Engel, der ein Teufel war, Der

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Bewertung
*****
Originaltitel
Voici le temps des assassins...
Kategorie
Film Noir
Land
FRA
Erscheinungsjahr
1956
Darsteller

Jean Gabin, Danièle Delorme, Gérard Blain, Lucienne Bogaert, Germaine Kerjean

Regie
Julien Duvivier
Farbe
s/w
Laufzeit
113 min
Bildformat
Vollbild

 


 

 Der Engel der ein Teufel war-Poster-web1.jpg  Der Engel der ein Teufel war-Poster-web2.jpg Der Engel der ein Teufel war-Poster-web3.jpg Der Engel der ein Teufel war-Poster-web4.jpg

 

Das Quartier des Halles im Pariser Arrondissement du Louvre: Es an diesem Herbstmorgen genau 7:00 Uhr, als die hübsche Catherine (Danièle Delorme) aus der Metrostation tritt und sich umblickt. Dann bewegt sie sich zielstrebig in Richtung der alten Markthallen, wo um diese Zeit schon ein reger Trubel herrscht. Doch in dem mitten darin gelegenen Restaurant Au Rendez-vous des Innocents seines Betreibers André Chatelin (Jean Gabin) sind die schweren Läden noch geschlossen. Schließlich ist es Chatelin persönlich, der sie hochzieht und ins nasskalte Wetter hinausblickt, indessen ihn die frühen Gäste an der Bar darauf aufmerksam machen, dass er in der Zeitung erwähnt sei. Die ersten Angestellten erscheinen, unter ihnen der dem Meister Chatelin assistierende Koch Amédée (Jean-Paul Roussillon), so wie jeden Tag auch heute zu spät. Umso mehr ist er davon angetan, dass neben Chatelin auch er in der Zeitungsmeldung über das exquisite Etablissement erwähnt wird. Catherine beobachtet, wie Chatelin sein Restaurant verlässt, um sich auf den Markt zu begeben. Erst jetzt betritt sie das Au Rendez-vous des Innocents und erkundigt sich nach dessen Inhaber. Man vertröstet sie auf die Mittagszeit, dann sei Chatelin zurück. Jener trifft auf dem Markt inzwischen den Medizinstudenten Gérard Delacroix (Gérard Blain), der dort arbeitet und sich seinen Lebensunterhalt finanziert. Der kinderlose Junggeselle Chatelin hat in dem Jungen einen Freund und einen Ersatz für den ihm fehlenden Sohn, die beiden verstehen sich bestens…

 

„Henri-Georges Clouzot, dessen Stammkameramann Armand Thirard auch diese hermetische Etüde über die Bestie Mensch (…) fotografierte, dürfte an »Voici le temps des assassins« seine dunkle misanthropische Freude gehabt haben“, schreibt Sebastian Schubert für sein KinoTageBuch über das späte Meisterwerk Julien Duviviers, das seinerzeit auch den Filmjournalisten und späteren Regisseur François Truffaut (Schießen Sie auf den Pianisten, FRA 1959) begeisterte. Der Hinweis auf Jean Renoirs Bestie Mensch (FRA 1938) mit Jean Gabin ist übrigens triftig. Jules Duvivier und Gabin hatten fast 20 Jahre zuvor für den einflussreichen Pépé le Moko - Im Dunkel von Algier (FRA 1937) schon miteinander gearbeitet, der Gabin endgültig zum Durchbruch verholfen hatte. Neben Marcel Carné, u.a. Regisseur von Hotel du Nord (FRA 1938), waren sie die wichtigsten Vertreter des französischen Poetischen Realismus, dessen Pessimismus und Stil für den US-amerikanischen Film Noir so wie der deutsche Expressionismus ein wichtiger Einfluss wurde. Kein Zufall ist auch, dass die erste Verfilmung des Romans Die Rechnung ohne den Wirt (EA 1934) aus der Feder von James M. Cain von Pierre Chenal unter dem Titel Le dernier tournant (FRA 1939) ins Kino gebracht wurde. Schuberts Hinweis auf Cains Buch ist stimmig; vor allem im zweiten Teil des Films sind die Parallelen auffällig. Andererseits erinnert die Figur der eiskalt berechnenden Catherine, deren Umtriebe André Chatelin und Gérard Delacroix in einen Abgrund ziehen, an die mörderische Ellen Berent (Gene Tierney) in John M. Stahls Todsünde (USA 1945) nach dem Roman Leave Her To Heaven (EA 1944) von Ben Ames Williams. Doch während die US-Verfilmungen der beiden genannten Bücher unausgegoren und gezähmt wirken, ist Jules Duviviers Der Engel, der ein Teufel war ein in Vergessenheit geratenes Meisterstück.

