tallos amargos, Los

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Eddie Muller


Wenn es Nach wird in Paris


Film Noir Collection Koch Media GmbH


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Bewertung
*****
Originaltitel
Los tallos amargos
Kategorie
Film Noir
Land
ARG
Erscheinungsjahr
1956
Darsteller

Carlos Cores, Julia Sandoval, Vassili Lambrinos, Gilda Lousek, Pablo Moret

Regie
Fernando Ayala
Farbe
s/w
Laufzeit
90 min
Bildformat
Vollbild

 


 

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Buenos Aires, Argentinien: Am Plaza Miserere im Stadtteil Balvanera hält am Bahnhof Once de Septiembre ein Taxi, als das Läuten der Turmuhr die Mitternachtsstunde verkündet. Journalist Alfredo Gaspar (Carlos Cores) und sein Geschäftspartner Liudas (Vassili Lambrinos) steigen aus, letzterer mit einem Handkoffer. Gaspar bezahlt den Fahrer, während Liudas sich den Schweiß aus dem Nacken wischt. Wortlos laufen sie die Stufen zu den unterirdisch gelegenen Gleisanlagen hinunter. Gaspar kauft am Schalter ein Erste-Klasse-Ticket nach Ituzaingó, ohne Rückfahrt. Er gibt es an Liudas und sie gehen den Tunnel bis zum Gleis entlang, wo sie pünktlich zur Abfahrt des Nahverkehrszuges um 10 Minuten nach zwölf eintreffen. Sie nehmen auf einer Holzbank nebeneinander Platz, und Liudas erwähnt, dass er sich auf ihre Auszeit im Haus von Alfredos Mutter (Virginia Romay) und dessen Schwester Esther (Gilda Lousek), die für ein paar Tage verreist sind, sehr freue, schließlich hätten sie sich das verdient. Seit einigen Monaten betreiben die beiden eine Agentur zwecks Ausbildung zum Journalisten per Fernstudium. Das Ganze ist allerdings ein Schwindel, der leichtgläubigen Zeitungslesern das Geld aus der Tasche zieht. Doch der Erfolg gibt ihnen Recht; ihre Geldsorgen sind sie los. So kann Liudas, der in diesen Tagen des Zweiten Weltkriegs seine Heimat Ungarn verlassen musste, darauf hoffen, seine dreiköpfige Familie nach Argentinien zu holen. Alfredo Gaspar scheint seine Freude darüber nicht wirklich zu teilen…

 

Der preisgekrönte, zweite Spielfilm des argentinischen Regisseurs Fernando Ayala in Kooperation mit dem renommierten, chilenischen Kameramann Ricardo Younis galt über Jahrzehnte als verschollen. Erst im Jahr 2014 gelang es dem Cineasten und Archivar Fernando Martín Peña das Originalnegativ des Werks in Buenos Aires aufzustöbern. Im Anschluss besorgte die Film Noir Foundation in San Francisco in Zusammenarbeit mit dem UCLA Film & Television Archive, Los Angeles, die aufwendige Restauration des lateinamerikanischen Klassikers. Nun, es war die Mühe wert. Los tallos amargos, der in den USA unter dem Titel The Bitter Stems in einer fantastisch editierten BD-Edition erschien, ist ein cineastisches Meisterstück. Sogar im europäischen Film Noir jener Jahre dürfte ein Werk von solcher Drastik und Tragik, welches an die griechische Tragödie erinnert, im Segment des Kinofilms selten zu finden sein. Als Alfredo Gaspar gibt der argentinische Filmstar Carlos Cores eine großartige Darstellung des von Minderwertigkeit, Geltungssucht und Existenzängsten zerfressenen, unheilbar traumatisierten Journalisten. Hält man ihn zu Beginn für frustriert und zur falschen Zeit am richtigen Ort, in dem von ihm gewählten Zeitungsberuf, bebildert eine Traumsequenz, in welchem Ausmaß sein deutschstämmiger Vater, ein Veteran des ersten Weltkriegs, den Knaben mit Fantasien von einer glorreichen Militärkarriere auf internationalen Kriegsschauplätzen infizierte. Nach des Vaters Tod verhinderte die Mutter, dass Alfredo, der sich mit gepackten Koffern bereits als Soldat im Zweiten Weltkrieg sah, dieser Neigung nachging. Nichts an ihm ist im Alter von 32 Jahren leicht. Allerorten lauern Fallstricke, die seine Unsicherheit und das tief wurzelnde Unglück zutage fördern, weshalb der Kollege Andreani (Bernardo Perrone) bei ihm eine unstillbare Eitelkeit diagnostiziert. Als Gaspar in der beruflichen Partnerschaft mit dem leichtlebigen und praktisch veranlagten Weltkriegsflüchtling Liuda seine finanziellen Sorgen in den Griff bekommt, wähnt er sich bald erneut betrogen und um seinen Anteil an Ruhm und Geltung gebracht, dem er immer und ewig nachjagt.

 

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“You’d never get an ending as dark and twisted as that in Hollywood“, kommentierte Eddie Muller, Präsident der Film Noir Foundation, bei seiner Vorstellung des Werks als Moderator der TV-Reihe Noir Alley von Turner Classic Movies. Muller hat persönlich die Wiederentdeckung und Restaurierung des Films befördert. Er bringt es auf den Punkt: Schon nach 10 Minuten weiß der Cineast klassischen Kinos, dass die Adaption des Romans gleichen Namens (EA 1955) von Adolfo Jasca wohl kein “Happy End“ mit sich bringt. Lawrence Huntingtons Abgründe (UK 1947), Peter Lorres Der Verlorene (GER 1951) und Román Viñoly Barretos La bestia debe morir (ARG 1951) fallen mir ein, wenn ich Finale und Ende in einen Zusammenhang mit dem Kino der 40er und 50er Jahre stelle. Erstklassige Schauspieler und eine glaubwürdige Erzählung mit ausgefeilten Rollencharakteren, Ricardo Younis‘ inspirierte Kameraarbeit sowie eine fantastische Filmmusik von Astor Piazzolla bilden zusammen, was über die Summe seiner Teile weit hinausreicht. Indessen mir heutzutage viele B-Produktionen aus der Ära klassischen Film Noirs mit ihren 08/15-Kriminalgeschichten erheblich überbewertet erscheinen, ist Los tallos amargos definitiv ein verlorener und wiedergefundener Schatz des argentinischen Kinos. Für mich zählt er zu den besten Produktionen des Film Noirs, die außerhalb der USA je gedreht wurden. Das Werk hatte und hat Weltniveau, und es bleibt zu hoffen, dass es auch hierzulande von einer nachrückenden Generation von Filmliebhabern goutiert werden wird.

 

Unterm englischen Titel The Bitter Stems gibt es von diesem Film weltweit bis dato eine einzige, enorm hochwertige Edition als Blu-ray und DVD (2021) in einer Box und zwar von Flicker Alley mit der via Film Noir Foundation durch das UCLA Film & Television Archive restaurierten Fassung, ungekürzt und im Originalformat, mit dem spanischen Originalton und englischen Untertiteln. Die Extras beinhalten eine Einführung in den Film durch Eddie Muller (Film Noir Foundation), ein Gespräch über den Film mit Fernando Martín Peña, einen Audiokommentar von Autorin und Filmwissenschaftlerin Imogen Sara Smith sowie ein 23-seitiges, reich bebildertes Booklet mit einem informativen Filmessay.

 


 

Film Noir | 1956 | International | Fernando Ayala | Aída Luz

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