aus der Begrenztheit seines Daseins auszubrechen und nimmt jede Demütigung, die ihm eine dadurch zu immer größerer Aggressivität angestachelte Außenwelt zufügt, fast teilnahmslos hin. So konterkariert Aki Kausimäki die Erwartungen seines Kinopublikums und folgt erneut Vorbildern der Nouvelle Vague, namentlich Godard, insofern Koistinen kein Antiheld nach US-amerikanischen Vorbild ist, welcher über die Jahrzehnte selbst zum Held mutierte – zwar einsam, betrogen, geprügelt, zugleich kämpferisch, mutig, selbstbestimmt. Letzteres ist Koistinen nicht und rückt damit in die Nähe von Charakteren klassischen Film-Noir-Kinos, vergleichbar mit Al Roberts (Tom Neal) in Umleitung (USA 1945) oder Steve Thompson (Burt Lancaster) in Gewagtes Alibi (USA 1949). Das allein und eine wunderbare Kameraarbeit von Timo Salminen und natürlich sein Minimalismus zeichnen Lichter der Vorstadt aus. Mitunter gibt es etwas zuviel Musik; vor allem der Auftritt der Rockband Melrose wirkt im Kontext zu lang und deplatziert. Kein Film für jedermann, aber für Freunde provokant europäischen Kinos allemal empfehlenswert.
 
Erstklassige DVD-Edition (2007) der Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG, Köln, die den Film ungekürzt im Originalformat mit wahlweise der deutschen oder der finnischen Tonspur inklusive nicht ausblendbarer deutscher Untertitel präsentiert. Auf Extras wurde im hohen Dienst der Reduktion verzichtet.
 

Neo Noir | 2006 | International | Aki Kaurismäki | Timo Salminen | Sulevi Peltola

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