 

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Es gibt in den 50er Jahren so manchen Film, durch den schlafwandelt Jean Gabin zwecks seiner Gage einfach hindurch. Allein 1956 hatte er in fünf Filmen die Hauptrolle inne, im Jahr zuvor waren es ebenso viele. Doch hier ist es anders. Gabin ist sichtlich engagiert, erfüllt die Figur Chatelins mit Leben und hebt das Ensemble mit seinem Spiel zu sich empor. Danièle Delorme und Gérard Blain sind als Vertreter der jungen Generation ebenso überzeugend wie Lucienne Bogaert und Germaine Kerjean als Mütter der Ehepartner und Kontrahenten sowie Gabrielle Fontan als Madame Jules - Chatelins greise Gouvernante mit mehr als nur Haaren auf den Zähnen. Sie alle tragen neben den famosen Schauplätzen viel zum Gelingen der boshaft zynischen Geschichte bei. Die französische Variante des Film Noirs war in jenen Jahren radikaler und amoralischer als der Großteil der Schwarzen Serie aus den USA, sieht man von Robert Aldrichs Rattenest (USA 1955) und Stanley Kubricks Die Rechnung ging nicht auf / Killing (USA 1956) einmal ab. Die Rolle der Femme fatale ist dabei häufig eine zentrale. Auch in Jean-Pierre Melvilles Drei Uhr nachts (FRA 1956) steht sie zwischen dem alternden Gangster und seinem Zögling. In Clouzots Die Teuflischen (FRA 1955) handelt Simone Signoret so unerbittlich wie hier Danièle Delorme und in Marcel Carnés Thérèse Raquin - Du sollst nicht ehebrechen (FRA 1953) erinnert die Konstellation der Liebenden nicht zufällig an das bereits erwähnte Buch John M. Cains. Sowohl Carné als auch Duvivier schlossen Mitte der 50er an ihre Meisterwerke der 30er Jahre an und bewiesen, dass das französische Erzählkino in Händen schöpferisch potenter Kräfte stets großartig sein konnte. Unbedingt ansehen!

 

Aus Frankreich gibt es eine kombinierte Blu-ray/DVD vom Juni 2016, welche die vom Studio Pathé hochauflösend restaurierte Fassung des Klassikers enthält, allerdings nur mit französischem Ton und französischen Untertiteln. Die spanische Blu-ray (2016) enthält den Film in der o.a. Restauration und ungekürzt im Originalformat, sie bietet ebenfalls den französischen Ton, dazu spanische Untertitel. Beide Fassungen sind der 2004 in Frankreich erstmals erschienenen DVD vorzuziehen. Warum jedoch 20 Jahre nach Einführung der DVD, darauf sich vielfältig Tonspuren und/oder Untertitel abspeichern ließen, kein internationales Publikum, das so einen Film vor 60 Jahren weltweit (!) im Kino sehen konnte, sondern immer und immer wieder nur der Binnenmarkt anvisiert wird, ist und bleibt ein Rätsel einer dem Protektionismus und ihren Lizenzgebühren verpflichteten Filmindustrie.

 

Film Noir | 1956 | France | Julien Duvivier | Armand Thirard | Gérard Blain | Jean Gabin | Robert Manuel

Submitted by Sebastian Schubert (nicht überprüft) on 2. November 2016 - 23:53

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Ich freue mich sehr, dass ich auf dieser tollen Seite immer mal wieder zitiert werde. :o)

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