Equinox

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Bewertung
****
Originaltitel
Equinox
Kategorie
Neo Noir
Land
USA/CAN
Erscheinungsjahr
1992
Darsteller

Matthew Bodine, Lara Flynn Boyle, Fred Ward, Tyra Ferrell, Marisa Tomei

Regie
Alan Rudolph
Farbe
Farbe
Laufzeit
105 min
Bildformat
Widescreen

 


 

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Minneapolis, Minnesota, USA: Im Schatten von Wolkenkratzern, lokale Regierungsgebäude, versuchen sich Obdachlose an Feuerstellen in Ölfässern zu wärmen. Mitten auf einer verkehrsreichen Kreuzung bricht die geschwächte Helena (Pat Clemons) zusammen und stirbt. Niemand außer einer sie begleitenden Freundin kümmert sich um sie, indessen sie jener einen ungeöffneten Brief aushändigt, von einem Prinzen, der sie einst verließ… Im Leichenschauhaus erklärt die Angestellte Sonya Kirk (Tyra Ferrell) an einer Schreibmaschine sitzend ihrer Kollegin Bess (Meegan Lee Ochs), dass sie ein Märchen schreibe. Nach dessen Veröffentlichung werde es sie ihrer drögen Existenz entreißen, kündigt sie ihr an. Als sie sich um Helenas Leiche kümmern muss, entdeckt sie den ungeöffneten und versiegelten Brief als fast einziges Hab und Gut der Toten und bringt ihn in einem unbewachten Moment an sich… Im überfüllten Linienbus sind die Freunde Henry Petosa (Matthew Modine) und Russell Franks (Kevin J. O’Connor) auf dem Weg nach Hause, indessen sie unter rüpelhaften Passagieren (Elizabeth Gray, Randy Gust) zu leiden haben. Russell träumt von Anna Gutierrez (Angel Avilez), der Kellnerin in einem italienischen Restaurant. Er schlägt vor, dass sie sich inklusive seiner Schwester Beverly (Lara Flynn Boyle) in dem Restaurant treffen, zumal Beverly ständig von ihm, Henry, spräche. Doch jener will das nicht glauben. Henry ist extrem schüchtern und aufgrund seiner Schutzlosigkeit geradezu verzweifelt…

 

I was so popular in high school, everyone hated me.“ Seit dem Frühwerk Du wirst noch an mich denken (USA 1978) mit Geraldine Chaplin und Anthony Perkins in den Hauptrollen war Alan Rudolph immer wieder ein Regisseur für den Neo Noir. Rudolphs Diamantenfieber / Trouble In Mind (USA 1985) war dezidiert dem Film Noir verpflichtet, erweist sich aber noch heute als Flop: eine fade Geschichte, ein hölzerner Kris Kristofferson, ein lächerliches Finale, hier stimmte fast nichts. Meine Erwartung an Equinox hielt sich daher in Grenzen und die erste halbe Stunde konnte mich nicht begeistern. Einige der für den vom Zeitgeist jener Jahre beeinflussten Alan Rudolph typischen Klischees ließen mir die Kulissen der Stadt wie deren Inszenierung auf einer Theaterbühne erscheinen, die zu oft mit irrelevanten Nebenfiguren bevölkert ist. Erst im zweiten Drittel rücken die zentralen Charaktere in den Fokus, treten die Konturen der Erzählung selbst deutlich zutage, ihre Fäden entwirren sich. Hier zeigt der Film mit Beverly Franks und Sonya Kirk zwei Frauenfiguren, die als Gegengewicht zu den neurotischen und desperaten Männern der Geschichte einiges an Besonderheit abringen. Beverlys nächtlicher Tanz mit einem Kissen war eine der ersten Szenen, die mich staunen ließen. Es folgten viele andere in einem bizarren und eigentümlich luziden Bilderrbogen von Neo Noir, wie er in seiner Art kaum vorhersehbar ist. Es liegt ein Hauch von zeitgenössischem Märchen über Alan Rudolphs urbaner Vision auf Zelluloid, die mitunter grell und für jene frühen 90er Jahre typisch ist. Es fällt nicht schwer, sie als Zeitgeist abzutun und ihre immer auch fragile Substanz vom Tisch zu fegen. Nur zwei Jahre später brachte Quentin Tarantino sein stilbildendes Epos Pulp Fiction (USA 1994) – eine bluttriefende, beinharte Gangsterballade mit biestigen Chicks und fiesen Kanaillen, die jene arty-farty Film-Noir-Referenzen eines Alan Rudolphs in den Schlund des Gestrigen stießen. Klar doch! So könnte man argumentieren. Allerdings hat der Kassenschlager Pulp Fiction damals wie heute weit weniger zu bieten als ein Werk wie Equinox, widmet man sich ihm erst einmal mit der nötigen Aufmerksamkeit.

 

“Rudolph paints a bleak picture of urban America — streets are jammed with the homeless, and lotteries sell false hopes that only intensify the feeling of isolation”, schrieb Peter Travers in einer enthusiastischen Rezension des Films für das Magazin Rolling Stone. Genau dies mag sein Publikum eher vergrätzt haben, die ständig aus allen Ecken und Winkeln kreuchende Hoffnungslosigkeit der Liebesbeziehungen und Familienbande, die noch auf Nebenschauplätzen in Mord und Totschlag enden, gestern und heute Witwen und Waisen zurücklassen, die nicht wissen, wie ihnen geschah und geschieht. M. Emmett Walsh, ein wunderbarer Darsteller aus der zweiten Reihe vieler Independentproduktionen, zeigt sich von seiner besten Seite. Lara Flynn Boyle war in der ersten Hälfte der 90er Jahre eine der schönsten und talentiertesten Darstellerinnen Hollywoods – mit Mitte Vierzig ist sie nach zahllosen Schönheitsoperationen völlig entstellt und ihre Karriere längst beendet. Auch Richie Dunn, Matthew Modine, Marisa Tomei und Tyra Ferrell überzeugen; einzig der Rollencharakter Mr. Paris (Fred Ward) erscheint als Mobster etwas zu sehr vom Reißbrett. Wenn zum Abspann einmal mehr Ali Farka Toure erklingt, hat man den Eindruck, Autor und Regisseur Alan Rudolph wusste genau, was er wollte und was er tat. Equinox ist in seiner Art kein Film für jedermann, aber ein kluges Puzzle mit glaubwürdigen Charakteren und ein Film, der bei entsprechender Sensibilität für dessen Nuancen einige Zeit nachwirkt. Empfehlenswert.

 

Sehr gute deutsche DVD-Edition (2010) von JAM Entertainment mit dem Film bild- und tontechnisch sauber restauriert, den englischen Originalton und eine deutsche Tonspur inklusive, allerdings keine Untertitel, den Kinpotrailer als Extra.

 

Neo Noir | 1992 | USA | Alan Rudolph | Fred Ward | M. Emmet Walsh | Lara Flynn Boyle | Marisa Tomei

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